Die Begründung der Jury für ihre Auszeichnung muss selbst der kritischen Patti Basler gefallen. Im launigen Text zum Salzburger Stier 2019 heisst es: Patti Basler bringe «die sprachlichen und politischen Widersprüche unserer Zeit zuverlässig und mit fauststarker Direktheit auf den Punkt.» Ok, das mit der Faust muss Patti Basler gefallen – ist es ja gar nicht die Erfindung der Jury, sondern ihre eigene: «Die dargebotene Faust» heisst nämlich ihre Radiosendung, das satirische Sorgentelefon auf SRF 1.

Ganz überraschend ist ihr Gewinn des Salzburgers Stiers, des wichtigsten Kleinkunst- beziehungsweise Kabarett-Preises im deutschsprachigen Raum, nicht. Momentan segelt Patti Basler im Hoch: Dieses Jahr wurde die Fricktaler Bauerntochter, die heute in Baden lebt, Schweizer Vizemeisterin im Poetry Slam. So richtig populär wurde sie als Protokollantin der SRF-Politsendung «Arena». Da teilte sie bissig aus, verblüffte mit Schnelligkeit und Wortwitz. Oder wie die Jury schreibt: «Im Herzen ist die ausgebildete Erziehungswissenschafterin mit Nebenfach Kriminologie aber unser aller Lehrerin. Eine Lehrerin, die Fehler nicht korrigiert, sondern gnadenlos protokolliert. Ja, vermutlich ist Patti Basler die schnellste satirische Protokollantin des Abendlandes. Wortspiele sind ihr Colt.»

Der mit je 6000 Euro dotierte Salzburger Stier wird jeweils nach Ländern getrennt vergeben. Aus Österreich wird die Kabarettistin Lisa Eckhart ausgezeichnet, deutscher Preisträger ist das Musik-Duo Simon und Jan. Der in unregelmässigen Abständen vergebene Ehrenstier für ein Lebenswerk wird diesmal dem 76-jährigen deutschen Kabarettisten Gerhard Polt verliehen. Überreicht werden die Salzburger Stiere am 10. und 11. Mai 2019 im Kurhaus Meran.

Schnell und fleissig

Aktuell steht die fleissige Patti Basler fast täglich irgendwo auf einer Bühne, sei es im Dampfschiff Brugg (3. November), an den Deutschsprachigen Slam Poetry Meisterschaften in Zürich (ab 6. November), und sie tourt mit ihrem Programm «Frontalunterricht» in den nächsten Wochen und Monaten von Reinach bis Biel und Obersiggenthal. Im März 2019 ist zudem Premiere für ihr zweites Bühnenprogramm «Nachsitzen».

Gestern Abend trat sie in Luzern beim «Woerdz» auf. Im Rahmen der Werkschau «20 Jahre Poetry Slam». Gegenüber der Redaktion CH Media zog sie Bilanz, wie sich Poetry Slam verändert hat: «Ich habe vor rund zehn Jahren mit dem Slammen angefangen. Das Format habe ich für mich entdeckt, als ich als Lehrerin mit einer Schulklasse einen Slam besuchte. Damals gabs noch viele Vertreter, die seit Jahren in der Szene aktiv waren und immer noch sind.» Zukünftige Slam-Generationen würden sich aber schneller ablösen, «da wir inzwischen aus dem Underground in der Hochglanz-Kultur angekommen sind.» Im Gespräch präzisiert sie auch, dass ihre Texte nicht nur spontan entstehen: «Beim Slammen verstand ich mich immer als Dichterin, die die Texte im stillen Kämmerlein produziert. Die Spontaneität setze ich als Moderatorin und Talk-Masterin ein, meine offenbar schnelle Auffassungsgabe als Instant-Protokollantin.» Aber auch dabei schreibe sie gerne auf, trage es aber ungeprobt vor. «Poesie und reine Improvisation sind unterschiedliche Disziplinen, und das ist gut so.»

Hofnärrin mit Effekt

Die Lust an der Politik ist bei Patti Basler nicht erst seit ihren Auftritten in der «Arena» erwacht. Sie betrieb schon vor ihrer Slam-Karriere einen eigenen Polit-Satire-Blog. «Den hat damals nur niemand gelesen», so Basler. Die Aufmerksamkeit bei den Fernsehauftritten mag sie: «Es ist mir wichtig, Menschen in Machtpositionen ein direktes Feedback geben zu können. Auf Augenhöhe.» Dafür hat sich die Wortkünstlerin auch Freiheit ausbedungen. «Aber als Hofnärrin muss man aufpassen, dass man nicht zum Feigenblatt der Politik wird.» Dass ihre Beiträge bei den Politikern nicht immer nur gut ankommen, ist klar. Aber kritische Satire sei umgekehrt auch ein komfortabler Weg für die Politik, «ohne Konsequenzen über die eigenen Verfehlungen lachen zu können. Um dann genauso weiterzumachen wie bisher.» Päng!

Patti Basler kann mehr als nur Politik, betont die Jury des Salzburger Stiers: «Auf der Bühne, in ihren Programmen und Moderationen, registriert, kommentiert und persifliert sie schon seit neun Jahren die Unzulänglichkeit der Menschheit; wenn nicht sogar der Männer!» Dass sie als Frau auch in der Slam-Szene Minderheit ist, weiss Basler. Ebenso, dass Texte von Frauen und Männern anders wirken. Was bei Männern als «wunderbar poetisch und sprachsensibel rezipiert werde», werde bei Frauen schnell als «Meitli-Gschpürschmi-Selbstverwirklichung» oder «Hausfrauenpoesie» diskreditiert. Denkt sie beim Texten deshalb, das sollte ich jetzt nicht schreiben, weil ich eine Frau bin? «Nein, zumindest nicht bewusst,» stellte Patti Basler gegenüber der «Schweiz am Wochenende» fest und präzisierte mit einem preiswürdigen Bonmot: «Ich bin ja Poetin, da dichte ich mit dem Gehirn und dem Gehör, nicht mit den Eier-
stöcken.»