Eine einzige Frau kam bisher auf Schweizer Banknoten abgebildet in Umlauf: Sophie Taeuber-Arp. Von 1995 bis 2016 zierte ihr Antlitz mit dem intensiven Blick die 50er-Note, auf der Rückseite waren mehrere ihrer Werke abgebildet. Ob die 1943 an einer Kohlenmonoxidvergiftung gestorbene Künstlerin dies als Ehre empfunden hätte oder eher als Absurdum, ist schwer zu sagen.

Fest steht: Aus der Anerkennung des Establishments hat Taeuber-Arp sich nie viel gemacht. Zu unkonventionell und wenig gefällig war ihre Kunst, als dass man sie ins Foyer zum Beispiel einer Bank hätte hängen können. Schon 1915, mitten im Ersten Weltkrieg, wandte sie sich von der figürlichen Darstellung ab, den abstrakten Formen zu und schuf sich mit den Zürcher Dadaisten eine künstlerische Heimat.

«Jolifanto bambla o falli bambla / grossiga m’pfa habla horem …» So beginnt das Gedicht «Karawane» von Hugo Ball, zu dem Sophie Taeuber 1917 in der Galerie Dada in Zürich tanzte. «Weiblichkeit und Geschmeidigkeit hat sie sich genommen, jede Mimik durch die Maske ausgeschaltet, alles Fliessende, Anmutige, Liebreizende geopfert zugunsten von bizarren Bewegungen», schreibt Margret Greiner in ihrer Romanbiografie «Der Umriss der Stille» dazu.

Und weiter: «Stakkatohaft werden die stummen Silben schampa wulla wussa olobo aus den Extremitäten geschleudert, die dunklen Vokale in den Silben wulubu ssubudu uluwu in die dunkle Macht des Körpers übersetzt. Der Leib krümmt sich, bäumt sich auf wie unter starkem Schmerz, sucht die groteske Deformation.»

Romanhafter Zugang

«Ist das Kunst?», fragten die wenigen Zürcher Kunstfreunde, die sich in die Galerie Dada gewagt hatten, wo Hugo Ball, Hans Arp, Emmy Hennings, Marcel Janka und andere Dadaisten sich selber und das Leben in Freiheit feierten. Mit dieser Frage hat sich Sophie Taeuber in ihrem Leben immer wieder konfrontiert gesehen. Zuerst, weil sie als Dozentin an der Kunstgewerbeschule in der Schublade der «angewandten», sprich weiblichen und also nicht ernst zu nehmenden, Kunst versorgt wurde.

Später, weil gar niemand wusste, dass die Frau, die neben sich selber auch den grossen Hans Arp und ihren gemeinsamen Haushalt finanzierte, in ihrem Atelier ebenfalls Kunst machte – ja dass sie diese gerade neu erfand. Heute gilt Sophie Taeuber-Arp als Pionierin der konkreten und der konstruktiven Kunst.

Autorin Margret Greiner gelingt es in ihrem Buch, Taeuber-Arps visionären Geist, ihr so eigenwilliges wie geradliniges künstlerisches Konzept zugänglich zu machen, indem sie romanhaft von ihrem Leben erzählt. Von ihrer Geburt in Davos, ihrer vaterlosen Kindheit im Appenzell, ihrem Kunststudium in München und Hamburg.

Von ihrem Leben zwischen Zürich und Paris, später auf der Flucht vor den Nazis in Südfrankreich und wieder zurück in der Schweiz. Vor diesem historischen Hintergrund versucht Margret Greiner vor allem der so inspirierenden wie zerstörerischen Beziehung Sophie Taeubers zu Hans Arp gerecht zu werden. Dabei wird klar, wie sehr Taeubers Treue zu ihrem Freund, künstlerischen Partner und irgendwann auch Ehemann die Treue zu sich selbst erschwerte.

Unnötige Schönheitsfehler

Margret Greiner meistert die Gratwanderung zwischen Fakten und Fantasien, die eine Romanbiografie immer darstellt, sehr gut. Leider sind der ortsunkundigen deutschen Germanistin dabei ein paar Fehler unterlaufen, die im Lektorat, spätestens im Korrektorat ihres Schweizer Verlags Zytglogge hätten bemerkt und ausgemerzt werden müssen.

So schreibt sie zum Beispiel immer wieder über «Züricher» statt über Zürcher und nennt das Fraumünster in der Limmatstadt «Frauenmünster». Kleinigkeiten, gewiss. Doch ein Buch, das auf historisch belegte Eckdaten baut, vermögen sie als Hinweis auf schlampige Recherchen vollends zu entwerten. Auch Genauigkeit, so hat es Sophie Taeuber-Arp vorgemacht, ist eine Kunst.

Margret Greiner «Sophie Taeuber-Arp: Der Umriss der Stille». Romanbiografie. Zytglogge, 286 Seiten.