Herr Engler, wie ist eigentlich zu erklären, dass Pur 1992 ungewöhnlicherweise mit einer Live-CD den Durchbruch schafften?

Hartmut Engler: Einige Lieder waren vorher schon oft im Radio zu hören, doch die Leute konnten sie noch nicht unbedingt mit einer Band namens Pur in Verbindung bringen. Die Mundpropaganda nach den Konzerten und die Tatsache, dass «Live» eine Art Best of unserer ersten zehn Jahre war, sorgten jedoch dafür, dass die Platte schnell Goldstatus erreichte. Die Überraschung in der Branche war riesig, da es uns ohne richtigen Single-Hit gelungen war.

Herrschte 17 Jahre nach der Bandgründung Genugtuung oder Euphorie?

Beides. Wir hatten ja nie gedacht, dass wir einen solchen Erfolg haben würden und - noch viel weniger -, dass es erst der Anfang war. Ich erinnere mich noch, wie wir nach der Party, an der wir unsere bis heute einzige Vinyl-Gold-LP gefeiert haben, in der Nacht nicht mehr ganz nüchtern zusammensassen und sagten: «So, egal was passiert, jetzt können wir uns irgendwann ins Privatleben zurückziehen und als Opas unseren Enkeln erzählen, dass wir ganz wilde Pop- und Rockmusiker und sehr erfolgreich waren!» (lacht)

Wie wurden Sie danach mit dem Erwartungsdruck fertig?

Das war zuerst kein Problem, da wir noch auf unserer Euphorie-Welle schwammen und dachten, dass alles, was jetzt kommen würde, eh nur eine Zugabe wäre. «Seiltänzertraum» ging locker von der Hand, stand zwei Jahre in der Hitparade und verkaufte sich 1,8 Millionen Mal. Danach glaubten wir, weiter ginge es nicht mehr, aber «Abenteuerland» hat alles gesprengt.

(Quelle: youtube/purVevo)

Pur singen «Der bestmögliche Versuch»


Zuvor mussten Sie jedoch eine Schreibblockade überwinden ...

Meine Spannung, was nach «Seiltänzer» kommen würde, war hoch, aber sie wurde noch höher, als Band und Plattenfirma anriefen und fragten, was ich mache und wie es denn aussähe mit neuen Songs - und ich komplett gar nichts in der Birne hatte. (lacht) Es hat wirklich einige Monate gedauert, bis die zündende Idee kam, aus dieser Schreibblockade einen Song zu machen. Ich dachte nach, was mich als kleiner Bub ausgezeichnet hat, und fragte mich, weshalb die Neugier und Fantasie flöten gegangen waren und wer mich aus diesem Loch herausholt. Der Trick war, zu sagen, dass nur der kleine Junge, der in mir selbst steckt, mich ins Abenteuerland zurückführen kann.

Ihre Rekorde sind im heutigen Musikgeschäft kaum mehr zu brechen. Was treibt Sie an?

Unsere Motivation ist, ein möglichst hohes Niveau zu halten. Wir haben glücklicherweise nie erlebt, dass unsere Plattenverkäufe ins Bodenlose fielen oder die Zuschauer ausblieben. Wir waren - das muss ich zugeben - zwischendurch mit einem langfristigen, sehr gut dotierten Plattenvertrag ausgerüstet, der etwas bequem machte. Die Jungs waren im Studio zwar immer noch hart am Arbeiten, aber die neuen Platten standen in jener Zeit nicht mehr im absoluten Zentrum meines Lebens. Seit dem letzten Album «Wünsche» teile ich mit der Band wieder das grosse Ziel, dass wir Musik machen wollen, welche die Menschen heiss auf unsere CDs und Konzerte macht.

Woran liegt das?

Einerseits verläuft mein Privatleben wieder in ruhigen Bahnen und anderseits hat der Weggang von Roland Bless nach menschlichen und musikalischen Differenzen dem Pur-Spirit gutgetan, obwohl eine Trennung nach so langer Zeit schmerzhaft war. Wir waren total hungrig, diese CD zu machen und haben sie komplett ohne Gastmusiker eingespielt. Das ist ein bisschen Back to the Roots. Wir werden 2013, wenn wir in den grossen Arenen auftreten, auch wieder im Tourbus unterwegs sein - nicht zu zweit oder zu dritt in Limousinen mit Chauffeur. Wir wollen wieder mehr Schweiss und Rock 'n' Roll!

Weshalb stand der Albumtitel «Schein & Sein» diesmal schon fest, ehe ein einziges Demo aufgenommen war?

