Am 1. Juni 1919 spielte Knie zum ersten Mal als Schweizer Nationalcircus. Der 69-jährige Rolf Knie hat die Geschichte der berühmtesten Schweizer Familie nun in ein Musical verpackt. Wir treffen ihn im Chapiteau auf dem Flughafengelände in Dübendorf. Auf der Bühne wird geprobt. Knie sitzt, steht, dirigiert, fuchtelt, korrigiert. Er kümmert sich selbst um kleinste Details wie die Grösse der Lichtkegel.

Dieses Interview hätte einen Tag nach der Premiere Ihres Circus-Musicals stattfinden sollen. Es wurde aber kurzfristig verschoben. Haben Sie nach der Premiere zu lange gefeiert?

Rolf Knie: Nein. Natürlich bin ich nach der Premiere noch etwas länger geblieben. Schliesslich kamen Freunde aus der ganzen Welt. Auch viele Produzenten sind gekommen, weil sie sich für das Stück interessieren.

Wie fühlten Sie sich am Tag nach der Premiere?

Ich spürte grosse Erleichterung. Ehe man nicht vor Publikum auftritt, weiss man nie, ob man den Geschmack der Zuschauer trifft. Nach den ersten positiven Reaktionen war ich den Tränen nahe. Und die Reaktionen waren auch für die Schauspieler ungewöhnlich. Denn in einem Musical gibt es selten Szenenapplaus. Aber wir hatten andauernd Szenenapplaus.

Sie sind doch ein alter Entertainment-Hase. Worauf führen Sie Ihre emotionale Eruption zurück?

Seit drei Jahren schaue ich mir sehr viele Musicals an. Aber nur die wenigsten haben mir gefallen, weil zu wenig Entertainment drinsteckt. Das ist unser Plus: Wir haben Zirkuselemente, wir haben Zauberer, Artisten, sensationelle Tänzer und Sänger. Ob diese Kombination funktioniert, wusste ich bis zur Premiere nicht. Deshalb haben mich die Reaktionen auch so berührt.

Wie viel Druck haben Sie vor der Premiere gespürt und wie viel spüren Sie jetzt noch?

Jetzt spüre ich nicht mehr so viel Druck. Jetzt muss ich nur noch dafür sorgen, dass wir genügend Zuschauer haben, damit das alles finanziert werden kann. Aber vor der Premiere bin ich teilweise nachts aufgewacht, weil ich träumte, dass kein Mensch in unserer Vorstellung sitzen würde.

Tatsächlich?

Ja, natürlich hatte ich Albträume. Denn auch das finanzielle Risiko trage ich allein.

Man spricht von einem Budget von neun Millionen Franken.

Das stimmt.

Wieso gehen Sie dieses Risiko ein?

Weil ich nicht wollte, dass mir jemand reinredet. Sonst wäre dieses Produkt nie möglich geworden. Auch wenn ich ein Buch herausgebe, mache ich das nie mit einem Verlag. Ich will immer Herr und Meister meines Produkts sein. Und gehe dabei immer an die Grenze, weil ich überzeugt bin, dass es funktioniert. Ich bin immer so überzeugt von meinen Projekten, dass ich mich finanziell weit aus dem Fenster lehne.

Was hätte es für Konsequenzen, wenn das Musical die gewünschte Flughöhe nicht erreicht?

Dann kürze ich das Haushaltsgeld meiner Frau.

Bei der Fülle an Unterhaltungsangeboten, erst recht im Grossraum Zürich, fragt man sich schon, warum Sie mit Ihrem Musical den Zirkus Knie konkurrenzieren. Und das erst noch im Jahr des 100-jährigen Bestehens.

Das Musical ist keine Konkurrenz, sondern wirkt befruchtend. Es behandelt die Geschichte der Dynastie und des Zirkus. Es ist beste Werbung für die Familie Knie und alle Zirkusse in der Schweiz. Das eine ergänzt das andere.

Man hört immer wieder von Rissen in der Familie Knie. Dient dieses Musical dazu, die Risse zu kitten?

Sie sind selber schuld, wenn Sie den Medien glauben.

Wie bitte?

