Plädoyer
Öffnet endlich die Museen!

Kunst sollte ein Menschenrecht sein. Gerade in der Krise müssen Museen als Ort der Wertvermittlung, der Menschlichkeit und der Bildung für alle zugänglich sein.

Daniele Muscionico
Daniele Muscionico
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Auch Besuch bei alten Meistern sind im Lockdown verboten. Aber ist es tatsächlich sinnvoll, Kunstmuseen zu verriegeln?

Auch Besuch bei alten Meistern sind im Lockdown verboten. Aber ist es tatsächlich sinnvoll, Kunstmuseen zu verriegeln?

Bild: Julian Salinas

Man will es nicht glauben, doch es ist wahr: Der Staat schneidet seinen Bürgerinnen und Bürgern von der Möglichkeit des Wohlergehens ab. Dabei behauptet er das Gegenteil. Und tatsächlich, es werden Milliarden investiert, um die Schäden der Corona-Krise gering zu halten und Unsummen ausgegeben, um Direktbetroffene zu unterstützen. Der Effort des Bundes ist gross. Umso grösser ist das Wundern darüber: Die Politik übersieht das Naheliegende. Es findet sich nämlich in fast jeder Schweizer Stadt.

Es liegt in unseren Kunstmuseen. Gemälde, Skulpturen, Grafiken, Installationen, bildende Kunst aus der Vergangenheit und aus der unmittelbaren Gegenwart: Die Schweizer Museumslandschaft ist hochrangig und eine international geschätzte Topographie der Trouvaillen, Objekte und Spuren, die ein Abbild sind unserer Gesellschaft und ihrer Hochblüten und Tiefpunkte.

Brisant ist in diesen Monaten eine Tatsache: Während wir Normalmenschen und Nichtkünstler in der Krise gerne die Augen verschliessen, sind Kunstschaffende, berufsbedingt quasi, Menschen, die verdammt sind, mit offenen Augen und Herzen die Gegenwart wahrzunehmen. Ihre Arbeit dreht sich um Krisenhaftes, um Unsicheres und Unplanbares, um das menschliche Leben. Wie ist es verantwortungsvoll zu bewältigen? Antworten hat die Kunst darauf keine. Aber in der Art und Weise ihrer Fragestellung fühlen wir uns gemeint und erkannt und können mit unseren Erfahrungen anknüpfen.

Kunst lehrt Krisenbewusstsein

Kunst ist die perfekte Krisenexpertin. Kunst kann Katastrophen und Schicksalsschläge verstehen, denn sie arbeitet sich ab am Leben. Ihr Stoff ist unsere Existenz, und wer weiss, vielleicht wandelt sie eine persönliche Not um zu einem Gemälde, vor dem wir später glücksschwanger im Museum stehen.

Kunst und Kultur machen die Menschlichkeit des Menschlichen aus. Unser Ringen um Sinn, das Leiden an der Einsamkeit, das Geschenk einer Liebe oder der Schmerz über Verluste. Kunst ist der schöpferische Umgang mit tiefster Trauer ebenso wie mit höchster Glückserfahrung.

Im Sinne von Joseph Beuys, der dieses Jahr seinen 100. Geburtstag feiert, erinnert Kunst zudem an etwas Entscheidendes: Jeder Mensch ist ein Künstler, denn jeder Mensch ist schöpferisch. Es ist das Schöpferische, das ihn handeln lässt, ihm aus einer Krise den Ausweg aufzeigt und ihn hoffen macht auf Alternativen.

Mit Blick auf die Corona-Krise auf den Punkt gebracht: Kunst ist die Denkart, kreativ mit der Realität umzugehen. Genau dieser Umgang mit der krisenhaften Gegenwart ist heute wichtig. Doch genau dieses Krisen- und Selbstbewusstsein aber fehlt. Denn es fehlt der selbstverständliche Zugang zur Kunst und die Auseinandersetzung mit Kunstwerken.

Das Museum ist ein Sicherheitsapparat    

Wie sinnvoll ist es also, was staatlich verordnet geschieht? Museen müssen geschlossen sein. Und genauso geht es den Galerien. Die Lockdown-Massnahmen definieren sie als kommerzielle Ladengeschäfte wie einen Baumarkt auch. Nicht einmal «by appointment», nach Vereinbarung, bekomme ich in meiner Lieblingsgalerie Einlass und kann mich dort vor die Kunstwerke stellen, die mir viel bedeuten.

Der Friseur meines Vertrauens allerdings muss mich nicht im Stich lassen. Aber trägt ein korrekt geschnittener Pony, blondiertes Haar tatsächlich Bedeutungsvolles zur Volksgesundheit und zum Verständnis unser aktuellen Wertewandels bei? Man will das zumindest leise bezweifeln.

Friseure sind offen, nur ein Beispiel, die Kunstmuseen aber müssen ihre Türen verriegeln. Das ist von den Verantwortlichen wahrscheinlich lange überlegt – und doch kurz gedacht. Denn keine anderen Institutionen erfüllen wie die Museen auch im Normalbetrieb alle Voraussetzungen, um gesundheitlich bedenkenlos besucht zu werden.

Museen verfügen über kontrolliert belüftete, weite und hohe Räume. Wir flüstern, wenn wir vor Kunst stehen, eine Art Andacht ist das wohl. Lautes Reden wäre Ruhestörung toter Meisterinnen und Meister. Bewegen wir uns im Museum mit Schwung? Eher nicht. Wir stehen und staunen. Die Saalaufsicht hat uns im Blick und bestraft uns für ungebührliches Benehmen. Weshalb sollte sie nicht auch Sicherheitsabstände zwischen den – wenigen- Besuchern durchsetzen können?

Museen leisten Zugangskontrollen und wissen bereits aus ihrem Alltag mit Blockbuster-Ausstellungen, wie man Besucherströme dosiert. Man besorgt sich das Ticket online, hat dann zwar ein Besuchsrecht, doch lediglich für die Dauer einer bestimmten Zeitspanne und während eines bestimmten Zeitfensters: Der Kunstfreund, die Kunstfreundin ist längst ein diszipliniertes Wesen. Nur ein Aufenthalt im Tresorraum einer Bank ist womöglich ähnlich überwacht und gesundheitlich noch bedenkenloser als der Besuch eines Kunstmuseums.

Schulen ins Museum

Wirtschaft und Politik befinden sich in einer Krise, das ist wohl wahr. Die Kunst und Kultur ist es ganz sicher nicht. Kunst nämlich ist ein zeitloses und unerschütterliches Wertesystem. Menschen den Zugang dazu und zu Kunstmuseen zu verbieten ist vor allem dann absurd, wenn die Kirchen offen ist. Denn was anderes ist Kunst als eine andere Art von säkularer Religion? So zumindest sieht es die Mehrheit der Menschen. Kunst verhandelt Werte und vermittelt Haltungen.

Und selbstverständlich ist ein Kunstmuseum auch ein Ort der Bildung. Wieso also die leeren Räume zum Beispiel während des Lockdowns nicht für den Unterricht der Kinder und Jugendlichen nutzen? Dort ist Platz in Hülle und Fülle. Unterricht im Museum ist eine Forderung, die in Deutschland bereits praktiziert wird. Wer lädt in der Schweiz Schulklassen ein, ihren Stunden zwischen Kunstwerken abzuhalten?

Schweizer Kunstmuseen müssen wieder öffentlich zugänglich sein. Das kreative Potenzial von Kunst ist ein Reservoir an Ideen und an Hoffnungen, das uns aus der Krise führen kann. Wenn auch nicht aus der ganz Grossen, dann sicher aus der privaten kleinen.