Er ist witzig, der Roman des Aargauers und Wahlberliners Linus Reichlin. Einfach nur witzig? Nein, da geht es schon auch um Ernstes. Doch dieses kann man total missverstehen, wie die entsprechenden Nachfragen beim Autor beweist (siehe Kurzinterview unten).

Also bleiben wir zunächst beim Witz. Denn was für eine Story! Protagonist und Ich-Erzähler ist Fred Hundt, Experte für Wahrscheinlichkeitstheorie und als solcher ziemlich ausgebörnt. Jugendlichen die Relation von Zeit und Raum zu erklären, dafür ist ihm die Lust vergangen.

Lieber wäre der gut 60-Jährige ein Rockstar. Doch zu mehr als Hobbyrock hat er es bisher nicht gebracht. Als er erfährt, dass sein Lieblingsmusiker Keith Richards gestorben ist, bricht seine Welt zusammen. Wenn sogar Keith Richards stirbt, dann wird einem die eigene Sterblichkeit wie ein Hammerschlag bewusst.

Keith Richards will sein Vermächtnis schützen

Da meldet sich ein Freund und will, dass Fred sofort zu ihm in die USA fliegt. Der Freund ist eine Art Promi-Arzt. Und betreut auf einer einsamen Insel ... Keith Richards. Der ist auferstanden. Was aber niemand erfahren darf. Sonst – so die Befürchtung des Stars – würde er fortan als Naturphänomen und nicht mehr für sein musikalisches Werk in Erinnerung bleiben.

Natürlich hat Richards als offiziell Toter keinen Zugriff mehr auf sein Geld. Fred soll nun bei der Beschaffung von Kohle helfen und deswegen zu Johnny Depp pilgern. Der ist bekanntlich ein Freund von Richards. Aber auch ein ausgebuffter Schlaumeier. Als Richards inkognito wieder unter die Leute will, wird es endgültig schräg.

Mit Humor und extrem viel Sprachwitz erzählt Reichlin seine durchgeknallte Story und reiht die absurdesten Situationen aneinander. Köstlich geraten sich auch die Figuren, allen voran Keith Richards, dessen Auftreten bei aller Karikiertheit wohl nicht so weit von der Realität entfernt ist.

Auch die Episode mit Johnny Depp ist gelungen, obschon der Star im Buch wohl eher seiner Figur Jack Sparrows nachempfunden ist. Jetzt zum Ernst des Ganzen: Öfter wird erwähnt, dass die Menschheit angesichts der Dauer des ganzen Universums eigentlich kaum existiert. Was unsere Bedeutung ziemlich verkleinert und unsere Vergänglichkeit akzentuiert. Und wenn sogar der scheinbar unverwüstliche Keith Richards stirbt ...

Unsere Bedeutung im universellen Kontext

Aber dies tut er ja gerade nicht! Dass er dann seinen musikalischen Nimbus, der doch im universellen Kontext ebenfalls bedeutungslos ist, auf Kosten seines Soziallebens retten will, wirkt reichlich absurd.

Und gemahnt uns, dass letztlich vor allem unsere zwischenmenschlichen Beziehungen wichtig sind. Aber eben genau das haben wir wohl total missverstanden.

Linus Reichlin Keiths Probleme im Jenseits. Galiani Berlin, 254 S.