Popmusik
Phil Collins wird 70: Ein Weltstar wie du und ich

Der englische Sänger hatte im Laufe seiner Karriere immer mit Imageproblemen zu kämpfen. Trotzdem ist er einer der erfolgreichsten Musiker der Popgeschichte. Am 30. Januar feiert er seinen 70. Geburtstag.

Stefan Künzli
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Phil Collins auf seiner letzten Europatournee vor zwei Jahren. Glamourös war er nie, ein Weltstar ist er noch heute.

Phil Collins auf seiner letzten Europatournee vor zwei Jahren. Glamourös war er nie, ein Weltstar ist er noch heute.

Bild: Christoph Schmidt/DPA (Stuttgart, 5. Juni 2019)

«Im Verlauf meiner Karriere hatte ich immer wieder mit zum Teil hasserfüllter Ablehnung zu kämpfen. Eine lautstarke Minderheit hat sich bisweilen verächtlich über mein Schaffen geäussert, teilweise wurde das sogar richtig persönlich», sagte Phil Collins vor fünf Jahren in einem Interview mit dieser Zeitung. Die einen konnten ihm nie verzeihen, dass er die einst famose progressive Rockgruppe Genesis nach dem Abgang von Peter Gabriel in eine radiotaugliche Pop-Rock-Band verwandelte. Die anderen warfen ihm vor, dass er in den 1980ern mit bombastischem Vokuhila-Rock und klebrigen Schulterpolster-Popballaden so etwas wie den Soundtrack für die grössten Modeverbrechen schuf. Phil Collins wurde zum Inbegriff des Uncoolen, Feindbild von selbsternannten hippen Meinungsführern.

Wie ein Rock- oder Popstar sah der Engländer nie aus, glamourös war er erst recht nie. Kein Rock-’n’-Roll-Lifestyle, keine schnellen Rennwagen, keine teure Jacht. Der mit 1,68 Metern eher klein gewachsene Musiker hatte bis ins Alter etwas Bubenhaftes, Unscheinbares und Biederes. Auch musikalisch ist er gehobenes Mittelmass. Grosse Klasse als Schlagzeuger, durchschnittlich als Sänger. Auch in seinen besten Tagen fehlte ihm jene Genialität, die den grossen Künstler vom talentierten Handwerker unterschied.

Trotzdem kann sich Phil Collins in eine Reihe mit Michael Jackson und Paul McCartney stellen und gehört mit über 250 Millionen verkauften Platten zu den erfolgreichsten Stars der Popgeschichte. Collins ist ein Workaholic, ein Besessener, ein Perfektionist. Beharrlichkeit ist seine grosse Stärke. Manchmal zahlt sich Fleiss auch in dieser schillernden Branche aus. Phil Collins hat sich seinen Erfolg hart erarbeitet. Geholfen hat ihm seine Bodenständigkeit. Also ironischerweise genau das, was ihm die coolen Meinungsführer vorwerfen. Collins ist nie abgehoben, nie der Welt entrückt. Aber er spürt die Sorgen, Bedürfnisse seines Publikums; und vor allem: Er weiss, was die Leute hören wollen. Dabei sind Songs wie «In The Air Tonight», «Another Day In Paradise» oder «Mama» und «I Can’t Dance» von Genesis keinesfalls schlecht – wenn man sie von 80er-Pampe befreien würde.

Das Popgeschäft ist die Welt der Hochstapler und Blender, sagt man. Insofern ist Phil Collins die Antithese, das Gegenmodell. Einer, den man immer auch unterschätzt. Schlagzeuger werden auf der Bühne hinten versteckt, Phil Collins hat es nicht nur nach vorne ins Scheinwerferlicht, sondern nach ganz oben geschafft. Trotzdem ist er ein Normalo geblieben, ein sympathischer und unauffälliger Kerl mit Sorgen, wie du und ich sie kennen, und gerade deshalb so populär.

Im Scheitern zeigt sich wahre Stärke

In letzter Zeit hat Phil Collins einiges durchgemacht: Hörverlust, Alkoholsucht und ein rätselhaftes Nervenleiden, das ihn zum zeitweiligen Rückzug von der Bühne zwang. Schlagzeug spielen kann er schon seit längerer Zeit nicht mehr. Der einstige Weltklasse-Schlagzeuger ist heute Trommel-Invalide. Gestützt auf einen Stock, schleppte sich der Popstar vor zwei Jahren auf die Bühne im Zürcher Letzi­grund-Stadion und setzte sich für das Konzert auf einen Stuhl.

Dazu gesellten sich private Probleme: Nach der laut britischen Boulevardmedien «teuersten Scheidung aller Zeiten»– von der Schweizerin Orianne im Jahr 2006 – flüchtete sich der Musiker in Alkohol. Vor fünf Jahren kamen die beiden überraschend wieder zusammen, doch die Versöhnung hielt nicht lange und endete abermals in gegenseitigen Anschuldigungen und einem hässlichen Rechtsstreit. «Wenn du zum dritten Mal eine Scheidung erlebst, dann fängst du dich an zu fragen, ob es nicht wirklich an dir liegt. Ob irgendetwas mit dir nicht stimmt, das diese Art von Handlung hervorruft», sagte er im bereits genannten Interview mit dieser Zeitung selbstkritisch und zeigt im Scheitern seine wahre Stärke. All die Probleme, Sorgen und Rückschläge haben seiner Popularität nicht geschadet – im Gegenteil. Phil Collins ist uns noch näher gekommen.

Ob Phil Collins noch einmal neue Musik präsentieren wird? «Testify», sein letztes in der Schweiz hergestelltes Studioalbum mit eigenem Songmaterial, wurde vor 19 Jahren veröffentlicht. Sicher ist, dass er so bald wie möglich mit Genesis und Sohn Nicholas am Schlagzeug auf Tour gehen will. Ein Phil Collins gibt nicht so schnell auf.