«Ihr habt der Welt bewiesen, dass eine halbe Million Kids zusammenkommen und drei Tage Musik und Spass haben können, und nichts als Spass und Musik. Und ich segne euch dafür», sagte der Farmer Max Yasgur. Es war eine der Schlüsselszenen im Film «Woodstock – 3 Tage im Zeichen von Liebe & Musik». Yasgur, ein bekennender Republikaner, hatte den Festivalverantwortlichen um Michael Lang sein Land zwei Autostunden von New York entfernt zur Verfügung gestellt und präsentierte sich im Film als Hippie-Versteher. Die Szene hatte symbolhaften Charakter, sie bedeutete so etwas wie die Versöhnung des konservativen Amerikas mit seiner Hippie-Jugend.

50 Jahre später unterstreicht das Magazin «Der Spiegel» in seiner Titelgeschichte zum Jubiläum die immense Bedeutung des Festivals. «Woodstock war der entscheidende Kulminationspunkt der 60er-Jahre.» Der Ort, an dem sich «die Gegenkultur innerhalb einer guten Woche vollends durchsetzte. Es konstituierte sich, was wir heute die moderne Welt nennen.» Woodstock habe eine Generation geprägt. «Das gigantische Experiment um Freiheit, Selbstbestimmung, Toleranz, freie Liebe und Naturverbundenheit» sei erfolgreich erprobt worden, Woodstock habe «gesellschaftlich, kulturell einen grösseren Einfluss auf die folgenden Jahrzehnte als die Mondlandung».

Eine halbe Million Menschen versammelte sich auf dem Gebiet der Gemeinde Bethel vor den Toren New Yorks.

Eine halbe Million Menschen versammelte sich auf dem Gebiet der Gemeinde Bethel vor den Toren New Yorks.

Ganz anders hat Bobby Leiser Woodstock in Erinnerung. Der 74-jährige Schweizer Ur-Roadie und ehemalige Stage Manager der Rolling Stones, Miles Davis und vielen anderen ist einer der wenigen Schweizer, der das legendäre Festival vor 50 Jahren vor Ort erlebt hat. «Am Festival in Woodstock herrschte die absolute Katastrophe», sagt er, «da war nichts von Hippie-Idylle. Alles war verschissen, die Leute waren verzweifelt, hatten nichts mehr zu essen und zu trinken. Kinder weinten. Es war die Hölle. Ich war froh, dass ich das Festival heil überstanden hatte, und sagte mir: Nie mehr!»

50 Jahre danach wird immer noch um die Bedeutung von Woodstock gerungen. Einig ist man sich immerhin, dass vor allem der Film «Woodstock – 3 Tage im Zeichen von Liebe & Musik», der sieben Monate nach dem Festival veröffentlicht wurde, massgeblich zum Mythos und der Legendenbildung von Woodstock beigetragen hat.

«Woodstock war weit davon entfernt, die Ideale des Hippietums zu verkörpern. Vielmehr manifestierte das Festival die Widersprüche der Hippie-Ideologie», ist der renommierte, britisch-deutsche Journalist Alan Posener überzeugt. «Der unglaubliche Nachhall von Woodstock ist der Sieg des Mythos, der Bilder, der Vermarktung über die Realität. Ein Medienschwindel.»

Interessant ist auch, dass die «New York Times» am Tag nach dem Festival von einem «Albtraum» berichtete und sich fragte, was das für eine Kultur sei, die «eine solche Katastrophe veranstaltet». Nur ein Tag danach folgte die Kehrtwende. Die Zeitung korrigierte ihre Haltung und schwärmte von einem «Phänomen der Unschuld». Man staunt. Denn noch während des Festivals wollte Nelson Rockefeller, der damalige Gouverneur des Staates New York, die Nationalgarde aufs Gelände schicken, um die Ordnung wiederherzustellen. Gemäss «Spiegel» konnten ihn die Investoren von Woodstock im letzten Moment davon abhalten.

Die grosse amerikanische Versöhnung

Doch auch grosse US-Magazine wie «Newsweek» und «Life» zeichneten in der Folge ein durchweg positives Bild. Gelobt wurde vor allem die «Friedfertigkeit der Jugend». «Von einem freundlichen Monster, das Marihuana atmet», berichtet die «New York Post».

Wie und weshalb kam es zu dem Sinneswandel? Was ist da passiert? Als Jimi Hendrix zum Abschluss des Festivals die amerikanische Landeshymne interpretierte und in einer Krachorgie zerstörte, zeichnete er das Bild eines zerrissenen Landes. Traumatisiert von der Ermordung des schwarzen Bürgerrechtlers Martin Luther King und des charismatischen Hoffnungsträgers des links-liberalen Amerikas, Robert F. Kennedy. Müde von einem Krieg in Vietnam, der nicht zu gewinnen war. Die USA waren eine taumelnde Weltmacht. Eine Nation aber auch, die sich nach Versöhnung, Einheit sowie moralischer und patriotischer Erneuerung sehnte.

