Maurice Steger
Vivaldis Blockflötenkonzerte? Einst ein Grund, ins Kino zu gehen...

Die Vivaldi-CD des Zürcher Blockflötisten Maurice Steger zeigt, wie vielseitig Antonio Vivaldi ist, wenn man seine Noten übersetzen kann: in Klang, in Spiel – in Zauberklänge.

Christian Berzins
Merken
Drucken
Teilen
Meisterflötist Maurice Steger.

Meisterflötist Maurice Steger.

www.marcoborggreve.com

Ein Überstürzen, ein Rasen. Unheimlich. Wer kann das stoppen? Der Einsatz einer Blockflöte? Im Gegenteil! Kaum hat Maurice Steger einen Ton auf seinem Instrumentchen gespielt, geht das Rasen weiter. Doch es ist mehr als das. Wir würden diese CD sofort weglegen, wenn in diesem Überschwang nicht Ideen und Klang wären: Das Rasen ist das beseelte Klopfen eines warmen Herzens.

Das Gehörte wäre nur halb so reizvoll, wenn wir am Anfang nicht zweifeln würden, ob diese Musik tatsächlich von Antonio Vivaldi (1678–1741) stammt. Aber die vergangenen zehn Jahre haben uns so viel über diesen Komponisten, der vermeintlich 600 Mal dasselbe Konzert komponiert hat, gelehrt, dass wir spätestens im Largo Gewissheit erlangt haben. Wir wissen nun mehr, wie vielseitig dieser Komponist ist, wenn man seine Noten übersetzen kann: in Klang, in Spiel – in Zauberklänge.

Wir stecken in einem G-Dur-Konzert für Blockflöte, RV 443: Maurice Steger und die Barocchisti unter der Leitung des Tessiners Diego Fasolis bleiben im Zugwind: Hier wird nicht wie einst in alten «Jahreszeiten»-Aufnahmen der Stillstand gesucht, hier werden grosse Bögen gezeichnet – nach vorne geschaut. Wie Steger diese immer noch überlang ewigen Linien ausfüllt, ist unheimlich grossartig. Und doch zeigt sich bei all seiner virtuosen Kunst auch, wie schwierig es ist, sein Holzinstrumentchen zu spielen. Doch genau diese Brüche machen Stegers Spiel so frisch und ehrlich.

Dieses G-Dur-Konzert ist ein wirbliger Auftakt, die Natur spielt darin verrückt. Wenns dann zum g-Moll-Konzert geht, das mit «La notte» überschrieben ist, erregen Fasolis und Steger das Assoziationsspiel naturgemäss perfekt.

Bei allem philologischen Eifer: Steger ist den Experimenten nicht abgeneigt, und so wagt er sich auch an ein spätes Violinkonzert, und siehe da: Die Musizierlust wird durch die neuen Schwierigkeiten noch beflügelt.

Ende Oktober hat der in Zürich lebende Schweizer Flötenmeister zusammen mit dem Zürcher Kammerorchester ein Heimspiel, tritt er doch im grossen (!) Saal der Tonhalle auf. Acht Vivaldi-Konzerte stehen auf dem Programm . . . Einst wäre das für uns ein Grund gewesen, ins Kino zu gehen. Doch nun wissen wir: Das wird hochspannend werden. Mitsamt Zugabe eines neunten Vivaldi-Konzertes!

Maurice Steger, Vivaldi, concerti per flauto, harmonia mundi 2014

Konzert Di 28. Oktober, 19.30 Uhr, Tonhalle Zürich.