Film

Neuauflage von «Berlin Alexanderplatz»: das schwierige Schicksal von schwarzen Flüchtlingen in Europa

Als wollte sie ihn schütteln: Club-Besitzerin Eva (Annabelle Mandeng) versucht, Francis (Welket Bungué) die Augen zu öffnen.

Als wollte sie ihn schütteln: Club-Besitzerin Eva (Annabelle Mandeng) versucht, Francis (Welket Bungué) die Augen zu öffnen.

Der deutsche Regisseur Burhan Qurbani hat Alfred Döblins Grossstadt-Klassiker «Berlin Alexanderplatz» neu verfilmt und in die Gegenwart gehievt. Die Story basiert auf einem Roman aus den 20er-Jahren.

Die filmische Reise beginnt mit dem Eindruck, in einer Waschmaschine zu stecken. So jedenfalls fühlt man sich als Zuschauer ab der ersten Sequenz. Im Lichtschein einer Signalrakete kämpfen Francis und seine Begleiterin Ida ums Überleben. Im aufgepeitschten Wasser, unter einem umgekippten Boot. Der Film steht kopf, und das Drama nimmt seinen Lauf.

Nur Francis überlebt die Flucht übers Mittelmeer. Irgendwo, an einem Strand in Südeuropa, wird er an Land gespült. Er, der junge Mann aus Guinea-Bissau, Westafrika. Mit dem Leben davongekommen, endlich in Europa. Er schwört einen Eid. Von jetzt an will er ein guter Mensch sein, ein anständiges Leben führen.

Das Gute vor Augen, die Verführung nur wenig daneben: Es ergeht Francis (gespielt von Welket Bungué, selbst Bissau-stämmig) wie seiner ­literarischen Vorlage Franz Biberkopf aus dem Jahrhundertroman «Berlin ­Alexanderplatz» von Alfred Döblin.

Schauspieler Welket Bungué spielt in der Neuauflage von «Berlin ALexanderplatz» den Hauptprotagonisten Francis.

Schauspieler Welket Bungué spielt in der Neuauflage von «Berlin ALexanderplatz» den Hauptprotagonisten Francis.

Burhan Qurbani in Fassbinders Fussstapfen

In den 1920ern schrieb Döblin seine Geschichte über den Kleinganoven und Gelegenheitsarbeiter Franz, der seine Braut Ida (!) erschlagen hatte und deshalb eine Haftstrafe absass. Der Roman beginnt mit Biberkopfs Haftentlassung. Doch Franz findet sich in seiner Stadt Berlin nicht mehr zurecht – und verliert das Gute aus den Augen

Rainer Werner Fassbinder machte aus dem Roman 1980 einen Fernsehfilm in 14 Teilen, der farblich auf dem Schirm schlecht zur Geltung kam und deshalb vor einigen Jahren digital überarbeitet wurde.

Ganz anders die über drei Stunden ­dauernde Version von Burhan Qurbani. Es bleibt nicht beim schrillen Pink der Signalrakete, «Berlin Alexanderplatz» ist ein Spektakel. Nicht nur ­farblich. Auch der Sound legt einem den Wahnsinn nahe, in dem Francis steckt.

Was nützt Standhaftigkeit in der Krise?

Qurbani erzählt sein modernes Drama in fünf Teilen. Rasch befinden wir uns in Berlin. Dort sitzt Francis fest im Flüchtlingsheim, arbeitet illegal beim Bau einer U-Bahn-Linie unter dem ­Alexanderplatz. «Hey, du Affe, was soll das?», schreit ihn einer der ausbeu­terischen Chefs an, als Francis eine Pumpe unzimperlich zum Laufen bringt. Zur Rassismusdiskussion wird der Film gleich mehrfach Anlass bieten.

Jedenfalls kommt es auf der U-Bahn-Baustelle zu einem schweren Unfall, dessen Folgen Francis treffen und ihn das erste Mal vom rechten Weg abrücken lassen.

Denn die Verführung wartet. Im Flüchtlingsheim kommt es nach Feierabend zur Begegnung mit Reinhold (gespielt von Albrecht Schuch), einem Stadtganoven und Drogendealer, der auch vor Diebestouren nicht zurückschreckt. Vor versammelter Mi­grantenschar gibt er den verletzlichen Krüppel mit Fistelstimme, verführt sie mit Geldgeschenken und heuert unter den Migranten Kandidaten für sein Drogengeschäft an.

