Porträt
Regisseurin Laurie Anderson wird in Locarno ausgezeichnet und bekundet Mühe mit der Freude am Weltuntergang

Die vielseitige Performerin Laurie Anderson meistert alle Künste. Am Filmfestival Locarno wurde sie für ihren Erfindungsreichtum geehrt.

Susanna Petrin
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Erfindungsgeist und Experimentierfreude sind Laurie Andersons Markenzeichen. In Locarno wird sie mit dem «Vision Award Ticinomoda» ausgezeichnet.

Erfindungsgeist und Experimentierfreude sind Laurie Andersons Markenzeichen. In Locarno wird sie mit dem «Vision Award Ticinomoda» ausgezeichnet.

Keystone

Unmöglich, ihrer Stimme nicht zu verfallen. Eine Stimme wie Kaschmir. Mit ihr könnte sie die Inhaltsstoffe einer Zahnpastatube ablesen, es klänge gleichermassen poetisch wie weise. Mit ihr könnte sie die Anführerin einer Sekte werden und alle Anhänger dazu bewegen, über eine Klippe zu springen. Diese Stimme besitzt die Macht der Verführung. Dabei möchte ihre Trägerin nicht einmal US-Präsidentin werden. «Oh, mein Gott, können Sie sich etwas Schlimmeres vorstellen?» Sie lacht. Eine Randbemerkung bei unserem Interview in Locarno.

Die Stimme vibriert im Körper einer zierlichen, freundlichen Amerikanerin mit dem Künstlernamen Laurie Anderson. Sie wirkt natürlich, ungeliftet. Die kurzen Haare stehen ihr im 180 Gradwinkel vom Kopf ab, als ob dieser elektrisch geladen wäre. Auch ein Markenzeichen. Sie ist soeben 75 geworden, genau gleich alt wie das Filmfestival Locarno, das ihr den «Vision Award Ticinomoda» verleiht, einen Preis der «kreatives Schaffen zur Erneuerung der filmischen Vorstellungswelt» würdigt.

Erst 75! Sie müsste älter sein, so viel wie sie schon gemacht hat: Alben, Kunstausstellungen, Performances, Radiosendungen, Theater, Bücher sowie mehrere Filme, von denen in Locarno zwei gezeigt wurden. Sie war als erste Künstlerin in Residenz bei der Nasa, hat einen Beitrag über ihren Wohnort New York für die «Encyclopedia Britannica» geschrieben, ein Konzert für Hunde komponiert. Gerade arbeite sie an einer Oper.

Keine Multimediakünstlerin, sondern Geschichtenerzählerin

«Man muss nicht sein ganzes Leben lang dasselbe sein», sagt sie, und meint damit nicht nur die Geschlechterfluidität, nach der sie gefragt worden ist. Laurie Anderson hat als bildende Künstlerin angefangen, machte danach immer öfter Musik – und bald tat sie alles, oft gleichzeitig. «Es ist eine gute Sache, aus den Rollen herauszukommen, die einem zugewiesen werden. Es ist auch wunderbar, in einer Rolle zu sein, wenn man die Rolle, die man spielt, mag. Es ist ein Anspruch, aber es bringt Freiheit. Auch jene, neue Dinge zu machen und nicht alles in eine Kategorie zu stecken und zu bewerten.»

Laurie Anderson mag nicht einmal das viel umfassende Attribut «Multimediakünstlerin», mit dem sie oft bezeichnet wird. Alles, was sie tue, sei, Geschichten zu erzählen. Und diese sind verrätselt, unheimlich, oft traurig, manchmal komisch, stets ein wenig verrückt.

Der Welt bekannt wurde Andersons Stimme 1981, als ihr Lied «Oh, Superman» es in den britischen Popcharts auf Platz zwei schaffte.

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Im Hintergrund läuft der Laut «Ha» in Endlosschlaufe, im Vordergrund unbeantwortete Fragen auf Anrufbeantwortern. «Hallo? Das ist Deine Mutter. Bist du hier? Kommst du nach Hause?» Eine Avantgarde-Künstlerin, die es mit einem über achtminütigen, seltsamen Song in die Hitparade schafft? Laurie Anderson nahm es hin als Spass – und machte so frei weiter, wie es ihr gefiel.

2019 erhielt sie zusammen mit dem Kronos Quartet einen Grammy für das Album «Landfall», das sich mit dem todbringenden Hurrikan Sandy auseinandersetzte. Anderson, die in New York City nah am Hudson lebt, hat einen grossen Teil ihres Archivs im vom Sturm gefluteten Keller verloren. «Und ich sah es im glänzenden, dunklen Wasser, sich auflösend, all die Dinge, die ich mein ganzes Leben behutsam aufbewahrt hatte, zu nichts werdend, nichts als Müll. Und ich dachte: Wie schön! Wie magisch! Und wie katastrophal!»

