Offene Bauten
Neue Aargauer Architektur von innen sehen

Am Wochenende heisst es «Türen offen bei neuer Architektur» im Aargau. Für Gwundrige wie für Skeptiker.

Sabine Altorfer
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SIA-Tage: Offene Bauten im Aargau
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Die eingezogene Loggia bringt viel Licht in die solide gestaltete Wohnung.
Schöne Farbe und Muster im Treppenhaus.

SIA-Tage: Offene Bauten im Aargau

Markus Bertschi

Lauschig ist die Situation am Lenzburger Bahnhof nicht. Wer sich am Nachmittag aufs einzige Bänkli auf dem Perron zwischen Gleis 2 und 3 setzt, beim Warten auf den Zug eine Glace schleckt, erlebt, was Durchfahrtsbahnhof heisst. Fast im Minutentakte donnern Intercity- und ICE-Züge vorbei ...

An diesen Gleisen wohnen? Das kann man sich auf dem Bahnhofbänkli fast nicht vorstellen. Und doch sind nicht nur im Hero-Areal nördlich der Gleise zahlreiche neue Wohnbauten entstanden, sondern auch südlich davon steht seit einem Jahr der neue Wohn- und Bürobau Arcmala: Zwischen den Gleisen, der Bahnhofstrasse und dem von Bussen viel befahrenen Bahnhofplatz.

Ein Rundgang ums Gebäude zeigt: Das Haus hat null Garten und abgesehen von drei Bäumchen entlang der Bahnhofstrasse und einiger Pflanzen, die über die Attika-Terrasse güxeln, auch sonst nichts Grünes. Und doch sind 18 Wohnungen zur Miete ausgeschrieben. Rund ein Drittel ist auch schon besetzt.

SIA-Tage: Offene Bauten im Aargau

Am Samstag/Sonntag 9./10. und teilweise am Samstag/Sonntag 16./17. sind folgende Gebäude für die Öffentlichkeit zugänglich, viele nur mit Führung. Besuchszeiten und Beschreibung: www.journees-sia.ch/de/

- Lenzburg Wohn- und Geschäftshaus Arcmala, Bahnhofstrasse, nur Samstag, 9. 6., 14 bis 17 Uhr

- Wettingen Schulhaus Zehntenhof

- Ennetbaden Einfamilienhäuser Hertensteinstrasse 44

- Spreitenbach Schulhaus Poststrasse

- Widen Mehrfamilienhäuser Wolfeggstrasse 5/7

- Villmergen Schulzentrum Mühlematten

- Wettingen Bürobau Bahnhofstrasse 1

- Windisch Umbau Einfamilienhaus Klosterzelgstrasse 13

- Wettingen Umbau Einfamilienhäuser Austrasse 35

- Würenlingen Einfamilienhäuser Hengelweg 4

- Auenstein Schulhaus

- Ennetbaden Umbau Einfamilienhäuser Hertensteinstrasse 29

Blick hinter die Fassade

Die Lage – so zentral und so nahe beim Bahnhof – ist bestens. Aber wie ist die Wohnqualität? Wie die Arbeits-Atmosphäre in der lauten Umgebung? Am kommenden Samstag kann man Teile des Hauses besichtigen. Im Rahmen der Besuchstage, die der SIA, der Schweizer Ingenieur- und Architekten Verband, jedes Jahr anbietet, um neuere Architektur für das Publikum erlebbar zu machen.

Architekt Oliver Dufner, Geschäftsführer im Badener Büro Burkard Meyer, zeigt uns den Bau vorgängig. Er hat einen Lieblingsstandpunkt: vis-à-vis über der Bahnhofstrasse. Von hier wirkt die Länge von 85 Metern imposant. «Wir wollten keinen Riegel, deshalb der Rücksprung in der Fassade», sagt Dufner. «So findet man den Haupteingang, und man kann auch die zwei Teile gut ablesen: zum Bahnhofplatz der Kopfbau mit dem Café unter der Arkade und der Büronutzung darüber, im rechten Teil, über dem Denner, die Wohnnungen mit dem Attikageschoss».