Das war Zufall. Normalerweise beginnt man einfach an der Platte zu arbeiten und denkt erst über ihn nach, wenn man schon ein paar Lieder zusammen hat und Plattenfirma oder Konzertveranstalter endlich wissen wollen, wie er lautet. Oft nimmt man einfach den dominierenden Song. Diesmal kam mir die Idee jedoch beim Joggen mit Ingo. Er fand sie so grandios, dass er befürchtete, es müsse diesen Titel schon geben. Als wir ihn gegoogelt haben, wurden wir jedoch freudig überrascht.

Woran dachten Sie bei ihm spontan?

Im Showbusiness leben wir extrem im Spannungsfeld zwischen Schein und Sein. Mehr versprochen als gehalten wird jedoch auch anderswo; in der Werbeindustrie, im Supermarkt oder bei den Banken. Die erste Single «Der bestmögliche Versuch» handelt vom gegenseitigen Vertrauen, das wir brauchen, um gemeinsam etwas leisten zu können, obwohl wir manchmal enttäuscht werden. Wenn man auf die Nase fällt, muss man einfach wieder aufstehen. Und schon wären wir bei «Stark». Es ist fast ein Konzeptalbum!


Neben einer philosophischen Seite gibt es auch die «Rampensau» in Ihnen. Was zieht einen bodenständigen Schwaben wie Sie immer wieder ins Rampenlicht?

Ich verstehe das bis heute nicht, denn ich stamme nicht aus einer Künstlerfamilie und es kostet mich jedes Mal enorm viel Selbstüberwindung, trotz meines Lampenfiebers auf die Bühne hinaus zu treten. Wenn ich dort stehe, habe ich allerdings das Gefühl, genau der richtige Mann am richtigen Platz zu sein, und erlebe ein Glücksgefühl, das mit keinem anderen zu vergleichen ist. Es ist etwas Einzigartiges, verschwitzt von der Bühne zu steigen, wenn man die Leute begeistert hat. Unabhängig davon, ob du vor 500 Leuten in einem Club oder vor 50 000 Leuten in einem Fussballstadion aufgetreten bist - es ist wie ein Rausch!

Wie unterscheiden sich Ihre Gefühle während und nach dem Konzert?

Es ist eine wahnsinnige Konzentrationsleistung, über zwei Stunden immer am Ball zu bleiben, das Ganze im Auge zu behalten. Danach folgt eine komplette körperliche und seelische Entspannung. Und Euphorie. Es ist merkwürdig: Man könnte die Welt umarmen, ist aber gleichzeitig so kaputt, dass man nur noch in einen Sessel sinken will.

Sie kennen jedoch nicht nur Hochgefühle, sondern auch die Leere, gescheiterte Beziehungen und das Trostsuchen im Alkohol. Sind Sie an diesen Krisen gewachsen?

Wenn Sie einen Boxer fragen, der immer nur gewonnen hat, würde er vermutlich sagen, diesen einen K.-o.-Schlag hätte es nicht gebraucht, um ihn zu warnen. Andererseits fühle ich mich um eine unmissverständliche Erfahrung reicher. Ich bin gestolpert, weil ich mich überschätzt hatte. Auch ich muss hin und wieder Nein sagen, auf Dinge verzichten, bei der Party nicht unbedingt Letzte sein, nicht jeden Termin wahrnehmen, mir auch mal eingestehen, dass ich eine Pause nötig habe.

Wie geht es Ihnen heute? Sind Sie wieder ganz der Alte?

Der Alte kann ich nach dieser Erfahrung nicht mehr sein und ich möchte es auch nicht. Der Alte war derjenige, dem das passiert ist. Diese unfassbare Energie, das Gefühl «ich kann alles und kann alle mitreissen» ist angeknockt, um in der Boxersprache zu bleiben. Das hat mich demütiger gemacht und menschlicher im Umgang mit anderen. Ich kann bei ihnen jetzt Schwächen und Fehler besser akzeptieren, seit ich mich nicht mehr so stark fühle.

Haben Sie deshalb Ihrer neuen Lebenspartnerin kein herkömmliches Liebeslied gewidmet, sondern danken in «Jedes Mal» vor allem für ihre Unterstützung?

Ich denke, auch die Liebe verändert sich mit dem Alter und der Lebensphase, in der man steckt. Manche haben das Glück, diese ganzen Veränderungen mit einem Partner durchzumachen. Bei mir war immer eine andere Frau an meiner Seite, wenn sich mein Leben verändert hat. Ich hoffe, dass die aktuelle Phase dauert, bis wir die Pensionäre in «Parkbank» sind. Ich weiss, dass Katrin mich unglaublich unterstützt und für mich da ist. So kann ich mich ohne abgelenkt zu sein vollkommen auf das Zentrum meines Schaffens, auf die Musik, stürzen. Das ist eine schöne Entwicklung für mich.

