Es war die Blütezeit des Progressive Rock. Die Musik war ambitionierter, komplexer und ausschweifender als alles andere in der Geschichte des Pop. Die einst rohe und ungehobelte Rockmusik war beseelt von einem messianischen Kunstanspruch. Ein überbordendes musikalisches Fest, das sich vom schablonenhaften, gleichförmigen Pop-Format absetzte und doch unglaublich populär war. «The Dark Side Of The Moon» von Pink Floyd erschien im März 1973 und hielt sich bis 1988 in den amerikanischen Billboard Charts, und auch das 26-minütige Instrumental-Epos «Tubular Bells» von Mike Oldfield (Mai 1973) blieb fünf Jahre lang in den Bestseller-Listen. Und dann kamen ABBA.

Fehlstart nach «Waterloo»

Vor diesem Hintergrund überrascht es nicht, dass das schwedische Quartett nach dem Sieg mit «Waterloo» am Eurovision Song Contest 1974 heftige Kontroversen auslöste. Selbst Schweden war gespalten. Für die grosse Prog-Gemeinde war das Quartett zu kommerziell, zu banal, zu oberflächlich. Bekannte und renommierte Jazzmusiker wie der Saxofonist Ulf Andersson oder der Gitarrist Janne Schaffer, die in der Band mitspielten, wurden als Verräter gebrandmarkt, gemieden und für Konzerte nicht mehr gebucht. Auch die Schweiz erlebte ihr Waterloo. André Béchir, damals Chef von Good News, musste das geplante Konzert der schwedischen Band im Kongresshaus Zürich mangels Nachfrage absagen.

ABBA legten nach dem Sieg beim ESC einen veritablen Fehlstart hin. Die Band hatte ihren Stil und ihren Sound noch nicht gefunden: Hier etwas Flower- Power, dort harmloser Glam Rock wie «Waterloo», dazu viel anspruchsloser Happy Pop a la «Ring Ring», «Honey Honey» oder «I Do, I Do, I Do, I Do, I Do». ABBA waren noch nicht reif – die Zeit war noch nicht reif.

Die Avantgarde des Normalen

Das änderte sich Mitte der 70er-Jahre. Der Wind drehte, viele Leute hatten die Nase voll vom ewigen Aufstand der Rock-Rebellen. Erst recht von den anstrengenden und angestrengten Exkursen der Progressiven. Da kamen ABBA gerade recht. Doch die Band musste sich zuerst finden. Der Song «S.O.S.» von 1975 gilt als der «erste richtige ABBA-Popsong». Es folgte «Mamma Mia». Mit diesen beiden Songs hatte das Quartett seinen Stil gefunden. Mit diesen makellosen, glattpolierten Songs wurden ABBA die Anti-These zur Rockmusik. «Mit einem Schlag löste Popmusik die Rockmusik ab», schrieb damals der «New Musical Express». ABBA wurden «die Avantgarde der Normalen».

Herausragendes Merkmal von ABBA ist der mehrstimmige Gesang von Anni-Frid Lyngstad und Agnetha Fältskog, der sich wunderbar ergänzt und zu einer Einheit verschmilzt. Noch wesentlicher war, dass in der Musik kaum Einflüsse der damals vorherrschenden Rockmusik der 60er-Jahre oder der afroamerikanischen Musik zu hören sind. ABBA haben mit diesen Traditionen gebrochen und sich stattdessen auf die europäische Liedtradition berufen, die frühen Beatles und klassische Musik. Sie begründeten einen durch und durch «europäischen Pop».

«Melody First» lautete das Prinzip des Komponisten-Duos Björn Ulvaeus und Benny Andersson. Die beiden schlechten Notenleser waren mit einer Songidee erst zufrieden, wenn sie eine Melodie gefunden hatten, die in den Gehörgängen haften blieb. Bevorzugt wurden volksliedhafte, leicht singbare Melodien mit einfachen kleinen Tonintervallen, Ohrwürmer, die das Harmoniegerüst wie von selbst ergaben.

Verstärkt wurde der Vorrang der Melodie durch den syllabischen Stil: Inhalt, Text und Textrhythmus wurden konsequent der Melodie und dem Melodiefluss angepasst: eine Note pro Textsilbe. Das erzeugte eine unwiderstehliche Wirkung. Dabei wurde in Kauf genommen, dass der Inhalt nebensächlich, oft belanglos und unwichtig war. Sie hatten keine Mission wie die Rockmusiker. ABBA wollten unterhalten.

Formel für den zeitlosen Popsong

«Ein Lied braucht Melodie, Harmonie und Rhythmus. Das ist meine ewige Wahrheit. Nur Rhythmus reicht nicht», sagte Benny Anderson in einem Interview mit dieser Zeitung mit einer Spitze gegen die aktuelle Popmusik.

ABBA dagegen sprechen heute immer noch alle an. Die Band balancierte zwischen Kunst und Kitsch und hat die Formel für den zeitlosen Popsong definiert: eingängige Lieder, verpackt in pfiffigen Arrangements. Dabei kam ihr ein neues Produktionsverfahren im Studio zu Hilfe, das die Instrumente mehrmals auf verschiedenen Spuren aufnahm und einzeln mischte. Das führte zu einer nie zuvor gehörten enorm hohen Sounddichte. ABBA setzten die Studioproduktion auf ein neues Qualitätslevel und setzten den Standard für die moderne Popmusik.

Positive Botschaften

Die vier Schweden waren Perfektionisten und überliessen nichts dem Zufall. ABBA waren ein Gesamtkunstwerk, bei dem sogar die Kostüme der Dramaturgie und dem Groove und dem Charakter der jeweiligen Songs angepasst wurden. Zu dem Gesamtkunstwerk gehört vor allem das positive Image der vier Schweden. Die Paare Benny + Frida sowie Björn + Agnetha standen für eine heile, bürgerliche Welt, für eine freundliche, charmante, attraktive, glückliche und intakte Familie.

36 Jahre nach der Auflösung ist die Band so erfolgreich wie eh und je. Der Erfolg hat im Lauf der Jahre sogar zugenommen. ABBA sind Kult, und gerade die Schweiz ist ein ausgesprochenes ABBA-Land. Das Album «ABBA Gold», das 1992, also zehn Jahre nach dem Ende, veröffentlicht wurde, ist mit über einer halben Million verkauften Exemplaren (weltweit 31 Millionen) das mit Abstand erfolgreichste Popalbum in der Geschichte der Schweizer Hitparade. 473 Wochen lang war es platziert, zuletzt am 26. Juni 2018.

Die einstigen Kontroversen haben sich in Luft aufgelöst, und Superstars wie Madonna, Tina Turner, Bands wie U2 und Nirvana haben sich als Sympathisanten geoutet. ABBA sind heute eine generationenübergreifende Familienband und neben den Beatles die mehrheitsfähigste Popband der Welt.

ABBA-Mania 2018