Kultur

Sag mir, wo die Blumen sind

Das Argovia Philharmonic spielt in seinem 2. Abokonzert ein wunderbares Programm, das nicht ganz zur Blüte kommt.

Sag mir, wo die Sinfonien sind, wo sind sie geblieben? Nicht umsonst führt das Argovia Philharmonic den Beinamen das innovativste Sinfonie-Orchester. Das konnte man einmal mehr am jüngsten Sinfoniekonzert des Orchesters erleben, welches ganz ohne Sinfonie auskam.

Vermisst hat diese wohl für einmal niemand. Denn für ihr Fehlen man wurde reich entlöhnt mit einem wunderschönen Programm im Rahmen der Mendelssohn-Tage-Aarau, das die Neugier und die Ohren gleichermassen kitzelte. Angefangen bei einer der aufwühlend sten Ouvertüren der Musikgeschichte: Jene von Robert Schumann zu seinem «Manfred». Bereits als 19-Jähriger hatte Schumann in sein Tagebuch notiert: «Bettlectüre: Manfred v. Byron – schreckliche Nacht».

Ob er sich in der Figur wieder erkannte? Der von Schuldgefühlen und Trauer getriebene Manfred stirbt, die Absolution durch einen Abt noch im Tod ablehnend, Auge in Auge mit seiner Schuld. Romantisch-abgründiger geht es nicht.

Funke springt nicht vom Dirigenten ins Orchester

Dass ausgerechnet von dieser Getriebenheit am Freitag zu wenig zu spüren war, ist merkwürdig. Stand doch auf dem Dirigierpodest mit Jan Willem de Vriend einer der renommiertesten Alte-Musik-Dirigenten der Gegenwart (der ebenfalls am Programm beteiligt war). Und einer, der den Beinamen «der Innovativste» getrost auch führen dürfte, hat der ehemalige Geiger doch, als er ein Barockorchester dirigieren wollte und kein passendes fand, kurzerhand ein eigenes gegründet (das Combattimento Consort Amsterdam) und damit international für begeisterte Kritiken gesorgt.

Trotzdem: Der Funke sprang nicht. Oder zumindest nicht so richtig. Die Melodien leuchteten zaghaft, die Treibjagd der Emotionen war nur streckenweise spürbar, oft brauchten die Musiker am Anfang der Phrasen Anlaufzeit, bis sie sich in Ausdruck und Zusammenspiel fanden. Ob es auch daran lag, dass sowohl in den ersten Geigen als auch in den Celli Zuzüger die Position der Stimmführer einnahmen?

Sorgen Zuzüger als Stimmführer für Verwirrung?

Geiger Daniel Dodds (Festival Strings Lucerne) brachte jedenfalls alles mit, was es für einen Konzertmeister braucht. Womöglich waren die Orchestermusiker aber schlicht zu wenig vertraut mit ihm? Beim Begleiten des 24-jährigen Solisten Aaron Pilsan im Klavierkonzert Nr. 1 von Mendelssohn lief es schon runder. Wohl auch, weil mit Pilsan ein sensibler Hinhorcher dem Konzert Momente voll schwebender Schönheit entlockte. Selbst, wenn er und das Orchester im ersten Satz ein rasantes Tempo wählten, koste es was es wolle – und es denn prompt ein Paar falsche Töne kostete.

Klavierkonzert sorgt für Gänsehaut-Momente

Der langsame Satz machte dies mit Gänsehaut-Momenten, die die Zeit aus den Angeln zu heben schienen, wieder wett. Ganz aus dem Vollen schöpfen konnte das Argovia Philharmonic spätestens mit Mendelssohns Konzertarie «Infelice! Già dal mio sguardo», gesungen von der Schweizer Sopranistin Kathrin Hottiger – und gespielt von Daniel Dodds (Solo) sowie dem Orchester. Hier (und später auch in der Romeo und Julia-Ouvertüre von Tschaikowsky) brachten die Musiker gemeinsam mit Dirigent Jan Willem de Vriend das Liebesunglück einer Verlassenen mal mit schönstem Lamento, mal mit funkensprühender Dramatik zum Ausdruck.

Mendelssohn wurde Musiker, seine
Schwester musste haushalten

Welch ein Unterschied zu den beiden Klavier-Liedern von Fanny Hensel, die Hottiger zuvor gesungen hatte! Die zwei schlichten Schlussakkorde, die das Lied der Mignon («Sehnsucht nach Italien») in stiller Bescheidenheit beenden, erzählen neben der Geschichte der Mignon auch jene von Mendelssohns Schwester Fanny.

Auf Geheiss ihres Vaters hatte sie sich als Erwachsene statt mit romantischen Akkorden, mit häuslichen Angelegenheiten zu beschäftigen. Nach dem herzlichen Applaus verliess man das Konzert also mit der Frage im Kopf: «Sag mir, wo das Blühen ist?» Anders gesagt: Warum kommt selbst die beste Anlage (mal bei der jungen Fanny, mal beim innovativsten Orchester) nicht immer zur vollen Blüte?

Hinweis Aarau, Kultur & Kongresshaus. Di., 5. Nov.

Autorin

Anna Kardos

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