Probleme bewältigen
Was tun bei Liebeskummer? Zwei radikale Romane erzählen vom riskanten Trost in der Unterwerfung

Dem Sog der Romane von Bénédicte Belpois und Alma Mathijesen kann man sich kaum entziehen. Die eine Hauptfigur sucht Schutz in der Unterwerfung, die andere lässt sich genetisch in ein Hündchen verwandeln.

Hansruedi Kugler
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Liebe mit Halsband: In zwei aktuellen Romanen verhalten sich Liebende wie Hündchen.

Liebe mit Halsband: In zwei aktuellen Romanen verhalten sich Liebende wie Hündchen.

Bild: Getty Images

In diese Romane stürzt man sich wohl hinein, weil sie die Sehnsucht der Enttäuschten nach bedingungsloser Hingabe lenken. Für die Romanfiguren ist das eine äusserst gefährliche Liebeszone und das Gegenteil der emanzipierten Selbstbestimmung – sie rüttelt auf und provoziert.

Gefährliche Literatur also. Gut so. Aber hat sich das Romangenre «Frau, die zu sehr liebt» nicht ausgeschrieben und erschöpft? Mit Ingeborg Bachmanns «Malina» aus dem Jahr 1971 ihren Höhepunkt schon hinter sich? Das war der Roman, in welchem die namenlose Erzählerin sich in ihrer absoluten Liebe zwischen zwei Männern regelrecht auflöst. Man könnte auch «Flammenwand» von Marlene Streeruwitz aus dem Jahr 2019 nennen, und viele weitere. Da müssen neue Romane schon Originelles bieten.

Wenn man Referenzen sucht, wird man auch in Leopold von Sacher-Masochs hellsichtigem Klassiker «Venus im Pelz» fündig, dem literarischen Urtext des Liebes-Masochismus, aus dem Jahr 1870. Er spiegelt die gesellschaftliche Tragödie im Geschlechterverhältnis: In einer Gesellschaft, die den Frauen gleiche Rechte, Bildung und Arbeit verwehre, könne die Frau dem Mann «nur seine Sklavin oder Despotin sein, nie aber seine Gefährtin», bilanziert der masochistische Severin.

«Ich putzte gern, das beruhigte mich»

Bénédicte Belpois: Hingabe. Roman. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. S. Fischer. 271 Seiten.

Bénédicte Belpois: Hingabe.
Roman.
Aus dem Französischen
von Eva Scharenberg.
S. Fischer. 271 Seiten.

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So einfach ist die Lösung allerdings nicht und kann wiederum ins Dilemma führen, wie die zwei aktuellen Romane von Bénédicte Belpois und Alma Ma­thijesen zeigen. Auch wenn sich darin eine deutliche masochistische Spur findet, sind wir weit entfernt von lächerlich softgezeichneten Sadomaso-Schmonzetten wie «Fifty Shades Of Grey» mit ihrer flachen Psychologie und peinlichen Werbespot-Ästhetik.

Die Hauptfiguren bei der Französin Bénédicte Belpois und der Holländerin Alma Mathijesen sind zwei junge Frauen in der Gegenwart: Die eine wird von einem ruppigen Typ wie ein herziges zugelaufenes Hündchen benutzt, aber wird allmählich zu dessen Partnerin. Die andere lässt sich genetisch in einen Hund verwandeln, um ihrem Ex-Freund wieder nahe zu sein. Die vertrocknende Liebe hatte sie als Demütigung erlebt. Ihr Ausweg: «Es wird mir nicht mehr gelingen, ein glücklicher Mensch zu werden, deshalb werde ich jetzt ein glücklicher Hund.» Ausgestossene sind sie beide: Sylviane, die jugendliche, zarte, hübsche Ausreisserin aus einem schweizerischen Heim für Lernbehinderte, und Flauf, die 34-jährige holländische Schriftstellerin, welche die Trennung von ihrem Ex-Freund, einem Pianisten, nicht aushält.

Man hört diesen Geplagten ganz nah und hört ihnen zu

Alma Mathijesen: Ich will kein Hund sein. Novelle. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. C.H.Beck. 159 Seiten.

Alma Mathijesen:
Ich will kein Hund sein.
Novelle.
Aus dem Niederländischen
von Andreas Ecke.
C.H.Beck. 159 Seiten.

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Warum beide Romane literarisch funktionieren? Warum man sich dem Sog dieser Provokationen kaum entziehen kann? Das liegt an der konsequenten Erzählperspektive, an der spannenden Dramaturgie und trotz einiger Klischees am verblüffend-schockierenden Realismus des Erzählten. Denn sowohl bei Mathijesen wie bei Belpois gibt es keinen allwissenden Erzähler. Man hört den Geplagten zu und ist so immer ganz nahe an den Figuren. Das wirkt atemberaubend, nicht nur wegen der radikalen psychologischen Dramatik, sondern auch, weil es beiden Autorinnen gelingt, allen ihren Figuren eine eigene, authentische Sprache zu geben.

