Lehrer, Polizistinnen, Hoteliers, Ärztinnen und Bauern demonstrieren gegen Kürzungen und Sparmassnahmen von Kanton und Bund. Und die Kultur? Ging da ein Aufschrei durch den Aargau, als Regierung und Parlament den erst vor einigen Jahren ernannten Aargauer Leuchttürmen 15 Prozent ihres Beitrages strichen? Als Beiträge an Denkmalpflege, Archäologie und das bewährte Aargauer Kuratorium vom normalen Budget in den Swisslos- Fonds ausgelagert wurden – und sie ihre Sicherheit verloren? Nein. Der eine oder die andere hat reklamiert, doch sonst blieb es seltsam still. In der Bevölkerung wie im Grossen Rat.

Zaghafter Widerstand macht sich breit

Auch als der Kanton das Kulturkonzept 2017–2022 vorlegte, in dem die Zustände, inklusive Aussicht auf eher weniger als mehr Geld, beschrieben wurden, muckte kaum jemand auf. Dass der Kanton sein beschämendes Ranking – 22. Platz bei den Kulturausgaben pro Kopf unter 26 Kantonen – so nie wird verbessern können, nimmt man im «Kulturkanton» offenen Auges in Kauf.

Nun scheint sich ein immerhin zaghafter Widerstand zu formieren. Die Kulturstiftung Pro Argovia lädt am kommenden Montag zu einer Diskussion ins Royal Baden ein. Titel «Pro Kul Aargau – Wirksames Kulturlobbying». «Die Sparmassnahmen der vergangenen Jahre gaben den Ausschlag dafür», sagt Präsident Erich Obrist aus Baden, «und die Tatsache, dass sich die Betroffenen nur bedingt wehren können oder zu wehren getrauen.» Die Diskussion am Montag solle nun dazu dienen, «den Puls bei den Aargauer Kultur-Playern zu messen». Man wolle sehen, ob eine koordinierte Lobby-Kampagne ein Bedürfnis sei.

Offene Ausgangslage

Das erstaunt, hat sich die Pro Argovia in den letzten Jahren doch kaum in die Kulturpolitik eingemischt. Sie hat ihre Mitglieder zu Besuchen animiert, hat mit der Serie der Pro Argovia Artists Veranstalter animiert, ausgewählte einheimische Musiker, Theatergruppen oder Kleinkunstakteure zu engagieren. Und doch, eigentlich wurde die Kulturstiftung Pro Argovia 1952 mit dem Ziel gegründet, nach dem wirtschaftlichen auch einen kulturellen Aufschwung einzuleiten. Sie kämpfte unter anderem in den 1960er-Jahren für das damals revolutionäre Kulturgesetz. Diese Haltung ging nicht vergessen. «Einer meiner Vorgänger, Nik. Brändli, hat das Motto geprägt: Pro Argovia ist die Kulturlobby im Kanton Aargau», sagt Erich Obrist.

Wie will Pro Argovia ihre Lobby-Rolle wahrnehmen? Obrist dämpft die Hoffnung auf zackige Taten und meint, Lobbying sei in erster Linie Interessenvertretung in Politik und Gesellschaft. Noch gibt es keine konkreten Vorhaben – ausser dieser Auftakt-Veranstaltung, diesem Aufruf «zur Information, zur Diskussion, zur Vernetzung und zum gemeinsamen Handeln». Obrist: «Weitere Schritte kann die Pro Argovia nicht selber unternehmen, sondern zusammen mit Kulturinstitutionen und Veranstaltern.» Der Stiftungsrat sei ein ehrenamtliches Gremium, Kampagnen zu fahren, übersteige seine Möglichkeiten.

Mit oder gegen den Kanton?

Kooperationen zu stärken und die Kultur dabei zu unterstützen, mehr Gehör zu finden, sind zwei der fünf Schwerpunkte im kantonalen Kulturkonzept 2017–2022. Das klingt gut, doch mit weniger Geld sind solche Ziele kaum zu erreichen. Das Kulturkonzept wurde massgeblich vom kantonalen Kulturchef Thomas Pauli und von Kuratoriumspräsident Rolf Keller, zusammen mit Kultur-Schaffenden und -Institutionen, erarbeitet. Zufrieden mit der jetzigen Situation und den finanziellen Aussichten wirkten die beiden obersten Kulturpfleger an der letzten Kulturkonferenz nicht – aber sie dürfen oder wollen nicht Opposition gegen den Kanton machen. Übernimmt die Pro Argovia hier die Rolle des Sprachrohrs? Obrist verneint: «Natürlich haben wir die beiden über unser Vorhaben informiert, aber wir agieren unabhängig.»

Und die Politik? Wird sie einbezogen? Eine Lobby im Parlament zu haben, wäre wichtig, sagt Obrist. «Wir vermissen im Grossen Rat Leute wie Beat Unternährer und Maja Wanner. Denn das Parlament kann viel bewirken.» Das sehe er als Stadtrat in Baden.

Bevor die Pro Argovia aber etwas anreisse, wolle man den Montag abwarten. Allenfalls könnte man einen Verein «Kulturlobbying» gründen. «Wenn das Interesse dort klein ist, wenn nichts entsteht, wissen wir es danach auch.» Anzumerken ist, dass die Diskussion im Royal Baden stattfindet, das als Kulturort geschlossen wird – trotz vehementer Lobbyarbeit.

Pro Kul Aargau Mo, 26. Juni, 19 bis 22 Uhr, Royal Baden. Diskussion mit Christine Egerszegi-Obrist, Lorenz Furrer, Hans Läubli. Moderation: Pius Knüsel. Anmeldung unter proargovia.ch.