David Nebel

«Was brauche ich? Was will ich?»: Dieser junge Schweizer Geiger ist auf dem Weg zur Spitze

Schweizer Geiger mit grosser Zukunft: David Nebel.

Schweizer Geiger mit grosser Zukunft: David Nebel.

Der 24-jährige Schweizer Geiger David Nebel verblüfft mit seiner Début-CD und einer erstaunlichen Reife. Nun tritt er in der Heimat auf.

Die russischen Geigenlehrer von David Nebel – und wiederum deren Lehrer! – führen ins Zentrum der sowjetischen Musikausbildung, ins Moskauer Konservatorium zu den Exponenten der russischen Geigerschule. «Moskau einfach» lautet das Passwort zum Erfolg.
Der Zürcher David Nebel winkt ab, fragt kritisch: «Russische Schule, was heisst das? Darin gibt es riesige Unterschiede, es ist ein Oberbegriff.» Wenn zur russischen Schule allerdings viel Fleiss und das Streben nach Perfektion gehören, würde er seine Mitgliedschaft sofort erneuern. Entscheidender sei, auf was ein Geiger Wert lege: «Was brauche ich? Was will ich?»

Selbst das russische Perfektionsstreben, das den 24-Jährigen hörbar fasziniert, weist Nebel mit dem Argument von sich, man könne Perfektion sowieso nie erreichen. «Ich will Exzellenz anstreben, darf nach der 100. Aufführung eines Werkes nicht sagen: Jetzt interessiert es mich nicht mehr. Es gilt weiterzusuchen. Interpretationen ändern sich im Alter. Dieses ständige Streben inspiriert mich.»

Zwei tote Jahrhundertgeiger als Vorbilder

Wer Nebel schon einmal gesehen und gehört hat, versteht diese Worte sofort: Da steht ein kräftiger Geiger, der vor Selbstsicherheit strotzt. Dieser Musiker will keine Zweifel haben, ist auf jede Unwegsamkeit vorbereitet, weiss, was seine Geige machen wird. Wen wundert es, dass seine Ideale David Oistrach und Jascha Heifetz heissen, jene zwei Geiger, die gefühlt bloss alle fünf Jahre einen falschen Ton spielten. «Die Magie und die Facetten in ihrem Ton berühren mich unglaublich, selbst die Tonqualität.» Und schnell fügt er geigenpolitisch korrekt an: «Heute haben wir wunderbare Musiker, ich kann auch von den lebenden Geigern lernen.»

Fünf Jahre lang war er ein Aushängeschild der LGT Young Soloists, ein Kammerorchester voller angehender Solistinnen und Solisten, konnte dort Erfahrungen sammeln: auf der Bühne, als Solist und als Kammermusiker. «Ich hatte Einblick in alle Facetten des Geigerlebens. LGT versucht, die Mitglieder auf das Solistenleben vorzubereiten. Ein Aspekt dieses Lebens sind etwa die Tourneen, wo man vom Flugzeug zum Bus und dann in den Konzertsaal rennt, oft mit wenig Schlaf auskommen und dennoch Höchstleistungen erbringen muss. Ich lernte, flexibel zu sein und meine Kräfte einzuteilen.»

Nun aber ist er ein Schritt weiter, bewegt sich im freien Markt, sucht Konzerte, wohnt in London und geht dort weiter zum Unterricht. Corona hat den Aufbauprozess nur teilweise gestoppt: «Plötzlich kam ich zu anderen Konzerten. Man förderte in den letzten Monaten lokale Künstler. In dieser schwierigen Zeit lassen sich mit jungen Musikern neue Dinge ausprobieren. Die Orchester müssen experimentfreudig werden und schauen, was man lokal auf die Beine stellen kann. Die Krise öffnet neue Türen.»

Nebel lässt trotz Corona den Kopf nicht hängen. «Ich entschied mich vor 15 Jahren für die Musik: Dafür muss ich in schwierigen wie in guten Zeiten kämpfen. Musik ist meine Leidenschaft, es gibt für mich keine Alternative. Ich muss mir meinen Weg bahnen. Ich nutzte den Lockdown, um Neues auszuprobieren, spielte auch moderne Werke, hörte viele alte Aufnahmen und studierte Werke fern des Geigenrepertoires. Es war interessant, ja inspirierend. Aber ich will diese Zeit überhaupt nicht verklären. Nun freue ich mich nämlich sehr, dass ich wieder Auftritte habe.» Zum Teil wenigstens. Am Wochenende spielt er in der Schweiz im Trio und Duo: «Als Solist ist man oft allein, in Kammermusikformationen kann ich mich hingegen menschlich und musikalisch austauschen.»

So wird er mit Freude mit Pianist Oliver Schnyder und Cellist Dorukhan Doruk in Baden und später in Basel antreten. Das Konzert in Zürich wäre das Jubiläumskonzert der Orpheum Stiftung gewesen, die Nebel massgeblich unterstützte. Wegen der Schliessung der Tonhalle Maag findet es nun im privaten Rahmen statt.

Mut zu neuen minimalistischen Tönen

Nebels Selbstvertrauen zeigt sich auch in der Programmwahl seiner grossartigen Début-CD, auf der er Violinkonzerte von Igor Strawinsky und Philipp Glass präsentiert. Er spielt sie mit hinreissendem Schmelz und grandioser Präzision. Zum Programm ermutigt wurde Nebel von Dirigent Kristjan Järvi, dem Bruder von Paavo Järvi, Chefdirigent des Tonhalle-Orchesters Zürich. Nebel hatte Kristjan beim Menuhin Festival in Gstaad kennen gelernt, gemeinsam war man oft auf Tournee. «Für einen jungen Künstler ist eine solche musikalische Freundschaft ein Traum. Dafür bin ich Kristjan ewig dankbar.»

David Nebel zusammen mit Kristjan Järvi.

David Nebel zusammen mit Kristjan Järvi.

Nebel spielt auch auf Järvis «Nordic-Album» mit, wo mit Elektronik gearbeitet, die Grenze zum Kitsch hüpfend übersprungen wird. Doch Nebel sagt pragmatisch: «Wir können nicht nur Beethoven und Mozart spielen: Ich führte Werke von Glass und Järvi auf, was beim Publikum sehr gut ankam.»

Es gilt für Nebel trotz LGT-Erfahrung diese Jahre viel zu entdecken, immer wieder wird und will er vor neuen Orchestern und neben unbekannten Dirigenten stehen. Er nimmts gelassen: «Ich darf nicht zu viel forcieren und sollte mir nicht einzureden, ich müsse dies oder das tun. Es ist spannend, andere Persönlichkeiten zu treffen. Musik ist ein Risiko, das macht den Beruf des Musikers aus. Ich will auf Risiko spielen, nicht auf Nummer sicher. Ich nehme es in Kauf, dass mal etwas nicht perfekt gelingt.» Hört man David Nebel zu, meint man lächelnd, dass es ihm trotzdem gelingt.

Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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