Es stimmt überhaupt nicht, was da teilweise geschrieben wird. Wir sind mal unterschiedlicher Meinung, aber das tragen wir intern aus. Mit Rissen hat das nichts zu tun. Ich habe sowieso ein gespaltenes Verhältnis zu den Medien.

Sie meinen zu den Journalisten?

Ja. Wenn etwas geschrieben wird, das Staub aufwirbelt, verkauft sich das besser. Heute wird kaum mehr recherchiert. Denn wer recherchiert, riskiert den Tod der Geschichte.

Ich bitte Sie! Ihr Autobiograf, der ausserdem das Buch «100 Jahre Knie» verfasst hat, spricht von verhärteten Fronten in der Familie Knie.

Das hat die Familie Knie so nie gesagt.

Sie haben das Buch nicht abgesegnet?

Nein. Ich habe nur ein paar Fotos rausgegeben.

Wieso endet Ihre Musical-Geschichte in den 70er-Jahren?

Weil ich die herausragende Geschichte unserer Familie auf die Bühne bringen will – die Lebensleistung der Dynastie im Wandel der Zeit und unter teils schwersten Bedingungen. Der Circus Knie ist auch ein wichtiges Stück Schweizer Zeitgeschichte. Das Hier und Jetzt kann man in der Zirkus-Tournee erleben.

Hängt Ihre Distanz zur jüngeren Geschichte mit Ihrem Ausbruch aus dem Knie 1984 zusammen?

Nein.

Waren Mitglieder der Knie-Familie an der Musical-Premiere?

Mein Bruder Fredy, mein Cousin Franco, mein Sohn Grégory. Die jüngeren kommen irgendwann später, sie sind momentan mit den Proben der Circus-Tournee voll ausgelastet.

Was halten Sie von Giacobbo/Müller im Knie?

Fragen Sie mich in zwei Monaten.

Darf Zirkus politisch sein?

Warum nicht? Zirkus bildete immer alle Facetten der Komik ab. Und politische Satire, wenn sie nicht ausschliesslich politisch ist, kann im Zirkus funktionieren.

Ihr Musical hat ebenfalls eine politische Note.

Eine gesellschaftspolitische, wegen des Kleinwüchsigen.

Ist der kleinwüchsige Pipo in Ihrem Musical eine Hommage an den Knie-Clown Spidi, der sich vergangenen Sommer das Leben genommen hat?

Als Spidi gestorben ist, traf dies die Menschen tief. Ich hatte mein ganzes Zirkusleben Kleinwüchsige in meinen Clown-Nummern – und erbiete ihnen meinen grössten Respekt. Ein Mensch darf nicht aufgrund seines Äusseren beurteilt werden, sondern aufgrund seines Charakters.

Sie waren ein richtig guter Fussballer und standen unmittelbar vor dem Sprung in die erste Mannschaft des FC Zürich.

Wenn mich die Menschen fragen, was ich am liebsten gemacht habe, lautet meine Antwort stets Fussball.

Warum haben Sie dem Fussball den Rücken gekehrt?

Mein Bruder war im Zirkus schon eine grosse Nummer. Die Mädchen liefen ihm hinterher. Ich hatte Angst, etwas zu verpassen. Also habe ich mit der Schule und dem Fussball aufgehört.

Haben Sie es nie bedauert?

Doch. Aber erst viel später. Wenn ich sehe, wer aus meiner Generation im Fussball gross rausgekommen ist, hätte ich es auch geschafft. Kann ich schnell unterbrechen? Ich muss schauen, wie es bei den Proben läuft.

Nach etwa einer Stunde kehrt Rolf Knie zum Interview zurück.

Beneiden Sie die heutige Fussballer-Generation?

Nein. Heute geht es den Fussballern nur noch um das Geld.

Vor ein paar Jahren sagten Sie, vielleicht sei es Zeit für generellen Ungehorsam. Sind Sie glücklich über die demonstrierende Klimajugend?

Wir sind bequem geworden. Aber ich muss mich selber an der Nase nehmen. Denn ich war noch nie wählen oder stimmen. Ich will mich deshalb nicht politisch äussern.

Warum waren Sie nie stimmen oder wählen?

Ich gehöre zur schweigenden Mehrheit, die einverstanden ist, wie es in der Schweiz funktioniert.