Kultur

Notruf aus der «Überquarantäne»

Wegen des Coronavirus baut Lucerne Festival sein «digitales Angebot» aus: Streams mit Chailly und Abbado und ein Wohnzimmerkonzert zeigen, dass Online-Formate in die Lücke springen, aber diese nicht füllen können.

Jetzt wären wir mittendrin im ersten Frühlingswochenende von Lucerne Festival. Dieses wäre vom 1. bis 4. April im Zeichen des Dirigenten Teodor Currentzis gestanden. Jetzt kann man sich nur vorstellen, wie der Wirbelsturm aus Russland Beethoven revolutioniert oder – passend zu Corona – zu einer spirituellen Feier eingeladen hätte.

Man stelle sich also vor: Der Konzertsaal des KKL ist bis auf den letzten Platz besetzt, nur die üblichen Huster wirken wie ein Alarmsignal. Aber wenn das Licht ausgeht und nur noch Kerzenschein die um Currentzis gescharten Musiker und Chorsänger matt beleuchtet, tauchen wir ein in ein Mysterium, wie es nur Livekonzerte ermöglichen.

Klagen aus der digitalen Festival-Fundgrube

Archaische Chorgesänge führen mit einer Flüsterfuge hinein in eine gespenstische Gegenwart. Dafür stehen in Philipp Hersants Choroper «Tristia» Texte aus Gefangenenlagern: Klagelieder aus einer abgeriegelten Welt, die aus Wut und Verzweiflung auf Gerechtigkeit pocht und damit eine bessere Zukunft beschwört.

Das Beispiel zeigt, welchen Beitrag, ja Beistand die Kultur in Coronazeiten leisten könnte. Und es illustriert, wie Online-Angebote der Musikveranstalter jetzt in die Lücke springen können. Vorstellen kann man sich diese Klagelieder nämlich dank einem Video auf dem Youtube-Kanal von Lucerne Festival. Er ist eine Fundgrube für Werkeinführungen, Backstage-Impressionen mit Künstlern und Ausschnitten aus früheren Konzerthighlights.

Einen Schritt weiter geht das «Digitale Festivalangebot», das Lucerne Festival bis zum 4. April anstelle des abgesagten «Teodor»-Wochenendes anbietet. Den Auftakt machte am Mittwoch eine Aufzeichnung des letztjährigen Eröffnungskonzertes mit dem Lucerne Festival Orchestra unter Riccardo Chailly. Das liegt so kurz zurück, dass man zu Hause die Liveatmosphäre aus der Erinnerung quasi abrufen konnte.

Einsam mitten im tosenden Applaus

Umso einsamer fühlt man sich beim Schlussapplaus auch für den Pianisten Denis Matsuev. Dessen pianistische Kaskaden im dritten Klavierkonzert von Rachmaninow hörte man zwar fast detailschärfer als im KKL, und auch der leidenschaftliche Orchesterklang in Rachmaninows dritter Sinfonie wird so weit gefächert, dass sich das Wohnzimmer im Kopf zum Konzertsaal weitet. Aber klar: Das gemeinschaftliche Erleben von Musik lässt sich digital nicht vermitteln. Und dieses bildet, wie Igor Levit zu seinen aktuellen Online-Projekten sagt, den «Kern der Musik» (vgl. Kasten).

Anders liegt der Fall bei Künstlern, die live nicht mehr zu erleben sind und wo sich Gemeinschaft über Erinnerungen und Mythen bildet. So zeigt der letzte Stream im digitalen Festivalangebot eine Aufzeichnung von Mahlers neunter Sinfonie durch das Festivalorchester unter Claudio Abbado. Auch dieser Stream ist auf www.medici.tv mit einem Gastaccount während 24 Stunden kostenlos abrufbar.

Verfügbar bleibt die neue Serie der Heimkonzerte von Musikern des Festival-Orchesters. Im ersten Beitrag erläutert die Luzerner Geigerin Isabelle Briner, dass freiberuflichen Künstlern der finanzielle «Untergang» droht. Weil alle Termine abgesagt wurden und die Gagen wegfallen, ist sie wie viele andere auf der Suche nach «Notgeldern».

«Valse triste» aus der «Überquarantäne»

«Seit ein paar Monaten bereite ich mich auf Probespiele vor und übe viel in meinen vier Wänden», relativiert Briner ihre «Überquarantäne»-Situation: «So nennen wir Musiker das, wenn mal keine Engagements reinkommen.» Zu Briners Zuversicht, dass man aus «Krisen stärker hervorgeht», passt die emotionale Kraft der «Valse Triste» von Franz von Vecsey, die sie hautnah-intensiv in ihrem Wohnzimmer spielt.

Briners Hauskonzert läuft auf allen Online-Kanälen von Lucerne Festival. Dazu gehören ein informativer Festival-Blog sowie Twitter, Facebook und Instagram, wo das Festival 32000 Followers hat – eine Zahl, die unter den Klassikveranstaltern in Europa nur die BBC-Proms erreichen.

Dass Online-Angebote rund um die Uhr abrufbar sind, verdeutlicht einen Unterschied zum Liveerlebnis. Denn digital ist Musik wie Bilder im Museum immer verfügbar. Da ist es egal und ohne Dringlichkeit, wann man sie sich anhört. Aber Livekonzerte unterscheiden sich fundamental vom Besuch eines Museums, sagt die Geigerin Patricia Kopatchinskaja in einem Video: «Konzerte sind etwas Einzigartiges, Unvergessliches und Unwiederholbares.»

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