Zuerst verweigert sich Francis standhaft, knickt ein und zieht zu Reinhold. Fortan kocht er für die Kuriere, Aufpasser und Geldeintreiber von Reinholds Drogengeschäft im nahen Park. Qurbani sagte in einem Interview:

Burhan Qurbani, Regisseur

Burhan Qurbani, Regisseur

«Ich nenne dich Franz», sagt Reinhold Francis bei sich zu Hause. Als Francis zum ersten Mal abrückt vom rechten Weg, hat das noch nichts zu tun mit seinem vermeintlichen Wohltäter.

Doch um auf die Beine zu kommen, nimmt er dessen Hilfe in Anspruch. Und er wird wieder fallen. Schlimmer noch, wird fallen gelassen, weil er zum Konkurrenten Reinholds wird. Erst Mieze, auch sie eine Figur aus Döblins Roman, die Sexarbeiterin, gibt Franzens Leben den richtigen Drall. Die beiden werden ein Paar, doch dafür wird sie den höchsten Preis bezahlen.

Perfektes Timing, aus zwei Gründen

«Berlin Alexanderplatz» ist grosses Kino. Und seine Lancierung ist perfektes Timing: Für die kriselnden Kinos ist der Film so etwas wie ein Hoffnungsschimmer in der Pandemie. Und der Film ist brandaktuell: Er tangiert die Rassismusdebatte und damit das zweite Megathema der Stunde.

Doch hier strauchelt Qurbani und tappt gleich mehrfach in die Falle. Da ist der tapsige Beginn, als Francis im Flüchtlingsheim einer afrikanischen Frau hinterhergeht, in den Wald. Sie will Geld gegen Sex, er ist überrascht und stösst sie weg. Da verändert sich ihre weiche und warme Stimme zu einem diabolischen Lachen. «Bist du etwa schwul? Ich kann dich heilen», schreit sie Francis nach. «Du bist kein Mann!», lacht sie hämisch.

Die Szene hat etwas äusserst Brutales, und zusammen mit anderen zementiert sie Rollenbilder gleich mehrfach in unseren Köpfen: Flüchtlingsfrauen aus Afrika prostituieren sich. Die Männer arbeiten schwarz und dealen mit Drogen. Und untereinander grassiert die Homophobie, gepaart mit Unwissen und einem unheimlichen Glauben: Homosexualität ist eine Krankheit und kann geheilt werden.

Mit den so vermittelten Menschenbildern macht es sich Qurbani ein bisschen zu einfach. Dazu passt, dass der weisse Vorarbeiter im U-Bahn-Schacht («Ey, du Affe») natürlich ein Rassist sein muss, während die Hautfarbe unseres Protagonisten in der pulsierenden Partyszene nicht der Rede wert ist.

Die verstörende Szene im Wald jedenfalls braucht Qurbani höchstens für den dramaturgischen Kniff gegen Ende des Films, in dem es im ebengleichen Wald zu einer Verfolgung kommt zwischen Reinhold und Mieze. Wer Döblin gelesen hat, weiss natürlich, dass die Folgen dieser Verfolgungsjagd noch brutaler sind.

Den Preis räumte nicht der Schwarze ab, sondern der Weisse

Qurbani, 1980 in Berlin geborener Sohn eingewanderter Afghanen, hatte ein gutes Händchen bei der Wahl der Schauspieler. Welket Bungué vermittelt die Zerrissenheit zwischen seinem moralischen Ziel und der immerwährenden Versuchung sehr gut. Doch leider stiehlt Albrecht Schuch ihm die Show. Die Rolle des Reinhold, einer Mischung aus Berliner Voll-Asi und Hipster, ist ihm auf den Leib geschrieben, und das Diabolische stellt alles um ihn herum in den Schatten. Dafür gab es den Deutschen Filmpreis als bester Nebendarsteller.

Am Ende der Reise hat man tatsächlich das Gefühl, zusammen mit Francis einen Intensivwaschgang durch alle Gefühlsebenen hinter sich zu haben. Da ist Empathie, aber auch die Lust, dem jungen Mann auf die Sprünge zu helfen. Kann es so schwer sein, rechtschaffen zu bleiben?

Einmal quer durch die Unterwelt Berlins. Ist das die einzige Möglichkeit zum sozialen Aufstieg von Migranten? Oder ginge es auch rechtschaffen?

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