Kultur

Neuer Dokumentarfilm zeigt den gemässigten Islam in der Schweiz

Miriam (2. von rechts) und Franco Lo Manto (rechts) konvertieren zum Islam.

Miriam (2. von rechts) und Franco Lo Manto (rechts) konvertieren zum Islam.

Zwar entstand er wegen eines Islamisten, aber der Film «Shalom Allah» zeigt: Es gibt auch die Normalos. Das ist wohltuend.

Weshalb konvertieren junge Menschen in der Schweiz zum Islam? Eindeutige Antworten liefert «Shalom Allah», der neue Dok des Zürcher Filmemachers David Vogel, nicht. Zu vieles ist in der Schwebe, bleibt irgendwo hinter den schwer nachvollziehbaren Erklärungsversuchen der Protagonisten verborgen. Herausgekommen ist dafür eine Annäherung an junge Konvertiten in der Schweiz, die sich wohltuend abheben von streitbaren Figuren wie dem bekanntesten Konvertiten des Landes, Nicolas Blancho vom Islamischen Zentralrat IZRS.

Da ist der Westschweizer Sozialarbeiter Johan, der seinen Körper ins Zentrum stellt und vor der Kamera in Uniform provoziert. Als Zuschauer wähnt man einen solchen Mann als Dschihadist in Syrien. Wahr ist: ­Johan wandert aus, jedoch nach Dubai. Oder das Ehepaar aus dem Bernbiet: Franco und Miriam Lo Manto finden in einer Krise zu Allah. Doch damit kommt es neuerlich zu Problemen. Im Film ­erzählt Franco Lo Manto, wie der Polizeidienst für ihn als Konvertiten ­wegen der Häme ­seiner Kollegen unmög­lich wurde. Und ein Treffen Miri­ams mit Verwandten verschafft einen Eindruck davon, wie schwer sie es hat, zu vermitteln, dass der Islam an sich nichts Böses sei.

Für David Vogel sind Franco und Miriam Lo Manto Brückenbauer. «Im Kleinen schaffen sie Verständnis für den Islam, der heute klar diskriminiert wird», sagt er bei einem Kaffee in Zürich. Solchen Brückenbauern müsse man zuhören. «Und sie ernst nehmen, sonst wird aus Franco Lo Manto noch ein zweiter Nicolas Blancho.»

Was Vogel sagt, irritiert zuerst einmal. Aus zwei Gründen: Vogel selbst ist Jude, und in Europa grassiert Antisemitismus, gerade unter jungen Muslimen. Hinzu kommt: Franco und Miriam Lo Manto landen bei Nicolas Blancho, über den sich nicht nur die halbe Schweiz, sondern auch Vogel aufregt und dessen Auftritte das Filmprojekt auslösten. Warum gehen Franco und Miriam Lo Manto nicht zu einem gemässigten Imam? «Die muslimischen Gemeinden in der Schweiz sind ethnisch organisiert, für Konvertiten ist es nicht einfach, sich in einer bosnischen oder türkischen Moschee zurechtzufinden», sagt Vogel. Der kleine IZRS hingegen nehme Konvertiten gern auf, und Blancho und Co. würden erst noch dieselbe Sprache sprechen.

David Vogel , Journalist und Filmemacher

David Vogel , Journalist und Filmemacher

Vogel ist es wichtig, zu unterscheiden: Menschen würden in der Schweiz mehrheitlich wegen der Religion ihres künftigen Ehepartners zum Islam konver­tieren. «Der Glaube an sich steht für sie nicht im Vordergrund», sagt ­Vogel.

Dann gebe es jene wie Vogels Protagonisten im Film. «Doch bei der Mehrheit von ihnen pendelt sich das ein, ihre Kompromissbereitschaft nimmt zu», ist Vogel überzeugt. Das gelte auch für Franco und Miriam Lo Manto, der IZRS sei nur ihre erste Anlaufstelle gewesen.

Der umgekehrte Weg des jüdischen Filmemachers

Eingependelt hat sich auch Vogels Verhältnis zu seinem jüdischen Glauben. In «Shalom Allah» macht er sich und seine Abkehr von der Frömmigkeit ­seiner Eltern bis hin zur Wieder­entdeckung der Spiritualität in der ­jüdischen Kultur zum Thema. Der umgekehrte Weg der Konvertiten also. Das ist mutig. Und neben der Erkenntnis, dass Konvertiten freundliche Menschen sind, mit denen man sprechen kann und soll, noch ein Grund, weshalb man diesen Film unbedingt sehen muss.

«Shalom Allah»
(CH 2019, 99 Min.)
Regisseur: David Vogel
Ab nächster Woche im Kino

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