«Wir sassen beim Mittagessen mit unseren deutschen Kollegen. Am Nachmittag sollte das Rugby-Spiel stattfinden. Da kam die Nachricht: ‹Wir sind jetzt im Krieg mit Deutschland.› Es gab eine kurze Diskussion. Dann wurde beschlossen: ‹Wir fangen mit dem Krieg erst morgen an.› Und die Party ging weiter.» So beschreibt eine Stimme aus dem Off, wie man in England den 4. August 1914 erlebt habe. Unter- oder besser «über-legt» ist die Aussage mit Bildern eines munteren Rugby-Matches und dann von Schülern, wie sie an langen Tischen in ihren Internaten ihre Suppe löffeln.

Es sind schwarz-weisse Bilder. Schwarz-weiss geht es auch weiter. Man sieht Szenen aus Rekrutierungsbüros und hört mehrfach: «Erst 17?, sagte der Offizier. Dann geh raus, mach Geburtstag und komm wieder rein, wenn du alt genug bist. Das habe ich gemacht. Dann war ich dabei.»

Es ist historisches Material. Chaplinesk mutet es an. Uniform fassen, marschieren, Gewehrdrill, exerzieren, essen. Der Titel des Films sagt es, wir Nachgeborenen wissen es: «Sie werden nicht alt.» Denn das Ganze dient ja nur als Vorübung für die Blutmühle, welche die Historiker den «ersten modernen Krieg» nennen. «Modern» war er insofern, als es mehr auf Technologie und Logistik ankam als auf Mannesmut. Das «Material», das sich da vorbereitete, ahnte davon nichts.

Von der Heimat in den Krieg

Die Erzählzeit des Films folgt der historischen Chronologie: Einschiffung, Landung, Marsch an die Front. Und immer wieder: eine Tasse Tee. Dann wird der Film farbig und beginnt zu leben. Diese Empfindung bekommt man unweigerlich, wenn die Bilder entruckelt und mit synchronisierter Tonspur unterlegt werden. Man «hört» jetzt auch die Granateinschläge. Jetzt sind wir im Krieg.

Dass die Bilder den Krieg verharmlosen, darf man nicht sagen. Es werden genug Tote gezeigt, auch wenn Szenen, in denen Soldaten umkommen, nur erzählt werden. Vielleicht gibt es diese Aufnahmen nicht, vielleicht hat man bewusst darauf verzichtet. Thematisiert wird vor allem der Alltag in den Gräben. Der Dreck, der Schlamm, die Ratten, Soldaten, die irgendwo schlafen.

Der Grundton – durch die Oral-History-Beiträge der Überlebenden geliefert – bleibt mehrheitlich positiv. «Irgendwie durch», «das Beste daraus machen» – andere Formulierungen findet man als Überlebender nur schwer. Oder dann wird man nicht gefilmt. Auffallend auch, wie jung die Engländer alle sind. Und wie fröhlich. Solche Zahnstellungen sieht man in unseren Zeiten der Spangen und Korrekturen nicht mehr.

Das Schlachtfeld farbig zu sehen, hinterlässt Wirkung beim Zuschauer. Graue Mondlandschaften sind weniger wirklich als braune. Ob in Belgien oder Frankreich, im Angesicht des Todes sind alle Schlachtfelder gleich.

Ahnungslos bleibt das Kanonenfutter auch, wenn es ums Kriegerische geht. «Deutsche töten», deshalb sei man hierhergekommen, wird dauernd beschieden. Französische Soldaten sieht man praktisch keine, deutsche nur als Gefangene. Der Brite ist fair. Er bescheinigt dem Gegner Anstand. Kaum hinter den Linien, hätten sich die Jerries gleich am Verwundetentragen beteiligt. Man sei froh, «den Preussen» entronnen zu sein, rapportieren die Briten die Gefühlslage ihrer Gefangenen aus Bayern.

Und wozu das alles?

Einverstanden, man soll nicht immer fragen: Und wo bleibt das Pädagogische? Wo gibt es etwas zu lernen? Und es mag ja sein, dass der britische Infanterist wirklich nichts mitbekommen hat ausser seinem Graben. Dass es dort nicht gemütlich war, nimmt man ihm jederzeit ab. Es mag daran liegen, dass konsequent die Mannschafts-Perspektive eingenommen wird. Kaum Offiziere, schon gar keine mit sauberen Stiefeln.

«Der Angriff» wird auch beschrieben. Man weiss nicht, welcher. Man weiss, dass die Strategen ihre Untergebenen mitleidlos anrennen liessen. Passchendaele, die Flandernschlacht, Verluste von mehreren zehntausend Mann pro Tag – und das nicht in einem Stadium des Krieges, wo man noch ahnungslos gewesen wäre und dem «Elan» vertraut hat. Man wusste, dass die deutschen MG-Schützen harte Kerle waren. Aber kein Wort über die Kommandeure. Hat ihren deutschen Pendants nicht sogar der oft leicht elegisch gestimmte Erich Maria Remarque den Titel «Blutsäufer» verpasst?

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Kritische Stimmen gibt es nach der Heimkehr. Kriegsheimkehrer und Daheimgebliebene hätten sich nichts zu sagen. Da gibt es bittere Worte. Kriegsteilnehmer sollten sich gar nicht erst bewerben. Aus der Uniform heraus, hinein in Zivilkleidung, ab auf die Strasse. Mehr war nicht.

Junge Leute heute, Blick und Wahrnehmung gestählt von Virtual Reality und der Realität der Video Games, werden nichts dabei finden, wenn die Vergangenheit farbig wird. Der Grossvater von Regisseur Peter Jackson, dem der Film gewidmet ist, wäre wahrscheinlich froh gewesen, er hätte sie nicht erlebt.