Perverses Vergnügen an Zerstörungsfantasien

Untergangsszenarien beschwört sie in ihren Liedern immer wieder. Unangenehm ist, wenn Passagiere eine Durchsage erhalten wie jene im Lied «From the Air», dem ersten Stück ihres ersten Albums «Big Science»: «This is your Captain – and we are going down. We are all going down, together.» – «Hier spricht ihr Kapitän und wir stürzen alle ab, wir gehen alle gemeinsam unter.»

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Heute beobachte sie eine «Untergangspornografie», sagt sie, ein perverses Vergnügen an Zerstörungsfantasien. Ja, sie habe da auch schon zu diesem Genre beigetragen, räumt sie ein, und es sehe nicht gut aus mit der Welt, mit dem Klimawandel, gar nicht, aber eigentlich sei sie trotzdem eine Optimistin.

Nicht, weil es Sinn ergebe – es ergebe genau so wenig Sinn, wie Pessimist zu sein – aber weil man so ein glücklicheres Leben führen könne. Und trotz ihrer Liebe zur Technik halte sie es für verrückt zu glauben, diese könne unsere wirklichen Probleme lösen.

Laurie Anderson zitiert gerne ihren tibetischen Lehrer. Gut gemeinte esoterische Sprüche, die häufig etwas banal klingen. Immerhin lebensfreundlich: Am Ende, das habe sie von ihm gelernt, gehe es doch darum, hier auf Erden vor allem «eine sehr, sehr, sehr gute Zeit» zu haben, sagt sie im 2015 herausgekommenen Film «Heart of a Dog». Und was sie zu praktizieren gelernt habe, das sei, Trauer zu fühlen, ohne traurig zu sein. «Sehr schwierig», gibt sie zu.

Um 2013 herum hat sie drei ihrer Nächsten verloren: Ihren Ehemann, Musiker Lou Reed, ihre Mutter und ihren Hund. «Heart of a Dog» hat sie ihrer Hündin gewidmet, die malt, auf den Tasten eines Keyboards herumdrückt, Konzerte gibt. Da anthropomorphisiert mal wieder jemand ein Tier. Und wie, scheint Andersons filmische Antwort. Sie treibt diese Vermenschlichung von Beginn weg ins Absurde: Sie erzählt einen Traum, in dem sie, die Kinderlose, ihre Lolabelle gebärt. Um das möglich zu machen, hat er ihr zuvor in den Bauch reinoperiert werden müssen. Das klingt abstossend, geradezu albtraumhaft. Laurie Anderson erzählt es in ihrer leichten, humorvollen Art.

Das andere Anderson-Werk, das auf der Piazza-Leinwand gezeigt wurde, ist eine restaurierte Fassung ihres Konzertfilms «Home of the Brave» von 1986.

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Hier ertönt sie aus immer wieder neuen Körpern und Stimmlagen, begleitet von Instrumenten, die sie selbst erfunden hat. Bei ihrer «Tape Bow Violin», die Band-Bogen-Geige, verwendet sie aufgezeichnetes Magnetband anstelle von Rosshaar. Ihr «Talking Stick», der sprechende Stock, ist ein mannshoher Stab, der Klänge aufnehmen und zerlegen kann. Beide Instrumente hat sie immer weiter modifiziert. Dazu kommen visuelle Effekte, Stimmenverzerrer. Trotz aller Innovation beginnt «Home of the Brave» bald zu langweilen, wie so viele Konzertfilme.

Überforderter Sprachcomputer mit der Bibel gefüttert

Seit etwa 1970 spricht, singt oder sprechsingt Laurie Anderson ihre Geschichten. Welche möchte sie denn noch dringend erzählen? Wie in ihren Liedern, gibt sie auch auf diese Frage keine direkte Antwort, sondern holt zu einer weiteren Geschichte aus. Sie habe in Australien als Artist in Residence Zugang zum grössten Supercomputer für Sprache gehabt. Sie fütterte ihn mit der Bibel, um danach mit dem Text herumzuspielen.

Was passiert, wenn man den hebräischen Anteil erhöht, wird der Text dann mystischer? Was passiert, wenn man ihm James Joyces Gesamtwerk gibt? Der Computer war überfordert. Aber Laurie Andersons Syntax und Wortschatz liess sich ihm anhand all ihrer bisherigen Texte beibringen. ­Daraus konstruierte der Supercomputer eine Bibelversion, so wie sie von Laurie Anderson erzählt klingen müsste. Von der Entstehung der Welt an. Laurie Anderson gottgleich quasi, auch wenn sie es so arrogant nicht ausdrücken würde.

Am Anfang war die Stimme. Und die Stimme war Laurie Anderson.