Bevor die Generation Smartphone dieses Wochenende ihren Musikstars am 28. Heitere Open Air zujubelt, kamen deren Eltern in den Genuss eines Rockabends mit starken Frauen. Am Mittwochabend pilgerte nämlich die Generation «phone» ohne «smart» vorne angestellt an die elfte Ausgabe der «Heitere Magic Night».

Während der Bus an den Zelten mit Jugendlichen vorbeifährt, schauen die Damen und Herren mittleren Alters belustigt auf das bunte Treiben. Vielleicht schnuppert ja dort irgendwo ihre Tochter gerade ihre erste Open-Air-Luft. Oder sie sind vielleicht einfach froh, dass man ab einem bestimmten Alter auf den Schlafsack verzichten und trotzdem abrocken kann.

Seit seinem Bestehen richtet sich die «Magic Night» bewusst an ein älteres Publikum. Stars vergangener Ausgaben waren beispielsweise Toto, Simple Minds, Polo Hofer, Nena und Uriah Heep. Dass sich dieses Rezept bisher bewährt hat, zeigt auch die diesjährige Ausgabe: Mit 7000 Gästen feierte die «Magic Night» einen neuen Zuschauerrekord.

Entspannte Atmosphäre

Um 18 Uhr eröffnet Span pünktlich das Festival. Vor just zwanzig Jahren standen die kultigen Berner um Gitarrist Georges «Schöre» Müller selber noch auf der Bühne des Heitere Open Airs. Sie geben souverän Hits aus ihrer vier Jahrzehnte langen Karriere zum Besten («Louenesee»), während sich das Festivalgelände langsam füllt. Die Mehrheit gönnt sich aber zuerst noch einen Hamburger zum Znacht und stösst mit Freunden an. Der Abend ist schliesslich noch jung und die Atmosphäre trotz aufziehenden Wolken entspannt.

Nach Span übernehmen Morcheeba die Bühne. Im Gegensatz zu den musikalischen Verwandten von Massive Attack fällt Morcheebas Trip-Hop-Sound weniger schwerfällig und düster aus. Einen grossen Anteil daran hat die samtige Stimme von Sängerin Skye Edwards, die in einer roten Robe grazil über die Bühne schwebt. Das Publikum kommt allmählich in die Gänge, gerade rechtzeitig für Soul-Sängerin Anastacia.

Der in Chicago geborenen Anastacia Lyn Newkirk ist der grosse Durchbruch in ihrem Heimatland stets verwehrt geblieben. Das kann ihr egal sein, schliesslich hat sie in ihrer Karriere über 30 Millionen Alben verkauft und erfreut sich nach wie vor grosser Beliebtheit. Die 50-jährige verbreitet mit Hits wie «I’m Outta Love» Party-Laune und erheitert das Publikum mit augenzwinkerndem Diva-Gehabe.

Ein furioser Auftritt

Kurz nach halb elf ist es Zeit für den Hauptact des Abends. Rotes Licht überflutet die Bühne. Eine E-Gitarre heult verzerrt das Trinklied aus der Oper «La Traviata» von Giuseppe Verdi. Dann setzt plötzlich ein antreibender Bass ein, Gitarre und Schlagzeug nehmen den Rhythmus auf. Eine kleine Frau mit silberner Jacke springt auf die Bühne und singt mit rauchiger Stimme die Anfangszeilen von «Latin Lover»: «Sangue caldo, profumo da sballo, medaglioni sotto la T-shirt...» Sie tanzt, schwitzt, gestikuliert wild mit den Händen, schwingt den Mikrofonständer in die Luft und feuert das Publikum an. Welch ein Auftritt von Gianna Nannini! Das Publikum ist völlig aus dem Häuschen.

Gianna Nannini - "Latin Lover"

Gianna Nannini - "Latin Lover"

Mit diesem Lied gab Nannini an der Heitere "Magic Night" gleich von Anfang an Vollgas. Das Video ist von 1982 am Rockpalast in Essen.

Die 64-Jährige wirkt spritzig wie eh und je und schmeisst einen Auftritt der Extraklasse hin. So manch eine Rock-Band von heute könnte sich eine Scheibe von der Frau mit der unverkennbar kratzigen Stimme abschneiden. Diese verdankt sie angeblich einem Unfall, der sich in ihrer Jugend ereignete.

Nannini wuchs als Tochter eines berühmten Konditors im malerischen Siena auf. Wie das in einem Familienunternehmen üblich ist, half auch die kleine Gianna mit. Eines Tages verfingen sich ihr Mittel- und Ringfinger in der Maschine für Ricciarelli - ein zartes Mandelgebäck - und sie verlor zwei Fingerkuppen. Sie stiess dabei einen derart schmerzverzerrten Schrei aus, dass sich ihre Stimme von da an so rau anhört. Ob sich die Geschichte genau so zugetragen hat, ist egal. Ebenso egal wie all die Spekulationen über ihre Sexualität. Hetero-, Homo-, Bisexuell - für Nannni sind das alles nur Labels, die sie wenig kümmern. Für sie zählte immer nur eines: amore.

Viel Liebe brachte ihr auch das Publikum der «Magic Night» entgegen. Von «America», mit dessen sexuellen Inhalt sie Italien in den 1980er Jahren schockierte, bis «Bello e impossibile» und der WM-Hymne von 1990 «Un estate italiana» sang das Publikum die Lieder lauthals mit. Zumindest so weit es die eigenen Italienischkenntnisse zuliessen. Sogar eine Teenagerin, in Begleitung ihres Vaters, legte für kurze Zeit ihr Smartphone weg und liess sich von Nanninis Auftritt mitreissen. Deren Vater brachte das Konzert mit zwei Worten auf den Punkt: «Huere guet!»