Zirkusfestival
Feuer und Sturm - «L'absolu» macht Naturgewalten zu Artisten

Für «L'Absolu» hat eine französische Compagnie am Cirqu' in Aarau einen Turm aufgebaut. Darin spielt sich düstere Zirkuskunst ab.

Anna Raymann
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Die Architektur spielt bei «L’absolu» eine zentrale Rolle.

Die Architektur spielt bei «L’absolu» eine zentrale Rolle.

Bild: zvg

Es ist prachtvolles Wetter für ein Zirkusfestival, das überwiegend draussen stattfindet. Das Cirqu’, das für gewöhnlich in der Alten Reithalle zuhause ist, bespielt in dieser achten Ausgabe gleich zehn Satelliten in ganz Aarau. Die Künstler nisten sich im Forum Schlossplatz und im Stadtmuseum ein, bespielen Plätze und Strassen. Beim Viehmarkt haben sie ihre «Manege» gar selbst mitgebracht.

Der Turm, den der französische Artist Boris Gibé mit der Compagnie «Cie Les Choses de Rien» für sein Stück «L’absolu» aufgebaut hat, ragt silberglänzend wie eine zu gross geratene Blechdose zwölf Meter in die Höhe. Kein Fenster auf den vier Etagen lässt blicken, was drinnen wartet – und das ist aufwendigstes Zirkusspektakel.

Ein Stück wie eine ­schlaflose Nacht

Das Publikum reiht sich auf Barhockern der Wendeltreppe entlang bis unters Dach, den Blick frei in die Tiefe. Vergessen ist die Dose – das ist ein Turmverlies und im Kontrast zur treibenden Musik steht eine Entlassung so bald nicht bevor. Obwohl draussen noch die Abendsonne scheint, klingt nun ein mächtiger Donner den Abend an. Über den Köpfen der Zuschauer beginnt sich triefender Nebel zu sammeln, in ihm schwebt ein Körper. Er windet und krümmt sich, bevor er mit einem Ruck in die Tiefe fällt.

Die Bühne ist bei «L’absolu» vertikal, der Artist füllt Dach, Boden und den gesamten Raum dazwischen mit seinen tänzerischen Bewegungen. Die Geschichte, die er erzählt, ist die des Narziss’, der sich von seinem Spiegelbild verschlingen lässt. Die 70 Minuten sind ein einziges Ringen gegen das Verschwinden. Es ist ein Kampf gegen eine unsichtbare Übermacht, gegen äussere, viel mehr aber noch gegen innere Dämonen. Drohend fragt eine Stimme: «Was hält dich nachts wach?»

Tanz mit den Elementen

Narziss ist auf einer Düne gelandet. Ein Feld aus Treibsand lässt ihn wortwörtlich im Boden versinken. Unter der Oberfläche schlägt sein Körper Wellen, was dort unter der Erde geschieht, bleibt der Fantasie überlassen – und die ist womöglich noch düsterer als das reale Geschehen. Ein kurzes Luftschnappen, ehe der Körper ­wieder versinkt, nur um sogleich in die Luft gehoben zu werden. Um ihn herum bleibt auch dem Publikum kaum ein Moment zum Luftholen. Das Tempo ist hoch, ein Schrecken jagt den nächsten.

Luftsäulen wirbeln durch den Turm, Flammen füllen den Raum. Gegen Naturgewalten gibt es kein Ankommen, der kraftvolle Artist wird zum Spielball der Elemente und überlässt ihnen die Bühne. Wasser, Erde, Feuer und Luft sind eigensinnige Protagonisten.

Die Architektur gehört zum Zaubertrick

Die Effekte, die die Compagnie auffährt, sind imposant und dehnen den Zirkusbegriff aus, lösen die Akrobatik vom menschlichen Körper. Auch die Architektur ist zentraler Bestandteil des Stücks. Ein Spiegelboden zieht den Turm scheinbar in die endlose Tiefe, ein Körper wird zu vielen. Die Illusion macht die Szene noch traumhafter: Was ist wahr? Was ist Täuschung?

Boris Gibé schreibt über das Projekt: «Ich wollte, dass diese Show von oben, im Kreis, gesehen wird. Dadurch findet sich das Publikum in einer Realität wieder, die dem Schicksal des Mannes auf der Bühne überlegen ist.»

Das düstere Schicksal liefert jedenfalls Stoff für einen faszinierenden Zirkusabend − mit einer Spur Selbstironie: Der Spruch auf dem T-Shirt von Gibé gesteht: «I love tragedy». Das Stück tourt zu Festivals, nach Aarau spielt die Compa­gnie noch in Lausanne und Biel.

«L’absolu»: 17.−20.6. Cirqu’, Pétanque-Platz, Aarau