Kultur

Neues Stück von Sibylle Berg am Theater Basel: Wenn Männer die Lust am Sex verlieren

Szene aus «In den Gärten oder Lysistrata Teil 2» am Theater Basel. Am 16. November hat das Stück Premiere.

Szene aus «In den Gärten oder Lysistrata Teil 2» am Theater Basel. Am 16. November hat das Stück Premiere.

Buchpreisträgerin Sibylle Berg hat fürs Theater Basel eine Fortsetzung der antiken Antikriegskomödie «Lysistrata» geschrieben. In Bergs Fassung durchlebt der Mann eine rechte Identitätskrise. Premiere ist am 16. November.

Sibylle Berg ist die Autorin der Stunde: Mit dem Schweizer Buchpreis in der Tasche wird sie am 16.11. im Theater Basel die Uraufführung ihres neusten Stücks «In den Gärten oder Lysistrata Teil 2» erleben. Und weil aller guten Dinge drei sind, sei hier noch der Wiener Nestroypreis für das beste Stück, namentlich für ihr «Hass-Triptychon – Wege aus der Krise», erwähnt, der ihr Mitte Oktober überreicht wurde.

Berg mag das grelle Rampenlicht weniger, wird also froh sein, wenn diese Woche vorbei ist. Nach der Verleihung des Schweizer Buchpreises am Sonntag gab sie sich auf Anfrage «überwältigt (ich glaube, ich habe das Wort noch nie verwendet)». Der Uraufführung blickt sie mit Aufregung entgegen: «Leider finde ich Premieren ganz schrecklich. Ich bin zu aufgeregt, um sie geniessen zu können.» Sie sorge sich um die Mitarbeitenden, wünsche ihnen ­alles Gute, ohne eingreifen oder etwas retten zu können. «Ein grässlicher Zustand», schreibt sie.

Sibylle Berg mochte sich nach all den Interviews, die sie nach der Buchpreisverleihung auch gegenüber dieser Zeitung persönlich geben musste, nur schriftlich zu ihrem neuen Stück äussern. Dieses trägt einen in der Dramengeschichte bekannten Namen im Titel. Aristophanes hatte mit «Lysistrata» 400 Jahre vor Christus die wohl erste Antikriegskomödie der Geschichte geschaffen. Der Inhalt: Frauen aus Athen und Sparta verweigern sich ihren kriegsführenden Männern, bis sie endlich Frieden schaffen.

Getreu seinem Prinzip, alte Dramen aktuell zu überschreiben, hat das Theater Basel im letzten Jahr der Ära Andreas Beck Sibylle Berg mit der Neudichtung der antiken Komödie beauftragt. Und damit wohl in Kauf genommen, dass es die Autorin nicht mit einer inhaltsnahen Neudichtung belassen wird.

Männer, die ihrer Rolle überdrüssig sind

In Bergs Fortsetzung «In den Gärten oder Lysistrata Teil 2» geht es nicht mehr um einen Krieg zwischen Staaten, der zum Zwist zwischen den Geschlechtern führt, sondern allgemein um den Kampf der Geschlechter, die ihrer traditionellen Rollen überdrüssig sind. Durch die Emanzipation ist die traditionelle Männerrolle aus den Fugen geraten, das ehemals starke Geschlecht will schwach und nicht mehr ständig auf Geschlechtsverkehr aus sein, ja will schliesslich gar keinen Sex mehr.

Berg hat diese Neudeutung in einer überbordenden Kalauerkaskade auf Papier gebracht, die sich bis an die Grenze zur ­Albernheit emporschwingt. So sind Sätze zu lesen wie: «Ich paare mich und weiss genau, das Resultat ist immer mau.»

Bergs Blick auf die Paarbeziehung ist geprägt von einem hohen Mass an Sarkasmus. Lysistrata weiss nicht, wie sie überhaupt noch eine Liebesbeziehung führen soll, «in einer Zeit, in der eigentlich keiner mehr Lust darauf hatte». Und der Mann flüchtet sich dickbäuchig und im Unterhemd in Männergruppen, um sich endlich ohne Ehrgeiz der frauenlosen «grossen Behaglichkeit» hingeben zu können und in der Folge schliesslich auszusterben.

Der Mann verweigert sich der Frau

Anders als in der antiken Komödie ist es hier also der Mann, der sich der Frau verweigert. Und anders als bei Aristophanes gerät das zurückgestossene andere Geschlecht, hier also die Frau, nicht in Not, sondern merkt es gar nicht.

Ist das nun Postfeminismus? Oder ein sarkastischer Abgesang auf die Paarbeziehung schlechthin? Berg drückt sich um eine Kategorisierung. Sie bezeichnet ihr Stück als «Komödie über Menschen» und als eine «Utopie, die genauso absurd ist wie die Versuchsanordnung bei ‹Lysistrata›». Das Stück sei die zeitgemässe Neuerzählung einer Komödie – «ich hoffe, dass es so lustig geworden ist, wie ich mich erinnere».

Ob’s lustig wird, hängt von der Regie ab

Ob es lustig wird, liegt zu einem hohen Masse bei der Umsetzung. Das ist ganz anders als bei einem Roman, bei dem die Autorin die absolute Verfügungsgewalt behält. «Theatertexte sind Publikums- und Koarbeits-­orientiert», gibt Berg zu Protokoll. «Es gibt unbequeme ­Bestuhlung mitzudenken, eine begrenzte Auf­merk­samkeits­spanne, Inszenierbarkeit, Mitgefühl für Schauspielerinnen und Schauspieler.»

Berg weiss auch, dass ein Theatertext letztlich ein «künstlerischer Gebrauchsgegenstand» ist, auf den sie als Autorin am Schluss nur bedingt ­Einfluss nehmen kann. «Die Erfahrung nach 25 Stücken lehrt mich, dass es immer anders kommt als in ihrer Vorstellung; ich habe es aufgegeben, Regisseure mit meiner Umsetzungsfantasie zu belästigen.»

In Basel muss sie sich damit abfinden, dass sie ihr Stück in die Hände eines Regisseurs legen musste, der zumindest noch nicht zum «Reigen vertrauter Menschen» gehört, wie etwa Sebastian Nübling oder seit jüngster Zeit auch Ersan Mondtag. Es inszeniert der Serbe Miloš Lolić.

Berg kann mit dieser Wahl gut leben. «Wir haben uns zweimal getroffen und uns im Gespräch absurd gut verstanden auf allen Ebenen – besonders im Humorbereich (sagt man das so?).»

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Autor

Julia Stephan

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