Rassismus-Debatte

Prominente zeigen sich mit George Floyd solidarisch – aber wie tut man das am besten?

Manchmal werden es Aktionen für die Ewigkeit.

Manchmal werden es Aktionen für die Ewigkeit.

Nicht erst seit dem Tod des Afroamerikaners George Floyd solidarisieren sich Künstler mit Bewegungen, die Gerechtigkeit fordern. Manchmal werden es Aktionen für die Ewigkeit.

Als der Künstler Kasimir Malewitsch Anfang des 20. Jahrhunderts mit seinen Schwarzen Quadraten den Reset-Knopf der Malerei drückte, sie vom Zwang befreite, auf die Dinge in der Welt figürlich Bezug zu nehmen, hat das viele Zeitgenossen provoziert.

© Казимир Малевич / Public domain

Die Floyd-Proteste sind vielleicht auch so ein Resetknopf. Wir kommen nicht darum herum, über den verborgenen Rassismus in unseren Köpfen nachzudenken. Dass weltweit unter #BlackoutTuesday die Online-Plattform Instagram mit lauter schwarzen Quadraten zugepflastert wurde, um Solidarität mit Opfern rassistischer Polizeigewalt zu zeigen, war jedoch für viele schwarze Menschen zu Recht eine Provokation. Denn was wünscht man sich als Betroffener mehr als eine Auseinandersetzung mit der Welt, die man als ungerecht empfindet?

Da war es kein Wunder, dass man Emma Watson vorwarf, sie sei mit ihren drei geposteten, elegant weiss umrahmten schwarzen Quadraten mehr um die ansprechende Optik ihres Instagram-Auftrittes besorgt gewesen als um die Message, die sie verbreitet.

«Emma, it isn’t a astethic», spotteten ihre Follower. Obwohl die britische Schauspielerin («The Circle») sich neben der Kamera engagiert für Menschenrechte und Umwelt einsetzt.

Generalverdacht der Selbstvermarktung

Prominente Künstler, die mit einer Bewegung sympathisieren, stehen vor einem Dilemma: Im Glamour des eigenen Lebensstils wirken Bekenntnisse unglaubwürdig und zynisch, wenn man sie aus der Luxusbadewanne verkündet wie Madonna während der Coronakrise («Corona ist ein Gleichmacher»):

Wer mit einem kurzen schwarzen Designerkleid an den Golden Globes aufmarschiert, um sich zu #MeToo zu bekennen, verschleiert die Tiefe des Problems mit maximaler Oberflächlichkeit und steht unter dem Generalverdacht der Selbstvermarktung. Die «New York Times»-Kritikerin Amanda Hess sagt:

In diesen Tagen stolperte Slampoet Renato Kaiser, der in seiner Youtube-Sendung herzerwärmende E-Mail-Zusendungen vorliest, über so einen Fallstrick. Er fragte eine schwarze Bekannte, ob sie ihm einen Brief schreiben wolle. Sie habe ihm eine knallharte Absage erteilt, wie Kaiser seiner Fangemeinde erzählt. Jetzt für einen weissen Kerl arbeiten, damit er sich vor der Kamera profilieren könne? Nein, danke!

Obwohl der Druck auf Kulturschaffende, zu allem Möglichen Position zu beziehen, zugenommen hat – in den USA standen die grossen Kulturinstitutionen wegen fehlender Parteinahme zu den Floyd-Protesten sofort unter Generalverdacht –, sind Bekenntnisse für oder gegen eine Sache für Kulturschaffende riskant. Jedes Engagement fällt auf ihr Werk zurück.

Die russische Opernsängerin Anna Netrebko zeigte sich 2014 während der Krim-Krise mit prorussischen Separatisten, und verärgerte ihre Fans aus dem Westen. Schriftsteller Peter Handke solidarisierte sich im Jugoslawien-Konflikt mit Serbien und hielt an der Beerdigung des Kriegsverbrechers und Serbenführers Slobodan Milosevic eine Grabrede.

© Keystone

Entsprechend moralingetränkt war die Diskussion darüber, ob er den Nobelpreis nun verdient habe oder nicht. Selbst der Ruf kollektiver Anlässe wie das des legendären Live-Aid-Konzerts von 1985, das für die unter Hungersnot leidende Bevölkerung Äthiopiens Geld sammelte, ist bis heute ambivalent.

Dagmar Reichert, Dozentin an der Zürcher Hochschule der Künste (ZhdK) erklärt:

Und fügt an: «Sie können die Aufmerksamkeit, die sie im öffentlichen Leben bekommen, dafür nutzen oder das Thema in ihrer Kunst bearbeiten.»

Sich solidarisch zeigen, aber wie?

Wer letzteres tut, wirkt glaubwürdiger. Engagement ist dann kein Accessoire, das man sich an die weisse Weste pinnt, sondern das Ergebnis einer vertieften Auseinandersetzung. Der irische Künstler Jim Fitzpatrick malte 1968 nach einer Fotografie Alberto Kordas ein Porträt von Che Guevara. Der Revolutionär war ihm auf seinem Irland-Besuch einmal persönlich begegnet. Der Eindruck, den er hinterliess, war stark genug, dass das Bild, das Fitzpatrick malte, zur Ikone der 1968er-Bewegung wurde.

© Jgaray; derivate:RicHard-59 / Public domain

Auch US-Künstler Gilbert Baker bewirkte viel, als er 1979 die Regenbogenfahne der Schwulen-und-Lesben-Bewegung schuf, ebenso die New Yorker Künstlergruppe Visual Aids mit ihrem roten Aidsband.

© Gilbert Baker  (Vector graphics by Fibonacci) / Public domain

Und John Lennons Song «Imagine» dürfte als Antikriegshymne mehr Menschen verbunden haben als schwarze Quadrate.

Die Flugzeugbanner mit den letzten Worten George Floyds, die der US-Künstler Jammie Holmes vorletzte Woche über New York, Detroit, Miami, Dallas und Los Angeles aufsteigen liess, wird sich uns stärker einprägen als irgendein lahmer Tweet.

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