Was hat Sie zum Lied «Sacre-Coeur» inspiriert?

Ingo hat mir ein Demo mit Klavier und ganz vielen Streichern gegeben. Ich habe zu ihm gesagt: Ich weiss nicht, ob die Platte solch ein Lied braucht. Es hört sich an wie Filmmusik, aber ich kenne den Film nicht, über den ich den Text zu deiner Musik schreiben könnte. Dann hat mich Katrin, die im Gegensatz zu mir ein grosser Frankreich-Fan ist, zum 50. Geburtstag zu einem Paris-Wochenende eingeladen.

Was haben Sie dort erlebt?

Wir marschierten hoch auf diesen Hügel, wo vor der Kirche ein Bettler stand, an dem wir einfach vorbeigegangen sind. Als wir nach der Messe, tief ergriffen durch das Spiel des Organisten, wieder an ihm vorbei kamen, stand er immer noch da mit seinen dunklen, matten Augen. Katrin sagte: «Ich muss ihm etwas geben und würde ihn am liebsten fragen, was geschehen ist.» Diese Veränderung in uns war hochinteressant. Als ich die Melodie zuhause nochmals hörte, viel mir dazu der Refrain «er sieht sie nicht, sie sehen ihn nicht» ein. Dann schrieb ich drum herum den Text über die Frage: Sind wir des Sehens würdig, nur weil wir das Augenlicht haben? Das sacre coeur, das heilige Herz, ist doch eigentlich das Organ, mit dem wir sehen sollten!

Berührend ist auch «Leonie Tamina».

Da stammt die Musik von Martin. Ich hatte sie im Kopf, als mein Blick auf das Kärtchen fiel, das mir die Mutter eines schwerstbehinderten Mädchens nach einem Benefizkonzert gegeben hatte. Als ich ihren Namen Leonie Tamina las, schien der schon zur Melodie zu passen und als ich dann auf ihrer Homepage las, «Leonie und ihr Tanz mit den Delfinen», machte es endgültig Klick. Ich habe Kontakt mit der Familie aufgenommen, bin nach Bremen geflogen und habe einen Tag mit ihr verbracht. Trotz all den schlimmen Schmerzen und Operationen, die Leonie auszuhalten hat, ist sie total lieb und fröhlich. Das war beeindruckend für mich, umso mehr, als mir ihre Eltern erzählten, dass sie mit Anfeindungen leben müssen, weil sie ihr Kind wollten, obwohl sie schon sieben Wochen vor der Geburt wussten, dass es anders sein würde.

Es gibt auf dem Album auch leichtere Themen wie das Lied über «Lucy». Was haben Sie mit Ihrer Katze schon erlebt?

Das bezieht sich hauptsächlich auf die Zeit, in der ich alleine gelebt habe. Die Katze auf dem Bauernhof, wo ich ab und zu Gemüse einkaufen gehe, hatte einen Wurf Junge. Lucy war so handzahm und süss, dass ich mir dachte, das kleine Knäuel nehme ich mit. Kurz darauf war sie meine einzige Gefährtin. Das Lied ist augenzwinkernd und etwas trotzig: Weil ich eine Katze habe, brauche ich keine Frau mehr, mit der ich reden muss, wenn ich keine Lust dazu habe ...

Pur haben die neue CD im Rahmen einer Ferienwoche auf Zypern vorgestellt, die man bei Aldiana buchen konnte. Ein neuer Höhepunkt Ihrer Fan-Nähe?

Vielleicht. Nach «Abenteuerland» hatten wir zurückstecken müssen, weil uns alles über den Kopf gewachsen war. 1996 zog ich um, weil das alte Haus sehr exponiert war und dauernd jemand bei uns klingelte, weil wir soviel Natürlichkeit und Normalität ausstrahlten, dass alle dachten: «Mit dem Hartmut kann man ja prima mal einen Kaffee trinken.» Ein normales Leben war nicht mehr möglich. Ich musste mich zurückziehen. Natürlich bin ich in der Öffentlichkeit ansprechbar, aber alles hat seine Grenzen. Diese Woche hier war super, weil 500 Fans noch eine überblickbare Zahl sind. Da konnte man auch wieder so spontan nett und nahbar sein wie man es gerne immer wäre und ihnen zeigen: Ihr habt euch nicht getäuscht. Wir sind wirklich auf dem Boden geblieben.