Wofür sie steht und wie sie aussieht, ist längst bekannt und in jedem Geschichtsbuch über Rock 'n' Roll nachzulesen. Und trotzdem sahen sie die Schweizer Rockfans am Montagabend zum ersten Mal in ihrer vollen Pracht: Die berühmte Mauer, Held und Antiheld in Roger Waters Rock-Spektakel «The Wall». Links und rechts von der Bühne war sie bereits aufgetürmt, als der ehemalige Sänger und Bassist von «Pink Floyd» um 20.15 Uhr die Bühne betrat und mit «In The Flesh» und «The Thin Ice» seine rund zweistündige Show startete.

«The Wall» ist das Hauptwerk in Roger Waters Karriere. Das Konzeptalbum aus dem Jahr 1979 erzählt die Geschichte von Pink, dem Alter Ego von Waters, mit dem er seine Isoliertheit von den Fans, seine Machtkämpfe mit der eigenen Mutter und das Gefühlschaos wegen seiner untreuen Ehefrau thematisiert. Die Mauer soll veranschaulichen, wie sich Pink immer weiter in sich selber zurückzieht und sich schliesslich komplett von der Aussenwelt abgeschottet hat.

Band verschwindet hinter der Mauer

Bühnenarbeiter stapeln im Verlaufe der Show im Zürcher Hallenstadion 400 Bausteine aus Pappe zu einer 30 Meter breiten und 10 Meter hohen Mauer, die etwa eine Tonne wiegt und am Ende des ersten Sets die komplette Band hinter sich versteckt, bevor sie am Schluss des Abends wieder in sich zusammenbricht. Eigentlich ein deprimierendes Konzept für einen Künstler, das aber die damalige Gefühlslage des Erschaffers ziemlich genau trifft.

Roger Waters war Ende der Siebzigerjahre kein netter Kerl. Er liess sich von niemandem etwas sagen, behandelte seine Bandkollegen wie sein Eigentum und bespuckte Fans von der Bühne, wenn diese ihm während seiner Gesangspassagen dazwischenjohlten.

Kein Wunder hatte die Rockoper damals vor Publikum nicht wirklich eine Chance. Als Tonträger verkaufte sich das Doppelalbum dafür über 30 Millionen Mal. Die Musik ist brillant. Obwohl sie dunkle Momente thematisieren, sind Waters Lieder nie aggressiv oder desillusioniert, sie haben im Gegenteil eine Strahlkraft, die bis heute anhält. Vor allem die Evergreens «Another Brick In The Wall (Part Two)» und «Comfortably Numb».

Lange Planung für Show

Das Problem war also Roger Waters. Die Vorstellung, wie sein Meisterwerk auf der Bühne aussehen sollte, war schlicht naiv. Vor 30 Jahren hatte fast keine Konzerthalle die Möglichkeiten, eine solche Riesenmauer aufzustellen. Gerade einmal in Los Angeles, New York, London und Dortmund konnte die Show gezeigt werden. Roger Waters musste bis heute warten, um seine Idee in die Welt zu tragen. Drei Jahre lang plante er diesen Höhepunkt seiner musikalischen Karriere.

Das Resultat ist beeindruckend. Eine riesige Pyroshow und ein Plastikflugzeug, das quer durch die Halle fliegt und hinter der Bühne in einer Explosion zerbirst, eröffnen die Show. Die immer grösser werdende Mauer bietet eine riesige Plattform, auf die im Verlaufe des Abends die berühmten Karikaturen des Briten Gerald Scarfe projiziert werden, beklemmend verzerrte Bilder von überdimensionalen schlaksigen Lehrern mit bösen Fratzen oder quallige Mutterfiguren mit pompös geschminkten Lippen. Auch der Dolby Surround Sound ist fantastisch, Helikopter- und Flugzeuggeräusche sowie Stimmengewirr fliegen den 9500 Zuschauern im Hallenstadion förmlich um die Ohren.

Vater starb im Ersten Weltkrieg

Waters hat die Kernaussage seiner Show der heutigen Zeit angepasst. «Die Botschaft steht jetzt auf einer breiteren Basis», sagte er im letzten Herbst dem Journalisten Brian Hiatt. Der Sänger hat verarbeitet, dass er seinen Vater nie kennen lernen konnte, weil dieser im Zweiten Weltkrieg fiel; Waters war ein halbes Jahr alt. Dass seine Mutter dominant war und seine Lehrer aus ihm einen Musterknaben machen wollten. Befreit von den Ängsten kümmert sich Waters jetzt um das Elend der Welt. Einspielungen von Kampfflugzeugen, die Dollarzeichen, Davidsterne oder das Shell Logo abwerfen, begleiten Songs wie «Goodbye Blue Sky».

Eigene Gefühle zeigt er hingegen nur noch am Rande. Ergreifend sind die Einspielungen von Kindern, die ihre vom Krieg heimkehrenden Väter wieder in die Arme schliessen während des Songs «Bring The Boys Back Home». Eine Szene, die Roger Waters für immer in seinem eigenen Leben vermissen wird. Das wirft ihn aber nicht mehr aus der Bahn, weil er mit «The Wall» am Ziel angelangt ist. Die lange Reise des Roger Waters hat ein Happy End.