© Irene Genhart

Mehr als drei Jahrzehnte lang hat die «Lindenstrasse» die deutsche Fernsehlandschaft geprägt. Jetzt wird die erste deutsche TV-Soap zu Grabe getragen. Eine Würdigung.

Zu den Eingeschworenen, die seit dem 8. Dezember 1985 sonntags um 18.50 Uhr vor dem TV sassen, gehörte ich nicht. Doch in den letzten 34 Jahren und 4 Monaten erlebte ich Phasen, in denen die «Lindenstrasse» in meinem Leben einfach dazugehörte. Die erste in den späten 1980ern, als ich in Berlin in der ersten WG mit eigenem TV hauste und gemeinsames «Lindenstrasse»-Gucken zum WG-Leben genauso dazugehörte wie die TV-Sessions mit Fussball. Die zweite nach der Geburt meiner Tochter 1991: Man muss, ans Haus gebunden, irgendwie verbunden bleiben mit der Welt, und die «Lindenstrasse» bot dazu ideal die Hand.

Dies, obwohl die von Hans W. Geissendörfer in der «Lindenstrasse» entworfene Welt sturzbieder und alltäglich ist: ein Mietshaus an einer (fiktiven) Strasse in München, zwei anschliessende Strassen, einige Häuser und Lokale. Dazu deren Bewohner, ihnen zugewandte Personen, zufällig vorbeikommende Passanten. Es ist eine winzige Welt. Doch die personelle, örtliche und zeitliche Beschränkung – eine «Lindenstrasse»-Folge dauert einen Tag – macht es dem Zuschauer einfach, sich zurechtzufinden. Und weil die meisten Lindenstrasse-Bewohner sesshaft und dem Quartier verbunden sind, kennt man nach wenigen Folgen jeden. Das Wiedersehen fühlt sich an wie ein Familientreffen, bei dem man miteinander plaudert, lacht und weint.

Hans Beimer wird mit sieben Serien-Kindern Rekordhalter

Tatsächlich kreist die Serie seit Beginn um die drei Familien Beimer, Ziegler und Zenker beziehungsweise Gabi Zenker, Anna Ziegler und Helga Beimer, die, anders als die meisten ihrer Männer und Lover, bis zur letzten Folge überleben. Von Fans zur «Lindenstrasse»-Urmutter erkoren und die vielleicht populärste «Lindenstrasse»-Figur ist die von Marie-Luise Marjan gespielte Helga Beimer. Dies, obwohl Helga bloss drei Kinder hat und ihr erster Mann Hans (Joachim Hermann Luger), der sich irgendwann auf Anna Ziegler (Irene Fischer) einliess, insgesamt siebenmal Vater wurde und somit betreffend Nachwuchs einen der «Lindenstrasse»-Rekorde hält. Aber nicht den einzigen. Denn der 2018 verstorbene, mit 70 Jahren zum letzten Mal Vater gewordene Hans ist zwar der älteste «Lindenstrasse»-Vater. Die jüngste «Lindenstrasse»-Mutter aber ist Iffi Zenker (Rebecca Siemoneit-Barum), die bei der Geburt ihres Sohnes im Mai 1994 ganze 15 Jahre alt war. Nico (Jannik Scharmweber) seinerseits wurde mit 16 bereits Vater.

Man könnte dieses «Wer-mit-wem-wann» endlos weiterspielen; auffällig ist, dass sich die Liebesdinge der «Lindenstrasse» oft innerhalb des Quartiers und der da ansässigen Familien entwickelten. Kann sein, dass sich darin eine gewisse Realitätsnähe spiegelt. Dass, wer in der gleichen Strasse aufwächst, erwachsen gern zusammenfindet, und dass Amouren auch in Zeiten des Internets sich am einfachsten vor der Haustür finden. Meine «Lindenstrasse»-Lieblingsfigur ist, wunderbar rothaarig, bodenständig-wild der roten Zora nachempfunden: Iffi Zenker. Nicht zu vergessen das «Lindenstrasse»-Original, die Hauswartin Else Kling (Annemarie Wendl), die mit ihrer schwatzhaften Neugierde bis 2006 manches durcheinanderbrachte.

