Klassik

Trotz Corona-Krise: Grünes Licht für Beethoven

Bild: Friedmann Vogel/Keystone/ Bonn, 13 Dezember 2019

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Bild: Friedmann Vogel/Keystone/ Bonn, 13 Dezember 2019

Obwohl das Beethoven-Jahr noch jung ist, hat es sich auf dem CD-Markt schon mit einigen markanten Produktionen bemerkbar gemacht.

Der Konzertbetrieb ist wegen Corona stillgelegt. Der Ausfall des Live-Erlebnisses bietet jedoch Gelegenheit, wieder einmal zu Hause in ein Werk einzutauchen. Zum Beispiel in dasjenige von Beethoven. Eine einzige Oper hat der Komponist in seinem Leben geschrieben, aber wenn ein Dirigent wie René Jacobs, der mit weltbewegenden Einspielungen von Mozarts späten Opern derart für Furore sorgte, eine Neueinspielung präsentiert, steigt die Spannung. Er hat sich nicht auf die etablierte letzte Fassung von Beethovens «Fidelio» eingelassen, sondern im Gegenteil die allererste der in verschiedenen, stark unterschiedlichen Versionen überlieferten Oper gewählt.

Stark betont wird dadurch der Singspiel-Charakter des Stücks, auch deshalb, weil Jacobs oft flirrend schnelle Tempi wählt und seine Solisten in rasende – aber immer souverän gemeisterte – Koloraturen zwingt, was wiederum die Leichtigkeit der Partien betont. Auf seine Besetzungen kann sich der belgische Maestro auch hier verlassen, von einer fulminanten Marlis Petersen als Leonore über Maximilian Schmidt als Florestan bis zu Robin Johannsen als Marzelline (Harmonia Mundi).

Die Klaviersonaten und die Sinfonien

Interessantes tat sich in den letzten Monaten auch auf dem Feld der Klaviersonaten. 32 davon hat Beethoven geschrieben, sie waren das Grundgerüst seines Ruhms als Klavierspieler, und sie gehören heute für jeden Pianisten zum absoluten Pflichtprogramm. Gleich zwei der interessantesten, vielschichtigsten und streitbarsten unter ihnen haben die 32 Sonaten neu eingespielt, Igor Levit und Fazil Say.

Und es sind fast zwei Antithesen zu Beethovens Klavierschaffen dabei heraus gekommen: Levit pflegt Mass und Architektur, gewichtet ausgewogen und feinfühlig und stellt seine unglaublich souveräne Technik ohne jede vordergründige Allüre ganz in den Geist der Genauigkeit, mit der er jede Nuance von Beethovens Spielvorschriften umsetzt (Sony).

Bei Say hingegen ist jede Interpretation beinahe eine Neukomposition, derart eigenwillig und extrem ist er in der Wahl seiner Ausdrucksmittel, derart weit dehnt er die Bandbreite in Tempi und Dynamik. Das polarisiert, kann aber für sich in Anspruch nehmen, Beethovens Spontaneität und improvisatorische Genialität, für die er damals gefeiert wurde, ein wenig nachvollziehbar zu machen.

Schon letztes Jahr für Beethoven in Stellung gebracht hat sich die Deutsche Grammophon, die bereits in den Beethoven-Jahren 1970 und 1977 mit fast vollständigen Editionen aller Werke Beethovens auf den Markt kam. Das hat man jetzt wiederholt mit einer «New Complete Edition», die viele der beliebten Werke mehrfach in bereits bekannten älteren und neueren Interpretation versammelt, die Sinfonien etwa mit Abbado, Böhm, Karajan oder Bernstein, aber auch mit Gardiner.

Neu dagegen ist die Einspielung der Sinfonien, die Andris Nelsons mit den Wiener Philharmonikern aufnehmen durfte. Sie ist durchaus gelungen, bietet Einiges an Klangschönheit und Delikatesse, ist aber nicht sonderlich aufregend, was ihre interpretatorischen Ideen betrifft (DG).

Da haben wir in den vergangenen Jahren mit den Zyklen von Paavo Järvi mit der Kammerphilharmonie Bremen oder nicht zuletzt dem Kammerorchester Basel unter Giovanni Antonini doch recht viel mitreissendere Beethoven-Interpretationen zu hören bekommen.

Feuerwerke an Emotionen und Leidenschaften

Wer sich so richtig vom Hocker reissen lassen will von Beethovens Sinfonik, sollte dem deutschen Ensemble «Compagnia di Punto» zuhören. Sie spielen die ersten drei Sinfonien in Arrangements für ein Dutzend Musiker von den Zeitgenossen Ries und Ebers, die Beethoven gut geheissen hat, und entfachen darin mit stürmischem Furor wahre Feuerwerke an Emotionen und Leidenschaften (DHM).

Auch die Akademie für Alte Musik Berlin, hat sich aufgemacht, Beethovens sinfonische Welt zu erkunden und dabei eine interessante Entdeckung präsentiert: Sie ist von der «Pastorale», der grossen «Natur»-Sinfonie Beethovens ausgegangen und stellen ihr die Naturschilderung eines Zeitgenossen zur Seite: Justin Heinrich Knecht heisst er, zweifellos ein Fan von Rousseau, in seinem «Portrait musical de la Nature» aber doch ein eher etwas betulicher Musikant und schlicht gestrickter kompositorischer Handwerker (Harmonia Mundi).

Eine musikalisch gewichtigere Entdeckung im Umkreis von Beethoven bieten die Geigerin Mirijam Contzen und der Dirigent Reinhard Goebel: Sie haben zwei Violinkonzerte von Franz Joseph Clement ausgegraben. Das ist nicht nur bemerkenswert, weil es sich dabei um zwei überaus reizvolle Konzerte handelt, sondern auch, weil dieser Wiener Geigenvirtuose ein enger Freund Beethovens und auch der Widmungsträger von dessen berühmtem Violinkonzert war. Die beiden haben sich hörbar sehr deutlich gegenseitig beeinflusst, ein kompositorisches Ping-Pong-Spiel sozusagen (Sony).

Von diesem grossen Violinkonzert Beethovens gibt es natürlich auch neue Einspielungen. Eine sehr ansprechende kommt aus Deutschland von Lena Neudauer und Marcus Bosch, denen es auf überzeugende Weise gelingt, den rauen Klang der historischen Instrumente mit feinsinnigen Lyrismen zu verbinden (cpo).

Neue Streichquartette

Und was ist mit dem Streichquartett, eine Gattung, in der Beethoven ebenfalls olympische Dimensionen erreicht hat? Da lohnt es sich wahrscheinlich, noch ein bisschen zu warten: Das französische Quatuor Ebène tourt seit über einem Jahr durch die Welt mit allen Beethoven-Quartetten im Gepäck.
In sieben Städten auf allen Kontinenten – Wien, Philadelphia, Tokyo Sao Paulo, Melbourne, Nairobi und Paris – haben sie Konzerte mitschneiden lassen. Die erste, aus Wien mit den Quartetten op. 59 Nr. 1 & 2 ist bereits erschienen und weckt höchste Erwartungen auch für die anderen (Erato).

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