Es stimmt ja. Man kann sich die Zeit mit weniger anstrengenden Sachen vertreiben als damit, ein Instrument zu lernen. Das wusste seinerzeit auch ein Junge namens Ludwig, der von seinem Vater täglich intensiven Geigenunterricht bekam: «Du dummes Gör! Doch nicht so!» Entnervt trommelte der Vater jeweils den Takt auf den Klavierdeckel.

Ludwig wiederholte die Übung – und brach regelmässig in Tränen aus, wie besorgte Nachbarn berichteten. Und doch. Ein Instrument lernen lohnt sich. Immer. Das merkte Ludwig später selber, als er zum grössten Komponisten seiner Zeit wurde. Ludwigs Familienname war übrigens Beethoven.

Doch selbst wenn man weder Beethoven heisst noch dessen Begabung hat, bringt Musikmachen eine ganze Reihe an erwünschten Nebenwirkungen mit sich. Wer ein Instrument lernt, übt oder spielt, betreibt dadurch nebenbei Power-Fitness für sein Gehirn. So wird das Klavier zum Katalysator der eigenen Intelligenz.

Täglich «Alle meine Entchen»?

Also dreimal täglich «Alle meine Entchen» auf der Geige – und schon ist man ein zweiter Einstein? So einfach ist es natürlich nicht. Jedoch kann man dem Gehirn dabei zusehen, wie es beim Musikmachen neue Netzwerke anlegt, meint Lutz Jäncke, Neurowissenschafter an der Universität Zürich. Wenn jemand zum ersten Mal ein Instrument spiele, reichen 20 Minuten, sagen Forscher, um etwas im Gehirn zu sehen, das vorher nicht da war.

Dass sich diese Veränderung in Form einer Leistungssteigerung äussert, ist durch verschiedene Studien belegt. So fördert das Instrumentenspielen Kinder (und auch Erwachsene) nicht nur musikalisch, sondern allgemein kognitiv – und zwar querbeet. Ob es um die Konzentrationsfähigkeit, um das Erlernen von Fremdsprachen, um Orientierung im Raum oder um vernetztes Denken geht: Musizierende Schüler haben gegenüber nichtmusizierenden in sämtlichen Bereichen die Nase vorn.

Zu diesem Ergebnis kam unter anderem der Psychologe Glenn Schellenberg von der University of Toronto, nachdem er eine einjährige Studie gestartet hatte. Er unterteilte 144 Sechsjährige: Zwei Gruppen erhielten Gesangs- beziehungsweise Klavierunterricht, die anderen zwei dienten als Kontrollgruppen, wobei ein Teil der Kontrollgruppe einen Theaterkurs besuchte, während die andere keinerlei zusätzlichen Unterricht erhielt.

Spielen hilft, singen nützt

Vor und nach dem einjährigen Unterricht traten sämtliche Kinder zu Intelligenztests an. Die musizierenden Kinder hatten sich deutlich stärker gesteigert als ihre Altersgenossen. Sie legten in einem Jahr um gute sieben Punkte zu, die Kinder der Kontrollgruppe um vier.

Waren also unsere Eltern mit ihren Zöpfen, kurzen Hosen und Blockflöten heutigen Kindern mit Baggypants und Hightech-Kopfhörern voraus? Was Zöpfe und kurze Hosen angeht vielleicht. In Sachen Intelligenzsteigerung aber ist die gute alte Blockflöte jedem Hightech-Kopfhörer haushoch überlegen.

Denn selbst wenn im 21. Jahrhundert ein Grossteil der Kinder von omnipräsenter Musik umspült aufwächst und umgekehrt den Alltag nonstop mit privatem Soundtrack unterlegt, macht das die Kinder zwar womöglich entspannter, cooler und hipper – messbar intelligenter macht es sie nicht. Mehr Grips gibts nur, wenn man selbst zum Geigenbogen beziehungsweise in die Klaviertasten greift.

Aber spielen heute tatsächlich weniger Mädchen und Knaben ein Instrument als früher? Zwar grassiert in den Schulzimmern seit Jahrzehnten das leise Klaviersterben. Und das Massenphänomen Blockflötenunterricht für Primarschüler, wie ihn viele noch am eigenen Leib erfahren (und manchmal auch erlitten) haben, ist abgeschafft.

Die Antwort von Rainer Fröhlich, Mediensprecher der grössten Schweizer Musikschule, Musikschule Konservatorium Zürich (MKZ), fällt deutlich aus: Die Schülerzahl hat sich in den vergangenen zehn Jahren fast verdoppelt: von 12 257 auf 23 255. Selbst wenn das Integrieren kleinerer Musikschulen und Ausbildungszweige zum atemberaubenden Aufschwung beigetragen hat, sprechen die Zahlen für sich: Ein Instrument zu spielen, liegt im Trend.

