Davos Festival

Wo die Grenzen zwischen den Stilen verschwinden

Konzerte auch in der Schalterhalle: Am Davos-Festival werden gängige Konzertmuster aufgebrochen. yannick andrea

Konzerte auch in der Schalterhalle: Am Davos-Festival werden gängige Konzertmuster aufgebrochen. yannick andrea

Unter dem Motto «Kreisverkehr» spielen zwei Wochen lang hochbegabte junge Musiker am Davos Festival zusammen und entwickeln dabei viel Neues.

Die Hip-Hop-Tanzgruppe der evangelischen Gemeinde Davos hat sich draussen neben der Blaskapelle aufgestellt. Der Gemischte Chor ist hinter einem Klaviertrio in der Bar des Hotels Schweizerhof postiert. Punkt 17 Uhr fangen alle gleichzeitig an zu singen und zu spielen. Die Hip-Hop-Tänzerinnen haben zwar ihren Ghettoblaster mit der passenden Musik dabei, werden aber auch von den Märschen der Davoser Musikgesellschaft begleitet. Brahms’ erstes Klaviertrio trifft auf Volkslieder in Schweizer Mundart. Die Zuhörer bewegen sich frei zwischen den Ensembles und Solomusikern – über Treppen und Flure. Draussen gibt es Bratwurst.

John Cages «Musiccircus» beim 30. Davos-Festival ist ein kleines Happening. Gängige Konzertmuster werden aufgebrochen. Die Grenze zwischen musikalischen Stilen ist getilgt. Das ist dem Intendanten Reto Bieri sehr wichtig. «Diese Performance ist für mich auch eine interessante soziale Studie. Es war spannend zu beobachten, wer sich eher zurücknahm oder wer einfach nur lauter spielte, um gehört zu werden.» Die sieben Bläser der österreichischen Formation «Federspiel» vagabundieren zwischen den einzelnen Ensembles und setzen auf ein Miteinander. «Let’s improvise», fordert der Trompeter Simon Zöchbauer das Holzbläsertrio des spanischen Azahar Ensembles auf. Kurz werden Tonart und Tempo geklärt. Und das Rondino-Finale von Erwin Schulhoffs «Divertissement» erklingt in einer ganz neuen Fassung – mit Trompetenrepetitionen und einem Orgelpunkt in der Posaune. Hier passiert im Kleinen, was auch im Grossen stattfindet. Junge, hochbegabte Musikerinnen und Musiker lernen sich kennen und entwickeln gemeinsam Neues.

Spontane Sessions

Insgesamt sind rund 70 Musikstudenten aus 20 Ländern über die gesamte Festivallänge von zwei Wochen vor Ort. Neben den insgesamt 45 Kammermusik-Konzerten an zwölf verschiedenen Orten entstehen auch spontane Sessions in der Hotellobby, wenn etwa um Mitternacht die Mitglieder des Kammerchors, der jeden Morgen zum «Singen für alle» einlädt, die Hotelgäste mit kunstvoll gesetzten Volksliedern begeistern. In Davos wird alles selbst und exklusiv produziert – ein wichtiges Alleinstellungsmerkmal im austauschbaren Festivalbetrieb.

Der Neue-Musik-Anteil ist hoch. Bieri möchte neue Publikumsschichten gewinnen. Deshalb sind beim «Musiccircus» auch das Jodelchörli Parsenn und die Alphorners Davos-Klosters dabei. Deshalb gibt es einen Hörgang durch den Wald für Kinder. Auch das Konzertmotto «Kreisverkehr» ist bewusst dem Alltag entnommen. Kreisverkehre prägen viele Schweizer Orte. Das gesamte Festivalprogramm ist um dieses Motto komponiert. Es geht um Wiederholungen und Zyklen, Abzweigungen und auch mal die eine oder andere Sackgasse. «RoundAbout» heisst das Eröffnungskonzert im eher drögen, mit Teppichboden ausgelegten Saal des Hotels Schweizerhof. Martin Meuli, Chefarzt am Kinderspital Zürich, hält einen erfrischenden Vortrag über Zellteilungen und Stoffwechselzyklen. Und auch musikalisch kommt man den Kreisen auf die Spur. Joe Zawinuls «The Harvest» endet, wie es begonnen hat – mit tongebundenen Rhythmen, die die Musiker von «Federspiel» auf die Mundstücke ihrer Instrumente trommeln.

Composer in Residence ist der Franzose Marc-André Dalbavie. Von ihm erklingt das rhythmisch prägnante Klaviertrio Nr. 1 in bestechender Interpretation von Gilles Grimaitre (Klavier), Jonian Ilias Kadesha (Violine) und Vashti Hunter (Violoncello). In der Pause steht man auf dem Hinterhof des Hotels im Dunkeln, wenn man sein Glas Sekt trinken möchte. Der Glamourfaktor tendiert hier gegen null.

Austausch von Erfahrungen

Die Festivalgäste kommen auch trotz Regen zum Open-Air-Konzert im Kurpark, wo die gut gelaunten, hochmusikalischen «Federspiel»-Bläser den Spagat zwischen Jodeln und Jazz schaffen und auch mal wie ein mexikanisches Mariachi-Ensemble klingen. Rund 200 Gäste stehen mit ihren Schirmen zwischen den nassen Bierbänken und hören konzentriert zu, was die sympathischen Jungs aus dem Nachbarland so alles miteinander kombinieren können.

«Young Artists in Concert» heisst das 1986 von Michael Haefliger gegründete Kammermusikfestival im Untertitel. Zu entdecken gibt es viele Talente wie das formidable Dudok Kwartet aus Amsterdam, das Brahms’ zweites Streichquartett in der Alexander-Kapelle wunderbar transparent und homogen zum Klingen bringt. «Wir haben aber auch einige erfahrenere Musiker wie die Mitglieder des Amaryllis Quartetts hier, die als Lehrer fungieren und in der Davos- Festival-Camerata an den ersten Pulten sitzen. Dieser Austausch an Erfahrungen ist mir wichtig», sagt der Intendant.

Davos-Festival Young Artists in Concert, noch bis 15. August 2015.
www.davosfestival.ch

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