Nie warm geworden hingegen bin ich mit Carsten Flöter (Georg Uecker), der seit der 6. Folge der «Lindenstrasse» eine Portion Regenbogenbuntheit bescherte. Obwohl Carsten bereits 1987 vor laufender Kamera seinen Freund Gerd küsst, war dies nicht der erste homosexuelle Kuss in einer deutschen TV-Serie (diese Ehre gebührt der WDR-Serie «Kein schöner Land», in der ein solcher bereits 1985 zu sehen war). Zum Skandal führte 1990 nicht der erste, sondern der zweite schwule Kuss in der «Lindenstrasse». In dessen Folge ging ein Aufschrei der Empörung durch die Boulevardpresse. Uecker wurde beschimpft und bedroht. Um Ruhe in die Affäre zu bringen, schickte man Carsten nach Australien. 1995 kehrte er zurück. Er hatte diverse Liebhaber und vermählte sich 1997, lange, bevor das legal war, symbolisch mit Theo Klages.

Zum Jubiläum der 600. Folge trafen sich die Darsteller der ersten Stunde wieder (von links nach rechts): Markus Off ( als Phil Seegers), Andrea Spatzek (als Gabi Zenker), Joachim Hermann Luger (als Hans Beimer), Marie-Luise Marjan (als Helga Beimer-Schiller), Susanne Gannott (als Beate Sarikakis), Annemarie Wendel (als Ilse Kling), Georg Uecker (als Carsten Floeter), Marianne Rogee (als Isolde Pavarotti), Ludwig Haas (als Ludwig Dressler) und Bomna Adamopoulou (als Elena Sarikakis).

Zum Jubiläum der 600. Folge trafen sich die Darsteller der ersten Stunde wieder (von links nach rechts): Markus Off ( als Phil Seegers), Andrea Spatzek (als Gabi Zenker), Joachim Hermann Luger (als Hans Beimer), Marie-Luise Marjan (als Helga Beimer-Schiller), Susanne Gannott (als Beate Sarikakis), Annemarie Wendel (als Ilse Kling), Georg Uecker (als Carsten Floeter), Marianne Rogee (als Isolde Pavarotti), Ludwig Haas (als Ludwig Dressler) und Bomna Adamopoulou (als Elena Sarikakis).

Die Serie machte umstrittene Themen gesellschaftsfähig

Die «Lindenstrasse» kennzeichnet eine grosse Nähe zur Wirklichkeit, die – wie Marie-Luise Marjan jüngst in einer Talkshow erwähnte – sich etwa darin zeigte, dass die «Lindenstrasse»-Kostüme der ersten Jahre aus der Secondhand-Boutique stammten. Es kennzeichnet die Serie des Weiteren ein feines Gefühl für gesellschaftliche Trends und immer wieder verblüffende Tagesaktualität. So wurde im Lauf der Jahre manches, worüber man davor hinter vorgehaltener Hand sprach, nachdem es in der «Lindenstrasse» aufgegriffen worden war, gesellschaftsfähig. Krankheiten wie Aids, Alzheimer, Parkinson. Aber auch: Sterbehilfe, Scheinehe, Essstörungen, Suizid, Samenspende, Leihmutterschaft, Migration, Integration, fundamentalistische Bewegungen, politische Ereignisse. In den jetzigen, im letzten Herbst aufgezeichneten Folgen, ist nicht nur die Klimakrise aktuell, sondern wird auch die derzeit grassierende Pandemie erwähnt.

Die Zuschauerzahlen der «Lindenstrasse» sind von den 14 Millionen, welche die Sendung in ihren besten Jahren erreicht haben soll, in den letzten Jahren auf 2 Millionen geschrumpft. Das deutet darauf hin, dass die Zeit der «Lindenstrasse» um ist. Jammerschade ist es um die Sendung, die als Ort der angeregten Debattenkultur auch eine gewisse gesellschaftliche Funktion ausübte, gleichwohl. Und sei es nur, weil unsere Sonntagabende ohne das Gewusel, Gezänk und Getue der Beimer, Zenker und Ziegler künftig einiges einsamer sein werden. Und weil wir nie, nie, nie mehr erleben werden, wenn in einer Silvesterfolge vor dem Restaurant Akropolis in der «Lindenstrasse» Walzer getanzt wird.

Tipp:
Lindenstrasse
Folge 1758, «Das Wiedersehen»
Sonntag, 18.50 Uhr, ARD

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