Vielleicht auch, weil es heute kaum ein Geigenlehrer mit seinem Schüler so vergeigt wie Papa Beethoven mit seinem Sohn Ludwig. Im Gegenteil. Wenn Marie (6) auf ihrem Cello erste Striche spielt und dabei noch keine Tonhöhen greifen kann, klingt es trotzdem wie ein Lied – sogar beim Üben zu Hause. Der Zauber ist flach, rund und auf CD gebrannt – es ist eine Begleitmusik, die Maries Lehrerin der Instrumental-Anfängerin von Beginn an mitgibt. So wird das Repertoire aus zunächst nicht mehr als vier leeren Saiten im Handumdrehen zu Melodien ergänzt, die sich hören lassen können.

Das Smartphone hilft mit

Szenenwechsel. «Du übler Elefantenschiss, du Ka-a-a-tzen-Kotz, du Hu-u-undeklo!» trällert es aus 85 Kinderkehlen. Was man hier hört, ist kein rebellischer Protest präpubertierender Schüler, sondern das Halloweenkonzert der Singschule Schwamendingen, einem Zürcher Quartier, das traditionell einen hohen Anteil fremdsprachiger Kinder aus bildungsfernem Hintergrund aufweist.

Viele von ihnen sind jedoch begeisterte Chorsänger. «Die Kinder freuen sich, weil sie alle diese Wörter singen dürfen, die man ihnen sonst verbietet», erzählt Olivia Betschart, Co-Leiterin der Singschule. Dass wer motiviert und entspannt ist, automatisch seine Leistung steigert, bedarf nicht vieler Erklärungen. «Wir wollen kein klassisches Regime aufziehen, sondern die Kinder zuerst einmal singen lassen», erklärt Betschart. Sie fügt an: «Das schätzen übrigens auch die Eltern. Jedenfalls hat die Singschule in Familien mit ganz unterschiedlichem Hintergrund Rückhalt.»

Die elfjährige Uma nimmt seit sechs Jahren Unterricht in klassischem Klavier. Beim Geburtstagsfest der Grossmutter setzt sie sich spontan ans Klavier, allerdings nicht, um «Für Elise» oder «Den fröhlichen Landsmann» zu spielen, sondern «Hallelujah» von Leonard Cohen – die passenden Harmonien liest sie vom Smartphone der Mutter ab. Das Singen habe Uma sich mittels Tutorials auf Youtube selbst beigebracht – gemeinsamen mit Gleichaltrigen, erzählt Umas Mutter.

«But you don’t really care for music», singt Leonard Cohen in «Hallelujah». O doch, möchte man kontern. Musik beschäftigt Kinder von heute – und umgekehrt beschäftigen sie sich intensiv mit ihr. Und weil dabei vieles durch die kleinen Instrumentalisten selbst bestimmt wird, ist der Musikunterricht mehr und mehr Trends unterworfen. Zwar behauptet das Klavier seinen Podestplatz als beliebtestes Instrument bei Schülern nach wie vor.

Nur dass es heute bloss 30 Prozent der Mädchen und Buben sind, die den Klassiker zu ihrem Instrument machen, im Gegensatz zu unschlagbaren 60 Prozent vor dreissig Jahren. Gitarre, Blockflöte und Singen gehören heute ebenfalls zu den Top 5 – und Geige. Deren Beliebtheit sei nur geringen Schwankungen ausgesetzt, meint Fröhlich, selbst wenn um das Jahr 2006 der Import an Streichinstrumenten im Alpenland förmlich explodierte. Die Schweiz hatte soeben David Garrett entdeckt und mit ihm den Umstand, dass vier Saiten auf einem gebogenen Ahornholz ziemlich cool sein können.

Der «Music Star»-Effekt

Auch Singen und Chöre sind angesagt. «Das hat viel mit Sendungen wie ‹Music Star› zu tun», erklärt Rainer Fröhlich von der MKZ und fügt an: «Das Chorwesen wurde an der Musikschule in den letzten 15 Jahren überhaupt erst aufgebaut.» Dass dabei in Sachen Gehirnfitness Singen locker als ein Instrument durchgeht (wie die oben zitierte Studie aus Toronto belegt), wird die Scharen junger Sänger freuen.

Sie kümmert es wohl zuallerletzt, dass sie ihrem Gehirn mit jedem herausposaunten «Elefantenschiss», mit jedem lauthals geröhrten «Ka-a-atzen-Kotz» Gutes tun. Als Kind muss man schliesslich genug Broccoli essen, nur weil er gesund ist. Und Beethoven, Beatles oder Beyoncé kann man mit vielem vergleichen. Aber mit Broccoli? Das ginge dann doch zu weit.