Sie hätten sich bei den Albumaufnahmen so frei gefühlt wie noch nie, sagt Gitarrist Winston Marshall, der zusammen mit Sänger Marcus Mumford, Bassist Ted Dwane und Keyboarder Ben Lowett seit nunmehr elf Jahren die Erfolgsband Mumford & Sons bildet. «Mehr denn ja hatten wir das Gefühl, dass es für uns und unseren Sound keinerlei Begrenzungen gibt.» Besonders glücklich ist er darüber, dass er im Gegensatz zum schnörkelarm rockenden Vorgängerwerk «Wilder Mind» wieder sein Banjo zur Hand nehmen durfte. «Es war ein wenig so, als würden wir uns nach vielen Jahren wieder neu in unsere alten Instrumente verlieben. Aber wir haben viele Tricks benutzt, deshalb sind manche Instrumente gar nicht direkt zu erkennen.»

Einfach ist es nicht, seinen Stil zu variieren und doch ganz bei sich zu bleiben, wenn man in einem relativ alten und gut abgehangenen Bereich wie der Folkmusik nicht nur tätig ist, sondern das gesamte Genre mithilfe des triumphalen Debütalbums «Sigh No More» von 2009 neu belebt hat. In den vergangenen Jahren haben sich die Männer, mittlerweile jenseits der 30 angekommen, mehr aufs Privatleben konzentriert, Frontmann Mumford etwa hat mittlerweile zwei Kinder mit der Schauspielerin Carey Mulligan.

Gekonnte Balance

Auf dem vierten Album, «Delta», hat sich das Londoner Quartett wirklich reingehängt, um gekonnt auf dem schmalen Grat zwischen Bewährtem und Ungewöhnlichem zu balancieren. Songs wie «Guiding Light» beinhalten Einflüsse aus Electronic, Jazz und sogar Rap, lassen unter der Regie von Produzent Paul Epworth die wie immer grandiosen Mumford-Melodien nicht aussen vor (unvergessen und unerreicht: «I Will Wait»). «If I Say», eine erst intime, dann anschwellende Streicher-Power-Ballade erinnert dabei am deutlichsten an Epworths berühmte Klientin Adele.

Und in den Songtexten? Hat eine leichte, aber nicht übertriebene Reife Einzug gehalten. Im Grunde waren die vier immer schon traditionsorientierte Seelen, jetzt sind sie alt genug, um ihre Neigung zum Pathos unverhohlen auszuleben. «Ich bin Vater geworden, das Leben bleibt nicht stehen», weiss Marcus Mumford, «und grosse Themen wie Liebe, Tod, Trost und Verzweiflung sind uns vieren näher denn je.» Selbstironisch wirft er noch ein: «Aber wirklich erwachsen werden wir frühestens auf dem nächsten Album.»

Mumford & Sons «Delta» (Island). Ab 16.11.