In «Hingabe» sind es die einfältige Sylviane, die nach Spanien ausgerissen ist, und ihr dortiger «Beschützer», der zornige, 40-jährige Grossbauer Tomas, der unheilbar an Krebs erkrankt ist. Bénédicte Belpois lässt Sylviane verträumt, mit einem kindlichen Gemüt und pflichteifrig wie ein Dienstmädchen von ihren Erlebnissen berichten. Sie ist das perfekte Missbrauchsopfer, eine Ausreisserin: «Im Heim war mir immer zu kalt. Ich putzte gern, das beruhigte mich.» Sie ist jung, hübsch, nimmt die sexuellen Übergriffe scheinbar gleichgültig hin: «Der zweite Typ war aus Holland, er machte auch Liebe mit mir und kaufte mir einen Kaffee und ein Croissant.»

Bénédicte BelpoisBuchautorin

Bénédicte Belpois
Buchautorin

S.Fischer Verlag

Die Gewalt ist wie ein Tumor in seinem Kopf

Der krebskranke, verwahrloste Bauer Tomas, bei dem sie schliesslich ­landet, erzählt zunächst in ruppigen Floskeln von seiner Einsamkeit, seinem Hass und seiner raubtierartigen Geilheit auf die junge Ausreisserin: «Ihre grossen, leeren Hundeaugen liessen sie leicht dümmlich aussehen . . ., was in mir den starken Drang weckte, sie zu packen, zu schütteln, zu ohrfeigen, sie letztendlich zu besitzen. Sie eben ­vögeln. Aber zuerst schlagen.» Gewalt ist wie ein Tumor in seinem Gehirn. ­Tomas denkt bei Sylviane immer wieder an einen Welpen und will ihr ein Halsband anlegen – sie wiederum leckt beim Sex seine Hand.

«Die einzigen lebenden Wesen, die mich besuchen, sind Fliegen»

Nachdem Tomas sie vergewaltigt hat, geht sie mit ihm nach Hause, und allmählich werden sie ein Paar. Sein bevorstehender Krebstod lässt jedoch kein Happy End erwarten. Das klingt vielleicht haarsträubend, der Roman lebt aber von der extremen psycho­logischen und sozialen Spannung. Sie sucht wie ein einsames Hündchen einen sicheren Ort, er erlebt eine Heilsgeschichte: Die naive Unschuld reinigt seine seelische, soziale und äusserliche Verwahrlosung. Mit ihrer weissen Haut, den blonden Locken und ihrer Einfältigkeit hat sie etwas von einer Madon­na, die in seinen Augen gleichzeitig Heilige und Hure ist. Hier geht Belpois nahe ans Klischee, denn Syl­vianes naive Freundlichkeit heilt auch noch die verstockte Dorfgemeinschaft, die von etlichen Schicksalsschlägen in verschlossener Verbitterung verharrt.

Die Provokation aber sitzt, und es ist bemerkenswert, dass man das Erzählte gleichzeitig abstossend und rührend findet, weil man die Wahrheit und Verletzlichkeit der Figuren erkennt. Letztlich schützt der harte Sozialrealismus in der Schilderung des Dorflebens den Roman vor klischeehafter Melodramatik.

Selbstauslöschung scheint ihr der einzige Ausweg aus dem Liebeskummer

Alma MathijesenBuchautorin

Alma Mathijesen
Buchautorin

zvg

Ist in Belpois’ «Hingabe» das Hündische im Symbolischen angesiedelt, wird es in Alma Mathijesens «Ich will kein Hund sein» zur unheimlichen, dystopischen Wirklichkeit. Das Buch ist in der ersten Hälfte ein atemberaubender, wütender Monolog, ein mitreissender Abgesang auf eine vertrocknete Liebe mit einem mimosenhaften Pianisten. Medikamente helfen kurzzeitig gegen Flaufs zerstörerisches Delirium. Den giftigen Mix aus Einsamkeit, Scham, verwehrter Leidenschaft, Eifersucht und krankhafter Fixierung kennt wohl jede und jeder von eigenem Liebeskummer. Aber Flaufs Entzugserscheinungen mit Suizidfantasien, ritueller Trauerbeerdigung und verzweifeltem Freundschaftsangebot an ihn sind extrem: «Die einzigen lebenden Wesen, die mich besuchen, sind Fliegen. Sie wissen, dass ich verfaule.»

Selbstauslöschung scheint ihr der einzige Ausweg aus dem Elend. Und weil seit Ingeborg Bachmanns «Ma­lina» genau 50 Jahre vergangen sind, bietet sich eine dystopische Fortschreibung an: Die im Internet angebotene genetische Transformation. Schliesslich winkt ein behütetes Leben als Hündchen an der Seite des ehemaligen Geliebten. In der Broschüre heisst es: «Wir bieten einen Ausweg für alle Menschen, die nicht mehr weiterwissen. Das Leben eines Hundes ist spielerisch und voller Überraschungen. Winseln Sie nach Herzenslust um Aufmerksamkeit. Sie werden der treue Kamerad Ihres geliebten Menschen werden.» Was für ein radikaler, irrwitziger Ausweg aus dem Liebeskummer! Allerdings nur zu haben mit Fell, verschwindender Sprache und neuem Namen. Flauf heisst am tragikomischen, herzzerreissenden Ende dieser Dystopie Gianni. Fabelhaft, wie Mathijesen die Verwandlung in ihrer sinnlichen, präzisen Sprache beschreibt.

Bénédicte Belpois: Hingabe. Roman. Aus dem Französischen von Eva Scharenberg. S. Fischer. 271 Seiten.

Alma Mathijesen: Ich will kein Hund sein. Novelle. Aus dem Niederländischen von Andreas Ecke. C.H.Beck. 159 Seiten.