Ehe sein Roman 2015 beim New Yorker Verlag Picador erschien, lehnten ihn zuvor diverse Verlagshäuser irritiert ab. Denn was deren Lektoren da lasen, wirkte – trotz seiner offenkundigen satirischen Überhöhung – doch höchst befremdlich. Die Rede ist von Paul Beattys kühnem, nun auf Deutsch vorliegenden Roman «Der Verräter».

Darin entrollt der 1962 in Los Angeles geborene Autor die Geschichte eines jungen Schwarzen, der im kalifornischen Nest Dickens, unweit von L.A., für die Wiedereinführung von Sklaverei und Rassentrennung kämpft, nachdem sein Vater von einer Handvoll «weisser» Polizei-Kugeln durchsiebt worden ist.

Beatty, der 1996 mit seinem Roman «The White Boy Shuffle» debütierte und zehn Jahre später eine viel beachtete Anthologie mit Texten zum Humor der Afro-amerikaner vorlegte, heimste für «Der Verräter» 2016 den renommierten «Man- Booker-Preis» ein. Der machte ihn schlagartig zu einem der heissesten Exportschlager der aktuellen US-Literatur.

Liest man nun dessen deutsche Übertragung, so versteht man, weshalb. Denn Beattys Roman besitzt eine immense gedankliche Sprengkraft. «Ich mochte die Idee, die längst abgeschaffte Rassentrennung zumindest gedanklich in die Gegenwart zurückzuholen», erläuterte er kürzlich den Geist seines Romans in einem Interview. «Und ich fragte mich, ob eine solche Trennung der Rassen heute wieder funktionieren würde? Und was wohl passiert, wenn man sich freiwillig absondert? Geht es den Leuten anschliessend besser?»

Gleichberechtigung ist Theorie

Das literarische Kondensat von Beattys Überlegungen ist eine wahrhaft bitterböse, satirisch mächtig überhöhte Dystopie, die nicht nur glänzend geschrieben ist, sondern in ihrem utopischen Ansatz eine faszinierende Wucht entfaltet. Denn was zunächst bloss künstlerisch-versponnen gedacht zu sein scheint, besitzt genau betrachtet ein wahrhaft revolutionäres Moment, indem Beatty konterkariert, wie es tatsächlich bestellt ist mit der angeblichen Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weissen innerhalb der heutigen US-Gesellschaft.

Denn: schlossen dort 2016 etwa über 80 Prozent der weissen Kids erfolgreich die High School ab, so waren es im Fall der Schwarzen gerade mal deren 50. Und dass Schwarze im Vergleich zu Weissen auch weiterhin exorbitant hohe Versicherungsbeiträge zahlen, sofern sie in bestimmten Wohnbezirken der grossen Kapitalen gemeldet sind, ist ebenso Fakt.

Von tatsächlicher Gleichberechtigung also ist die heutige US-Gesellschaft immer noch weit entfernt. Diesen Zustand will Beattys Protagonist Me überwinden – zumindest in Dickens, der Stadt mit der angeblich höchsten Mordrate weltweit, wo die dort lebenden Schwarzen wie Aussätzige in ihren gettohaften Vierteln hausen. Denn auch gut 50 Jahre nach Lyndon B. Johnsons Aufhebung der herrschenden Rassentrennung durch den von ihm 1964 initiierten «Civil Rights Act» gelten die schwarzen Viertel unverändert als Synonyme für Gewalt und Elend.

So setzt Beattys juveniler, wild entschlossener Held alles daran, das Rad der Geschichte zurückzudrehen und die Aufhebung der Rassentrennung wieder aufzuheben, um auf diesem Weg die gewaltsam ineinander verstrickten Gruppierungen aus Schwarz und Weiss jeweils für sich zu befrieden.

Und siehe da – es funktioniert: Denn als der inzwischen betagte Schwarze Hominy Jankins, der es einst als Held der Serie «Die kleinen Strolche» zu nationaler Fernsehberühmtheit brachte, sich das Leben nehmen will, weil er das trostlose Aufzehren seines längst verblassten Ruhms satthat, und Me ihn im letzten Moment rettet, hält der ihm zu seiner Überraschung entgegen: «Peitsch mir mein wertloses schwarzes Leben aus dem Leib! Ich bin doch bloss ein Sklave, der zufällig Schauspieler ist!»

Als Me ihm den Gefallen tut, schreitet zwar alsbald die Polizei ein – Hominy aber fühlt sich erleichtert. Und als Me daraufhin beginnt, die Versklavung auf das gesamte Viertel auszudehnen, kehrt auf wundersame Weise Ruhe in Dickens ein: Die Schwarzen bleiben fortan ebenso unter sich wie es die Weissen tun – und das bis dato brachliegende Leben in Dickens beginnt auf nicht für möglich gehaltene Weise neu zu prosperieren.

Gegen Denkgefängnisse

Zwar führen Me seine gewagten Unternehmungen am Ende bis vor den amerikanischen Supreme Court in Washington. Doch als man ihm dort den Vorwurf macht, sich der groben Verletzung des 13. und 14. Zusatzartikels der amerikanischen Verfassung schuldig gemacht zu haben in Form der versuchten Herbeiführung der 1865 erfolgreich abgeschafften Sklaverei, erwidert dieser im Brustton der Überzeugung: «Euer Ehren, ich plädiere auf Menschlichkeit!»

Mit seinem Roman «Der Verräter» ist Paul Beatty ein ebenso kühnes wie mitreissendes Stück Literatur geglückt, das mit seinem Plot mutig jene Denkgefängnisse stürmt, die entgegen allen öffentlichen Beteuerungen nach wie vor in den USA bestehen. Denn ist es nicht auch eine Aufgabe von Literatur, ihrem Wesen nach «utopisch» zu sein, indem sie Bestehendes auf seine bislang ungenutzten Potenziale hin hinterfragt? Bücher wie Paul Beattys zweifellos gewagter Roman jedenfalls stehen auf ihre Weise dafür!

Paul Beatty «Der Verräter». Roman. Aus dem Amerikanischen von Henning Ahrens. Luchterhand-Literaturverlag, München 2018. 352 Seiten.