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Birdy: Das Vögelchen ist flügge geworden

Vier Jahre lang blieb es still um die englische Sängerin. Diese Zeit habe die 24-Jährige zum Leben gebraucht. Ihre Kunst hat davon profitiert.

Hanspeter Künzler
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Die englische Sängerin Birdy schreibt bezaubernde Musik.

Die englische Sängerin Birdy schreibt bezaubernde Musik.

Lotta Boman / Aargauer Zeitung

Es klingt absurd, bei einer 24-jährigen Künstlerin von einem Comeback zu reden. Und doch: Das neue Album von Birdy, ihr viertes, ist abgesehen von einer stillen EP im vergangenen Herbst das erste künstlerische Lebenszeichen seit Jahren. Vor dieser Pause hatte sie einen bemerkenswerten Lauf hingelegt. Schon ihr Debüt-Album, aufgenommen noch vor ihrem fünfzehnten Geburtstag, trug ihr auch in der Schweiz eine Platinauszeichnung ein.

Die nächsten beiden Werke brachten es ebenfalls in unsere Top 3. Eine konventionelle Karriereplanung hätte darauf bestanden, dass man auf keinen Fall von der Erfolgswelle abspringen dürfe. Es zeugt von aussergewöhnlicher Reife und Selbstvertrauen, dass die auf den Namen Jasmine van den Bogaerde getaufte Birdy die Kraft hatte, sich eine Auszeit zu gönnen.

Als Teenager ist sie nie ausgenutzt worden

In ihrer ungekünstelten Souveränität wirkte sie beim Karrierestart alterslos und als Songschreiberin bemerkenswert elegant. Der Kontrast zwischen dem Namen Birdy, der niedliche Harmlosigkeit assoziiert, und der abgeklärten jungen Frau am Flügel hätte grösser kaum sein können. Heute zeigt sie sich im Gespräch wiederum von einer anderen Seite.

Sie ist locker und offen, lacht viel und wirkt sogar richtig eifrig. «Ich mache Musik, seit ich vierzehn bin», erklärt sie. «Platten veröffentlichen, Touren, ein Ding nach dem anderen. Nun brauchte ich einfach ein bisschen Zeit für mich selber. Ich musste mir meine nächsten Schritte überlegen.»

Sie ist sich sehr wohl bewusst gewesen, dass sie der frühe Karrierestart viele typische Teenager-Erlebnisse gekostet hat. Aber wenn man es nie erlebt hat, wisse man auch nicht, was einem fehle: «Die kleinen Dinge waren es, die geschmerzt haben», sagt sie, «die verpassten Geburtstagspartys zum Beispiel. Gleichzeitig bin ich sehr dankbar für die Erfahrungen, die ich sammeln durfte. Ich bin immer noch erst 24 Jahre alt, aber ich habe doch schon eine gewisse Ahnung, was ich tue. Das ist ein gutes Gefühl.»

Bedrängt oder ausgenutzt sei sie sich nie vorgekommen: «Ich hatte das Glück, von tollen Menschen umgeben zu sein. Meine Eltern haben mich auf allen Reisen begleitet, bis ich achtzehn Jahre alt war. Ich fühlte mich behütet. In aller Ruhe konnte ich lernen, an mich zu glauben und zu tun, was ich für richtig hielt.»

Eine dreimonatige Indienreise sowie das Ende einer Beziehung sorgten dafür, dass Birdy aus ihrem Karriere-Rhythmus geworfen wurde. Auch mit der Muse haperte es: Melodien fielen ihr viele ein, aber die Texte hätten ihr plötzlich Kopfzerbrechen bereitet. Zur Ablenkung hörte sie viel Joni Mitchell und beschäftigte sich mit der legendären Hippie-Musikszene im Laurel Canyon, wo Mitchell federführend war.

Mit dem Gedanken, eine weitere Luftveränderung könne ihr guttun, flog sie nach Los Angeles. Zwei lokale Songschreiber gaben ihr neue Impulse, es entstand das Lied «Evergreen»: «Mit einem Mal löste sich der Knopf. Ich wusste, dass ich angekommen war.»

Sie sei von den üppigen Arrangements früherer Tage abgekommen, um sich auf die Essenz zu konzentrieren, sagt Birdy. Statt am Klavier zu sitzen, greift sie auch häufiger zur Gitarre: «Die Art von Leichtigkeit, die mir vorschwebte, bringt man mit dem Klavier fast nicht hin.» Mit keinem Ton auf diesem herrlichen Album versucht sich Birdy mit zeitgenössischen Trends anzubiedern. «In der Entstehung ist es eindeutig mein schwierigstes Album. Aber es ist auch mein erdigstes und das, das mir am nächsten geht.»

Birdy: Young Heart, Warner.

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