Kino

Neuer Film von Woody Allen: Voller Saal für einen angezählten Regisseur

Auch sie spendete ihre Gage nachträglich: Selena Gomez auf dem Set mit Woody Allen.

Auch sie spendete ihre Gage nachträglich: Selena Gomez auf dem Set mit Woody Allen.

In den USA lief Woody Allens neuer Film wegen Missbrauchsvorwürfen nicht an. Hier kommt er nun im Kino. Wie reagiert das Publikum?

In jeder Komödie gibt es den einen Kinogast mit dem etwas zu herzhaften Lachen: immer etwas zu laut, manchmal etwas deplatziert. Nicht anders war das in der Vorpremiere des ­neuen Films von Woody Allen, «A Rainy Day in New York», gestern im gut besuchten Lunch-Kino in Zürich. Und im Film selbst sorgt ausgerechnet ein übertriebenes Lachen für den einzigen Schenkelklopfer überhaupt.

Natürlich ist dieses hysterische Lachen einer Frau eigen, der baldigen Vermählten des Bruders der Hauptfigur Gatsby. Dem Bruder aber geht das Lachen seiner Verlobten so sehr auf den Geist, dass bei ihm prompt jegliche Lust auf eine Hochzeit verfliegt. Ein Seitenaspekt im Film zwar, doch er sagt viel über das neue Werk Allens aus, das die jungen Frauen möglichst knapp bekleidet zeigt. Mit Ausnahme von Selena Gomez, die sehr cool rüberkommt, sind die Frauen wahlweise naiv, schrullig oder Edelprostituierte.

Und das stimmt bei Woody Allen nachdenklich, wo dieser doch in den USA Missbrauchsvorwürfen ausgesetzt ist. Dylan Farrow, die gemeinsame Adoptivtochter mit seiner Ex-Partnerin Mia Farrow, wiederholte im Zuge der #MeToo-Debatte die Anschuldigungen gegen Allen. Es geht um Vorkommnisse, die weder neu sind noch jemals geklärt wurden. Im Sommer 1992 soll es zu einem Übergriff des Vaters gegenüber der Tochter gekommen sein. Woody Allen wehrte sich gegen die Anschuldigungen, Dylan Farrow hielt an ihren Aussagen fest. Beide bekamen Rückendeckung von Familienmitgliedern. Es stand Aussage gegen Aussage, später wuchs Gras über die Sache, Woody Allen hielt sich still, blieb unauffällig und brachte Jahr für Jahr einen Film ins Kino. Bis #MeToo über ihm hereinbrach.

Trotz Unschuldsvermutung, die Medienschlacht hatte Folgen: Amazon Studios liess Woody Allen fallen, und «A Rainy Day» stand plötzlich ohne Studio da. Auch einige Schauspielerinnen und Schauspieler wandten sich von Allen ab und spendeten ihre Gagen an «Time’s Up», die Nachfolgebewegung von #MeToo. Allen verklagte Amazon auf 68 Millionen Dollar Schadenersatz. Diesen Herbst kam es zum aussergerichtlichen Vergleich.

Und obwohl «A Rainy Day In New York» in Amerika keinen Verleiher fand und damit dem US-Kinopublikum verwehrt geblieben ist, kommt er in Europa nun ins Kino. In der Schweiz ist er ab heute im regulären Programm zu sehen.

Worum geht es überhaupt im Film?

Die Sprosse zweier reicher Familien, der stadtgewandte Gatsby (Timothée Chalamet) aus New York und das Landei Ashleigh (Elle Fanning) aus Arizona, besuchen dasselbe College. Für das Schülermagazin erhält Ashleigh in New York einen Interviewtermin mit einem bekannten Filmregisseur (gespielt von Liev Schreiber), worauf sie und Gatsby das Nützliche mit dem Schönen verbinden. Gatsby will ihr bei einem romantischen Wochenende seine Stadt zeigen. Es kommt alles anders: Ashleigh taucht ab in die Welt der Filmindustrie und landet bei einem Filmstar. Gatsby tröstet sich derweil mit Barbesuchen, Spaziergängen im Regen und in Begleitung einer Prostituierten an einem Empfang seiner Eltern, auf die er nicht besonders gut zu sprechen ist.

Das alte, zauberhafte und malerische New York

Der Film gleitet dahin, die Pointen sitzen, wenn auch der Fortgang der Handlung etwas absehbar ist. Gute Unterhaltung wird geboten, und wer den nostalgischen Blick auf New York mag, der ist hier goldrichtig. Vielleicht tut das ja auch gerade gut in einer Zeit, in der einem diese Stadt im Film und in vielen Serien eher in einem düsteren Licht serviert wird.

Als ambivalentes Erlebnis schildert ihren Kinobesuch auch die Sitznachbarin. «Ehrlich gesagt verriet ich einer Freundin nichts von meinem Woody-Allen-Kinobesuch, als ich sie vor dem Film auf der Strasse traf», sagt sie nach der Vorstellung. Die Missbrauchsvorwürfe gegen den Regisseur sind auch der Kinobesucherin bekannt. «Doch warum spielten diese jungen Schauspielerinnen mit, alle in ihren kurzen Röckchen?», fragt sie sich. Die Vorwürfe waren ja längst bekannt.

Woody Allen tut mit seinem Film, was er am besten kann: Er unterhält. Dabei stellt er die Schönheit junger Frauen ins Rampenlicht ­– und viele männliche Figuren oft ebenfalls klischiert dar. So ist Gatsby, Allens alter Ego, belesen, gescheit und seiner Freundin vom Land intellektuell überlegen. Selbst am Filmstar darf es nicht fehlen, dessen Ziel es ist, die Jungjournalistin ins Bett zu kriegen.

Die demonstrativen Lacher im Publikum übrigens, sie stammten von einem Mann. Mit dem Lauf der Vorstellung sind sie verstummt.

«A Rainy Day In New York» (USA 2019, 92 Min.), Woody Allen. Ab heute im Kino.

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