Oper

Schwuler Opern-Guide: Sogar bei Richard Wagner gibt es Homoerotik

Richard Wagner - Tannhäuser "Einzug der Gäste" (Mariss Jansons)

Tannhäuser "Einzug der Gäste" (Mariss Jansons)

Sogar beim Richard Wagners Opern soll man schwule Aspekte finden können.

Rainer Falk schreibt den weltweit ersten Führer, der schwule Aspekte in Opern beleuchtet.

Oper ist eine abstrakte Kunstform. «Letzter Akt: Man singt. Sie ist bettelarm und am Sterben. Man singt. Sie hat nur noch wenige Stunden zu leben. Man singt. Da kommt er. Man singt. Umsonst. Man singt. Sie stirbt. Vorhang. Applaus», so beschrieb Manni Matter 1961 einen Besuch von «La Traviata». Für passionierte Operngänger ist Oper die höchste Bühnenkunst, die alles vereint: Musik, Sprache, Emotionen fügen sich zu einem berührenden Gesamtkunstwerk.

Rainer Falk ist so ein passionierter Operngänger. Der 46-jährige Literaturwissenschafter bringt es auf 70 Opernbesuche pro Jahr und hat festgestellt: Im Publikum sitzen viele Schwule – wie er selbst. Für Falk ist klar: Das Divenhafte, Artifizielle – singen, wo im realen Leben ganz anders kommuniziert wird –, die übergrossen Gefühle, das übergrosse Leid spreche vielleicht Schwule besonders an.

Deswegen arbeiten Falk, Mitherausgeber Sven Limbeck und der Querverlag Berlin am weltweit ersten schwulen Opernführer. Im September wird «Casta Diva» erscheinen. Rund 100 Komponisten und 150 Werke werden beschrieben. Und nein, sagt Falk, der herkömmliche Reclam-Opernführer tue es nicht.

Doch: Warum braucht es einen schwulen Opernführer? «Es gibt mehr als eine Zugangsweise zu einer Oper. Wir behaupten nicht, die endgültige Interpretation zu liefern. Unser Buch ist ein Angebot, schwule Aspekte in den Werken zu finden», erklärt Falk. Opern von schwulen Komponisten oder Librettisten. Opern, die schwule Geschichten erzählen. Opern, in denen Männer sich als Frauen verkleiden, in die sich dann Männer verlieben.

Der Querverlag war sofort von dem Konzept angetan. Falk holte weitere Autoren ins Boot: «Wir wollten eine Vielzahl an Stimmen.» Die Autorinnen und Autoren sind Musikwissenschaftlerinnen, Hobby-Operngänger, Dramaturginnen oder Journalisten. «Alle verbindet die Leidenschaft für die Oper und der spezielle Blick», sagt Falk. Und nein, die Autoren seien nicht alle homosexuell, sagt er, und lacht herzlich durchs Telefon.

Wagners Fliegender Holländer bekämpft seine Sexualität

Einer von ihnen ist Axel Krämer, 52. Er hat sogar eine Stiftung gegründet, die Jugendlichen oder Migranten Opernbesuche ermöglicht. Bei der Recherche ist er auf viel Neues gestossen. «Homosexualität hat trotz Tabuisierung ihre Wege gefunden, sich in verschlüsselter Form zu zeigen – man muss nur genau hinsehen und hinhören», sagt er. Wie in Wagners «Fliegendem Holländer». Er suche eine Frau für eine Scheinheirat, um von seinem Fluch erlöst zu werden. «Eine leidenschaftliche Beziehung zu seiner Auserwählten gibt das Libretto kaum her.» Der fliegende Holländer versuche, seine Homosexualität zu bekämpfen, weil sie von der Gesellschaft nicht toleriert werde.

Richard Wagner: Der fliegende Holländer "Steuermann lass die Wacht" Orange 12 juillet 2013

Ob bei dieser Lesart die Wagnerianer nicht Sturm laufen? «Wir haben ja keine Regieanweisungen geschrieben», sagt Krämer. Natürlich sei die Lesart subjektiv. Doch sie könne ganz neue Zugänge gewähren. Wie in «La Traviata» von Verdi. Violetta verkörpere eine sexuelle Aussenseiterin, also einen Typus Frau, mit dem sich schwule Männer seit je gerne identifiziert haben, sagt Krämer. Zudem leide Violetta an einer unheilbaren Krankheit – «damit hat sie eine ganze Generation schwuler Männer, für die HIV und Aids bis in die späten Neunzigerjahre eine existenzielle Bedrohung war, besonders angesprochen».

Das Nachschlagewerk erscheint zunächst als Paperback mit Schwarz-weiss-Fotos. Um eine hochwertigere Ausgabe mit Farbdruck zu finanzieren, haben die Herausgeber ein Crowdfunding gestartet. Über die Hälfte der benötigten 11 000 Euro haben sie schon gesammelt. Nun hoffen sie, dass viele Opernfans, ob hetero- oder homosexuell, diesen besonderen Opernführer unterstützen. Homosexualität soll auch in der Musikgeschichte sichtbar werden.

Eine Ode an die Homosexualität: Benjamin Brittens "Billy Budd":

EXTRAIT | Billy Budd « Billy enchaîné » Britten - Norwegian National Opera & Ballett

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