Soul
Solange abzuwarten hat sich gelohnt

US-Sängerin Solange tritt aus dem Schatten ihrer berühmten Schwester Beyoncé. Heute spielt sie in Montreux

Lory Roebuck
Drucken
Teilen
Ergreifender Sound: Solange schmiegt ihre Stimme wie ein samtenes Tuch über ihre Songs. Amy Harris/AP/Keystone

Ergreifender Sound: Solange schmiegt ihre Stimme wie ein samtenes Tuch über ihre Songs. Amy Harris/AP/Keystone

KEYSTONE

«Schau dir diese Göttin an», haucht der Mann ehrfurchtsvoll. Er steht inmitten von 60 000 anderen Menschen vor der Hauptbühne am Primavera Sound Barcelona, einem der grössten Musikfestivals Europas. Hier treten Acts wie Van Morrison, Arcade Fire und The xx auf. Doch an diesem lauen Abend im Mai stiehlt ihnen jemand die Schau: Solange – die «Göttin». Hinter ihr auf der Bühne hängt eine grosse, orange Kugel, und Solange steht da mit einer Ausdruckskraft, die unmissverständlich sagt: Ich habe mir diesen Platz an der Sonne hart erarbeitet.

Tatsächlich: Lange bewegte sich die 31-jährige Musikerin in einem Schatten, der kaum grösser sein könnte. Als jüngere Schwester von Pop-Superstar Beyoncé (35) galt Solange jahrelang als genau das: die andere der beiden Knowles-Schwestern. Obwohl Solange seit ihrem 14. Lebensjahr Songs schreibt (auch für ihre Schwester) und bereits 2002 ihr Debütalbum veröffentlichte, schaffte sie es mit ihrer Musik kaum je in die Schlagzeilen. Spuren hinterliess sie stattdessen eher am Körper ihres Schwagers: Im Mai 2014 machte eine Aufnahme einer Überwachungskamera aus einem Fahrstuhl die Runde, die zeigte, wie Solange mit Händen und Füssen Beyoncés Ehemann, den Rapmogul Jay-Z, malträtierte.

Wie ein samtenes Tuch

Ob wütende Reaktion auf Jay-Zs offenbar ziemlich lockere Einstellung zum Ehegelöbnis (die sowohl Beyoncé als auch der Rapper auf ihren aktuellen Alben musikalisch verarbeiten) oder bloss eine kalkulierte PR-Aktion: Die Verkaufszahlen von Solanges EP «Truth» schnellten unmittelbar darauf in die Höhe. Mit ihrem aktuellen Album «A Seat at the Table», das letzten September erschien, schaffte es Solange dann erstmals auf Platz eins der amerikanischen Hitparade.

Schlagkraft beweist die Musikerin darauf nunmehr mit ihrem Sound. Zwar verzichtet Solange auf tanzbare Hip-Hop- und R-’n’-B-Nummern nach dem Muster ihrer früheren Alben und Beyoncés grossen Hits. Die Soul- und Funksongs auf «A Seat at the Table» sind ruhig und elegant, sie entfalten ihre Wirkung nur langsam – wirken dafür umso intensiver. «Rise» heisst der Song, der das Album eröffnet, was sich aufstellt sind die Nackenhaare der Zuhörer. Über schnippige Drum-’n’-Bass-Gerüste schmiegt Solange ihre Stimme wie ein samtenes Tuch. Auf ihrem mit dem Grammy ausgezeichneten Hit «Cranes In The Sky» klingt sie smooth wie einst Aaliyah, die Solange neben den Motown-Bands der 60er und 70er als ihren grössten musikalischen Einfluss nennt.

«A Seat at the Table» ist nicht nur ein musikalisches Statement, sondern auch ein politisches. Auf raffinierte Art schafft es Solange, intime Zeilen mit symbolischer Sprengkraft aufzuladen. Auf «Don’t Touch My Hair» etwa preist sie ihr krauses Haar als ihre Krone an und rechnet dabei mit aufgezwungenen Schönheitsidealen ab, während sie mit «F.U.B.U.» (For Us, By Us) der Black-Lives-Matter-Bewegung eine potente Hymne vorlegt. Immer wieder melden sich auf der Platte auch Mama und Papa Knowles zu Wort und sagen dabei kluge Dinge wie: «Für Schwarze zu sein, bedeutet noch lange nicht, gegen Weisse zu sein.»

Solange hat alle Songs auf dem Album selbst verfasst und (mit-)produziert, auch die Drehbücher ihrer Musikvideos stammen aus ihrer Feder. Die 31-Jährige nennt sich einen Kontrollfreak und wehrt sich gegen die negativen Konnotationen dieses Begriffs. Ihre Mutter habe ihr vorgelebt, unabhängig zu sein und die Dinge in die eigenen Hände zu nehmen, erzählte sie in einem Interview. Mit ihrer Musik will Solange mit dem Mythos aufräumen, dass schwarze Frauen nicht über ernste Themen sprechen können, ohne hysterisch zu werden und die Fassung zu verlieren.

Magnetische Bühnenpräsenz

Kontrolle – dieses Wort fällt einem auch ein, wenn man Solange auf der Bühne sieht. Sie nennt Beyoncé zwar ihr grosses Vorbild, präsentiert sich aber völlig anders. Wo die ältere Schwester mit furiosen Tanzeinlagen wie ein Wirbelsturm über die Bühne fegt, hat der Auftritt von Solange viel eher etwas von einem stillen, unendlich tiefen Gewässer. Auch ihm wohnt eine gewaltige Kraft inne, sie treibt Solanges hochpräzisen, makellosen Choreografien an und stattet die Sängerin mit einer magnetischen Bühnenpräsenz aus. Aus Angst, das kleinste Detail zu verpassen, trauen sich die 60 000 Konzertbesucher in Barcelona kaum zu blinzeln. «Schau dir diese Göttin an.»

Diese Wirkung dürfte sich nur noch verstärken, wenn Solange heute Abend in einem viel intimeren Rahmen am Montreux Jazz Festival auftritt. Begleitet wird sie dort vom britischen Soulsänger Sampha, mit dem sie «Don’t Touch My Hair» zusammen aufgenommen hat, sowie von Soullegende Erykah Badu. Macht sie so weiter, erklimmt auch Solange eines Tages den Musik-Olymp. Bereits hat sie sich aus dem Schatten ihrer berühmten Schwester ins Sonnenlicht katapultiert.

Solange. Live: Montreux Jazz Festival, heute, 11. Juli, 20 Uhr.

Aktuelle Nachrichten