Es sei besser auszubrennen, als zu verblassen, schrieb Kurt Cobain in seinem Abschiedsbrief, bevor er sich das Leben nahm. Cobain war ausgebrannt. Depressionen, Drogensucht und Magenprobleme hatten das lodernde Feuer in diesem Mann gelöscht. Einen Monat zuvor musste die Europatour von Nirvana abgebrochen werden, weil Cobain regungslos in einem Hotelzimmer gefunden worden war. Vollgepumpt mit Beruhigungsmitteln und Alkohol. Ein Suizidversuch, meinten die Ärzte. Ein Versehen, widersprach Cobain.

Wenige Tage später liess er keinen Platz mehr für solche Deutungen: Eine Überdosis Heroin und ein Kopfschuss aus einer Schrotflinte beendeten das Leben von Kurt Cobain am 5. April 1994 endgültig. Er wurde nur 27 Jahre alt.

Zweifel und Abgründe

Cobain verbrannte wohl auch am Druck einer ganzen Generation, die auf seinen schmalen Schultern lastete. Mit Nirvana hatte er die Welt im Sturm erobert, er hatte den Soundtrack einer Generation geschrieben, und er hatte den Untergrund an die Oberfläche geholt. Erst mit Nirvanas «Nevermind» fand nach dem dominierenden Synthiepop der 1980er-Jahre auch alternative Rockmusik wieder den Weg an die breitere Öffentlichkeit. Nirvana machten Grunge, eine verschleppte Variante des Punks, die vor allem von der Wut und Verzweiflung seiner Sänger, in diesem Fall eben Cobain, lebte. Und sie stirbt auch mit ihm: Mit dem Tode Cobains endet auch der kurze Höhenflug des Grunge. Durch seine kurze, aber heftige Wirkung hat Grunge vielen Bands die Türen zu grossen Konzertsälen und Stadien geöffnet.

Anders bei Cobain und Co. war nicht nur der Sound, sondern auch die Verweigerung von rocktypischen Klischees. «Wir hatten das Gefühl, dass diese Seattle-Grunge-Bands all den Spass im Rock ’n’ Roll getötet haben. Es gab keine Lichtshows mehr, keine coolen Klamotten, keine Effekte», klagte Gene Simmons von Kiss. Auch inhaltlich ging es um Zweifel, Abgründe und andere Schattenseiten des Lebens. Es war der Sound einer satten, desillusionierten Generation, die doch voller Zorn steckte. Cobain hatte eine schwere Kindheit hinter sich. Die Eltern waren getrennt, Cobain zerstritt sich mit beiden Teilen. Er brach die Schule ab und schlug sich mehr schlecht als recht durchs Leben.

Zwischen Aufbruch und Lethargie

Er ist der Loser, der Musik macht für Loser. Für solche, die nicht den gängigen Normen entsprechen, brüllt er deren Wut in seinen Songs heraus. «I feel stupid and contagious / Here we are now, entertain us», schreit Cobain in «Smells Like Teen Spirit». «Ich fühle mich dumm und ansteckend. Hier sind wir nun. Unterhaltet uns!».

Das ist der vertonte Slogan der Generation X, die damals in den 1990er-Jahren den sonst schwierigen Übergang zwischen Jugend und Erwachsenenalter bestreiten musste. Irgendwo zwischen Aufbruch und Lethargie, und die Wut treibt nicht an, sie lähmt. Interessant ist vor allem der Nachhall, den Cobain auch auf die heutige Generation hatte. Nirvana-Shirts sieht man noch immer regelmässig, Kurt Cobain ist ein Posterboy geblieben. Fast schon ikonisch ist sein Kopf auf allerlei Sachen gedruckt. Seine Musik ist dagegen fast nur noch Nebensache.

Mit Ausnahmen: Bei einem Karaokespiel auf einer Game-Konsole kann man sogar «In Bloom» nachsingen. «He’s the one / Who likes all our pretty songs / And he likes to sing along / And he likes to shoot his gun / But he don’t know what it means.» Cobain kritisiert in diesem Song alle, die einfach alles mitgrölen, ohne nachzudenken, und jetzt ist er selbst Teil eines Mitgrölspiels, das an bierseligen Abenden gespielt wird. Würde er noch leben, wäre es wohl genau das, was Cobain so richtig hassen würde. Ihn haben der Applaus und die Anbetung des Publikums nie sonderlich berührt, wie er in seinem Abschiedsbrief schrieb.

Scheitern ist Teil seines Mythos

Vielleicht ist es genau diese Ablehnung des Ruhms, die ihn bis heute zum Helden vieler rastlosen und ratlosen Jugendlichen macht. Dieses Zerbrechen an all den Wünschen und Anliegen, die an einen herangetragen werden. Und ja: Natürlich ist auch das Scheitern an all dem Teil des Mythos Cobain. Erst durch seinen Tod wurde er überlebensgross. Er verhinderte durch dieses endgültige Ausbrennen, dass er langsam verblasst.

Und man hat durchaus Mühe, sich vorzustellen, wie es wäre, wenn Nirvana immer noch spielen würden. Im Hallenstadion in Zürich beispielsweise. Da würde die verlorene Seele von Kurt Cobain noch viel verlorener wirken. Kommt dazu, dass er zeit seines Lebens auf Konventionen gepfiffen hat. Er verweigerte sich vielen Gesprächen und gab sich Mühe, die Erwartungen nicht zu erfüllen. So spielten Nirvana bei ihrem letzten Konzert (im Terminal Eins in München) ihren grössten Hit «Smells Like Teen Spirit» nicht.

Kurt Cobain hasste den Song in seinen letzten Tagen, wie er ganz allgemein viel hasste in dieser Zeit. Mehrere Zeitzeugen berichten von einem übel gelaunten, gebrochenen, fahrigen Menschen. Als allerletzten Song spielte Nirvana in München «Heart-Shaped Box». Eine kratzige, garstige Nummer, aber auch einer der wenigen Nirvana-Songs, die man irgendwie als Liebeserklärung von Cobain an seine Frau Courtney Love verstehen kann.
Mit ihr hatte Cobain eine Tochter. Frances Bean Cobain war noch nicht einmal zwei Jahre alt, als das letzte Feuer ihres Vaters erlöschte.