Da kam der Woodstock-Film von Michael Wadleigh gerade recht. «Wir versuchten, die Ideen von Woodstock in attraktiver Form zu verkaufen», gab der Regisseur später zu. «Wir hatten die Reaktionen der amerikanischen Mittelklasse gegen die protestierenden Studenten gesehen. Deshalb versuchten wir einen Film zu machen, der die Mittelklasse sagen lässt: Diese jungen Leute sind ja gar nicht so.» Die Woodstock-Nation sollte als Bestandteil des guten Amerikas wahrgenommen werden.

Begünstigt wurde die Legendenbildung von einer unfreiwilligen Nachrichtensperre. Denn Woodstock war medial von der Aussenwelt weitgehend abgeschlossen. Das Chaos war so gross, dass Journalisten weder rein- noch rauskonnten. Es drangen entsprechend kaum Informationen nach draussen. Die vom Veranstalter angeheuerte Filmcrew hatte das Medienmonopol, die Deutungshoheit. Der Geist von Woodstock wurde zusammengeschnitten, die Legende konstruiert.

Bobby Leiser staunte, als er den Film zum ersten Mal sah: «Ich dachte, dass ich im falschen Film bin. Das kann nicht das Festival sein, an dem ich war.» Doch die Strategie ging auf. Der Film wurde ein Riesenerfolg und 1971 mit einem Oscar für den besten Dokumentarfilm ausgezeichnet. In nur 18 Wochen spielte er 5 Millionen Dollar ein und konnte damit einen Grossteil des Verlustes ausgleichen, den das Festival hinterlassen hatte.

Es ging also vor allem um Geld, viel Geld. Veranstalter Michael Lang hat die kommerziellen Absichten zwar immer abgestritten, doch in Woodstock wurde das enorme Marktpotenzial deutlich, das diese Gegenkultur, diese Art von Rock- und Pop-Spektakel, bietet. «Die Fundamente für eine Freizeitbeschäftigung von Jugendlichen wurden hier geschaffen», schrieb das Magazin «Sounds» schon 1970. Bald zählten vor allem Marketingbudgets, Umsatzzahlen und Hitparaden-Platzierungen. Hier wurde die Basis für die Pop-und-Rock-Industrie gelegt. Hier, bei der Mutter aller Open Airs, wurde die Geschäftsidee für Musikfestivals unter freiem Himmel gelegt, die schon bald in die Welt exportiert wurde.

Die Gegenkultur wurde vom Markt vereinnahmt

Woodstock war aber auch ein Meilenstein in Sachen Technik und Musikbeschallung. «Der Sound war für jene Zeit schon verdammt gut», sagt Bobby Leiser. «In Woodstock wurden der Grundstein und die technischen Möglichkeiten geschaffen, grosse Menschenmassen mit Musik zu beschallen.» Die Voraussetzung für das Geschäft mit grossen Open Airs.

Woodstock hat die Prioritäten verschoben. Weg von den Idealen und Ideen, hin zu Entertainment und Geschäft. Weniger die Hippie-Ideale, der Markt hatte sich durchgesetzt. Utopie blieb Utopie, das Lebensmodell der totalen Freiheit eine Illusion. Stattdessen sind «Love, Peace and Happiness» erfolgreich vom Markt aufgesogen worden. «Durch Woodstock wurde der Markt gross genug, dass den Marketingleuten klar wurde: Hier war etwas zu holen», sagte Alt-Hippie und Musiker Neil Young. «Sie konnten diese Leute als Konsumenten ansprechen. Sie nutzten die Musik aus. Von da an war Rock ’n’ Roll in der Werbung zu sehen.» Für den deutschen Musikkritiker Frank Schäfer, Autor des Buches «Woodstock ’69» war Woodstock der musikalische Höhepunkt und gleichzeitig Endpunkt der Hippie-Bewegung. Die Taktik von Vereinnahmung und Umarmung hat funktioniert. Die Rock-und-Pop-Bewegung war nicht länger Gegenkultur, sie wurde zum Mainstream. Subkultur wurde Popkultur.

Ein Zwischenfall in Woodstock zwischen The-Who-Gitarrist Pete Townshend und dem Politaktivisten Abbie Hoffman kann als Sinnbild für die veränderten Prioritäten gedeutet werden. Als Hoffman während des Konzerts der britischen Band ans Mikro trat und eine flammende Rede gegen die Inhaftierung eines Gesinnungsgenossen halten wollte, stiess ihm Townshend die Gitarre in den Rücken und prügelte ihn von der Bühne. «Deine Politik hat auf meiner Bühne nichts zu suchen», mochte er Hoffman gesagt haben, «It’s entertainment, stupid!» Die Sache mit der besseren Welt hatte sich erledigt.