Die Aussenhaut aus dem bräunlichen Klinker, die durchlaufenden Gesimse und Bandfenster mit den eingezogenen Loggien verschmelzen die Teile zum Ganzen. Die Materialisierung wirkt gediegen, die Ausformung unspektakulär, aber sorgfältig durchdacht. «Der Klinker ist eine Referenz an frühere Gebäude», erklärt Dufner. Es sei eine massiv gemauerte Schicht, nicht nur aufgeklebte Fassade. «Der Bau ist robust und wird auch in fünfzig Jahren noch gut aussehen. Das wollte auch die Bauherrschaft, die Familie Arcari.»

Im geschützten Raum unter dem Einschnitt findet man alle Zugänge. Der Denner markiert mit Flaggen Präsenz, eine Glastüre gewährt einen Blick ins Büro-Treppenhaus mit überraschend quirligem Steinbelag, schönen Lampen. Zum Wohntrakt gehts durch ein Tor aus Metallstäben. Das Treppenhaus ist sowohl Aussen- wie gedeckter Innenraum – und führt in einen überraschend lauschigen Innenhof: abgeschirmt von einer Mauer gegen die Gleise, begrünt mit Sträuchern in Töpfen. Von da geht’s in die beiden Treppenhäuser. Der Boden mit leicht wildem Kunststeinmuster, die Untersichten dunkelrot gestrichen, die Metallgeländer sorgfältig gestaltet. Oder wie Dufner es ausdrückt: «Wir werten den einfachen Beton durch edle Materialien und Farbe auf.»

Die Wohnungen sind gediegener Schweizer Standard. «Wie im preisgekrönten Schweizer Pavillon an der aktuellen Biennale Venedig», bringt es Oliver Dufner auf den Punkt. Tatsächlich: Wände, Fenster und Fussleisten weiss, Parkett, die Küchenkombination in hellem Grau. Die Loggien gegen die Strasse bieten Aussenraum und belichten die Wohnungen bestens und dämpfen den Lärm bei offenen Fenstern. Die restlichen Fenster sind nicht bodenhoch, das gewährt Intimität an dieser Lage. Die Wohnungsgrundrisse sind praktisch, eine 31⁄2-Wohnung ist mit 90 Quadratmetern grosszügig, aber nicht verschwenderisch.

Bauen mit Bedingungen

2017 wurde der Bau fertig, entworfen von Burkard Meyer nach einem Wettbewerb. Vorher standen hier auf acht Parzellen eng verschachtelte Gebäude: Bäckerei, Restaurant, kleine Wohnungen. «Die Gebäude, aus dem ausgehenden 19. und dem 20. Jahrhundert, waren nicht erhaltenswert», erklärt Dufner. Nun füllt ein einziges Gebäude den ganzen Platz. Die Baulinien und vor allem die Bauordnung Lenzburgs mit der Vorgabe – maximal 18 Meter hoch, vier Stockwerke plus Attika – hätten die Aussenform massgeblich vorgegeben. «Ein Hochhaus wie gegenüber auf dem Hero-Areal: undenkbar», sagt Dufner. «Das geht nur mit einem Gestaltungsplan, der auf einem ganzen Areal die Bauten, Grün- und Freiflächen freier regeln kann.»

Städtebaulich sei das Gebäude ein Gewinn, ist Dufner überzeugt. Zusammen mit dem roten Realit-Gebäude gegenüber fasst es die Zufahrt zur Bahnhofstrasse und bildet einen Abschluss zum Bahnhofplatz. Der Bau trägt zur Verdichtung und dringend notwendigen Aufwertung des Lenzburger Bahnhofquartiers bei, die Nutzflächen auf dem Perimeter haben sich ungefähr verdoppelt. Theoretisch wäre noch etwas mehr möglich gewesen. «Aber beim Verdichten muss man die richtige Balance finden», sagt Dufner. «Zu dicht entwertet ein Areal, zu wenig dicht leistet keinen Beitrag an die Weiterentwicklung der Stadt.»