Wer nimmt denn nun welches Klavier? Fast scheint es, als würden die beiden Tastenvirtuosen ernsthaft diese Frage diskutieren, selbst die beiden Damen, die beim Umblättern helfen, wirken für einen Moment verunsichert. Es wäre ihr zuzutrauen, Martha Argerich, dass sie sich in letzter Sekunde anders entscheidet. Spontaneität war immer eines ihrer Markenzeichen, sowohl musikalisch wie im Umgang mit Veranstaltern und Mitmusikern.

Charmant und spendabel

Nicht umsonst trägt sie den Ehrentitel «Die Löwin». Aber die raunenden Stimmen im fast voll besetzten Musical-Theater, die schon eine der berüchtigten Launen der kapriziösen Künstlerin befürchten, als sie sich vor dem Auftritt ein paar Minuten ziert, sind unbegründet: Es gab Zeiten, da waren Konzertabsagen der Argerich an der Tagesordnung, aber seit vielen Jahren ist sie sehr viel zuverlässiger geworden. So zeigt sie sich auch in Basel nicht nur musikalisch von ihrer charmantesten Seite sondern mit zwei langen Zugaben auch durchaus spendabel.

Die zwei Treppenstufen zum Podium sind die grössten Klippen für die Grande Dame des Klavierspiels. Man sieht ihr das Alter von 76 Jahren an: beim Gehen. Beim Spielen nicht. Kerzengerade sitzt sie am Flügel, keine Anstrengung ist ihr anzumerken, leicht fliessen die Melodien aus ihren Fingern, federnd springen die Motive zwischen ihr und ihrem armenisch-amerikanischen Pianistenfreund Sergei Babayan (56) hin und her.

Überraschungen ohne Vorwarnung

Die beiden spulen nicht einfach ihr einstudiertes Programm ab, so etwas wäre der Argerich viel zu langweilig. Immer wieder setzt sie unerwartete Akzente, beschleunigt die drängenden Tonrepetitionen in Mozarts Sonate für zwei Klaviere (KV 448) oder lässt Prokofjews Walzer-Rhythmen im generösen Rubato beinahe verloren gehen.

Solche Überraschungen kommen ohne Vorwarnung: Aus dem Handgelenk, fast ohne Ansatz meisselt sie Akzente in die Tasten. Ihre Klaviertechnik ist noch immer stupend, leicht und scheinbar mühelos gestaltet sie perlende Mozart-Läufe gestochen scharf, aber kein bisschen demonstrativ. Oder sie zaubert virtuose Girlanden in die Tänze, die Babayan aus Prokofjews Film- und Schauspielmusiken arrangierte. Babayans Gestik ist eine Spur expressiver, aber noch immer weit entfernt von dem Show-Gehampel, das gewisse Jungstars am Klavier abziehen. Und er spielt nicht einfach das Schosshündchen der Argerich. Die beiden Klavierparts, die er aus Prokofjews «Romeo und Julia»-Ballettmusik destilliert hat, sind mindestens gleichberechtigt, er gibt oft das Tempo vor, viele Impulse kommen von ihm und auch pianistisch braucht er sich nicht zu verstecken. Eine Spur muskulöser ist sein Spiel, etwas länger steht er manchmal auf dem Pedal, ansonsten interpretieren die beiden vertrauten Partner wie aus einem Guss, von den maschinell hämmernden Dissonanzen, die Prokofjew sehr mochte, bis hin zu den pianissimo hingetupften fragilen Akkorden, wenn es um Abschied und Sterben geht.

Eine Teamplayerin

Seit vielen Jahren tritt Martha Argerich nicht mehr alleine auf, will Künstler an ihrer Seite haben, die die Anspannung vor dem Auftritt und die Entspannung danach mit ihr teilen. Das Solokonzert mit Orchester ist davon ausgenommen, und immer wieder überzeugt sie nach wie vor in den viel gespielten Klavierkonzerten von Mozart und Beethoven über Schumann bis Rachmaninow und Prokofjew. Aber noch häufiger als an der Seite geschätzter Dirigenten wie Ex-Ehemann Charles Dutoit oder Daniel Barenboim findet man sie als Kammermusikerin – besonders eindrücklich in den letzten Jahren in Lugano, wo sie jeweils im Juni eine imposante Reihe ausgewählter Musikerfreunde um sich versammelte und in den verschiedensten Besetzungen das klassisch-romantische Kammermusik-Œuvre durchforstete.

Sie muss nicht mehr zuvorderst im Rampenlicht stehen, die simple Begleitstimme für virtuose Eskapaden eines Geigen-Freundes reicht ihr aus, und selbst darin findet sie immer wieder einen persönlichen Akzent oder eine unerwartete Wendung, die das Geschehen musikalisch lebendig hält. Leider ist mit dem «Progetto» in Lugano Schluss, nach dem Rückzug der BSI fand sich kein Ersatz-Sponsor. Die CD-Box mit den gelungensten Interpretationen des Jahrgangs 2016 ist soeben bei Warner erschienen.