Musik

Xen: Der Shaqiri des Schweizer Raps hat ein neues Album veröffentlicht

Xen ist die Stimme einer Secondo-Generation, die in der Schweiz angekommen ist, aber ihre Wurzeln nicht vergisst. Bild: Demaj

Xen bringt mit «Lieblingsrapper» sein zweites Album heraus. Technisch brillant und in den besten Momenten berührend.

Es ist die Dringlichkeit in jeder einzelnen Silbe, die jeden Xen-Song zu einem Ereignis macht. Bei jedem Wort, jedem Satz, jeder Line vermittelt Shkelzen Kastrati das Gefühl, dass sie unbedingt nötig sind.

Es ist aber keine Kraftmeierei, sondern die Texte fliessen elegant über die Beats. Reimschemen wechseln, Tempi ziehen an, lassen nach, alles wirkt locker. «Ich schaffe es schnell, dass mir die Leute zuhören», sagt Xen, «ich glaube, das liegt daran, dass ich echt rüberkomme.»

Der 29-Jährige aus Dietikon ist längst eine feste Grösse im Schweizer Rap und kann derzeit auch von der Musik leben. «Ab und zu mache ich temporär noch ein paar Sachen auf dem Bau», sagt Xen. Sowieso: «Ich freue mich auch schon auf die Zeit, wenn ich dann wieder mehr neben der Musik arbeiten muss. Das wäre keine Niederlage.»

Wenn Xen rappt und spricht, hört man zum einen breiten Züri-Slang und die albanischen Wurzeln. Das macht seine Musik so aktuell. Er ist die Stimme einer Secondo-Generation, die komplett in der Schweiz angekommen ist, aber ihre Wurzeln nicht vergisst.

Was Xhaka und Shaqiri für die Schweizer Nationalmannschaft, ist Xen ein bisschen für den Schweizer Rap. «Es ist komplett logisch, dass ich auf Schweizerdeutsch rappe», sagt Xen, «das ist die Sprache, die ich mit Abstand am meisten spreche. Darin kann ich mich am besten ausdrücken.»

«Mich haben die Amerikaner mehr beeinflusst»

Ebenso unüberhörbar wie seine Wurzeln ist seine musikalische Prägung: «Ich habe früher nie Schweizer Rap gehört. Mich haben die Amerikaner mehr beeinflusst, obwohl ich kein Wort verstanden habe.» Der Flow, der Vibe, der Sound der Worte ist der Impuls, Xen zu hören. «Bei mir nickst du zuerst mit dem Kopf, und dann hörst du den Texten zu», sagt Xen.

Manchmal muss man auch gar nicht unbedingt genau zuhören. «Die letschti Punchline vo mir gsehsch uf mim Grabstei. Welle Kampfgeischt? Was i gsehn isch nur Angschtschweiss», wird zum Beispiel nie einen Pulitzerpreis gewinnen.

Viel auf «Lieblingsrapper» ist klassisches Rap-Game. Sich selber grossmachen und die anderen kleinhalten. Wenn man das aber derart präzise auf die Beats klopft, dann ist auch das gehaltvoller als manch doppelt durchdachte Line, welche die Welt erklären will.

Aber Xen kann auch anders. Bereits der Opener «Meh welle» ist eine grossartige Geschichte über die Geschichte einer Secondo-Familie. «Dad laht sini Fam stah, schickt Cash nah, hets schwer gha», rappt Xen über seinen Vater, der auszog, um die Familie zu ernähren. Er, der hier geboren und aufgewachsen ist, hat trotzdem immer «meh welle». «Ich han immer meh welle, vorem Komma no chli meh Stelle, riisigs Awese am See welle. Mit Usblick über d Stadt, 100 000 über d Nacht.»

Er erzählt von Konflikten und Stolz, von Kämpfen und später Einsicht. Der Song entwickelt auch dank vielen Wiederholungen einen dichten Sog, der Beat ist düster-dicht und bleibt trotzdem im Hintergrund.

Xens Botschaft: «Packt eure Chance. Steh wieder auf.»

Klar, längst nicht jeder der anderen 13 Songs hat eine ähnliche Erzähldichte. Manchmal ist es simpler, oft auch etwas derber, aber nie plump. Xen macht keinen Spass-Rap. Es ist Musik, die im Club zwar funktionieren kann, aber nicht dafür geschrieben wurde. «Ich könnte nicht einfach einen lustigen Song raushauen», sagt er.

«Ich versuche immer noch irgendwie eine Message reinzupacken», so der Zürcher, der der Liebe wegen mit Frau und Sohn im Aargau wohnt. «Packt eure Chance. Mach weiter. Steh wieder auf», nennt Xen einige seiner Botschaften. «Wenn ich rappe, dann kann das jemandem helfen.»

Die Tendenz im Deutschrap, dass der Inhalt immer mehr an Bedeutung verliert, sieht Xen skeptisch: «Wenn der Vibe stimmt, finde ich das noch okay. Aber wenn ich dann gewisse Künstler höre, dann lässt mich das ratlos zurück.»

Xen ist selbstbewusst. «Ich will Schweizer Rap weiterbringen», sagt er. Sido featured ihn auf seiner Platte. Wo andere Schweizer Rapper komplett logisch ihren Part auf Hochdeutsch gemacht hätten, bleibt Xen bei Schweizerdeutsch. «Ich glaube, dass man meine Musik auch feiern kann, wenn man mich nicht versteht», sagt Xen.

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