Mike Garsons Name ist den wenigsten vertraut, sein Klavierspiel hingegen schon. Der 73-jährige US-Amerikaner stand 40 Jahre lang im Dienst von David Bowie (1947–2016). Der grosse Sänger und Songwriter lässt ihn auch drei Jahre nach dessen Tod nicht los, denn was als einmalige Würdigung begann, ist zu einer speziellen Tributshow gewachsen.

Garson ist der musikalische Leiter von «A Bowie Celebration», einem Bühnen-Projekt diverser «Bowie Alumni», also ehemaliger Mitmusiker des britischen Superstars. Zu diesen gehören etwa die Gitarristen Earl Slick oder Mark Plati. Sie spielen Klassiker wie «Heroes», aber auch unbekanntere Bowie-Songs. Zum Abschluss ihrer Europatour kommt die Band am Freitag nach Zürich.

Mike Garson, welche Erinnerungen haben Sie an die Schweiz?

Mike Garson: Nur gute! Mitte der 90er-Jahre nahmen wir in Montreux das «Outside»-Album auf, in den Mountain Studios, die Queen gehört hatten. Da stand ein wunderbarer Steinway-Flügel. Ich liebte es, darauf zu spielen. Es war für mich eine der schönsten Studiosessions, weil wir wochenlang improvisieren, also frei spielen konnten. Am Ende setzten Produzent Brian Eno und David Bowie die Aufnahmen zu Songs und schliesslich einem Album zusammen.

In Montreux konnte man Sie auch mal in kleinerem Rahmen erleben: Mit Bowie spielten Sie vor 15 Jahren am Jazz Festival in intimerem Rahmen als sonst.

Ja, auch das habe ich in bester Erinnerung. Als Jazzmusiker wollte ich immer mal in Montreux spielen, möglich wurde es dann aber Jahrzehnte später, als Teil einer Rockband. Auf der Bühne rief mir Bowie spontan zu: Mike, spiel doch ein wenig Jazz! Also improvisierte ich rasch, ich glaube über Duke Ellingtons «Take The A’ Train». Es war ein grossartiges Konzert. Der Festivalgründer ... wie hiess er schon wieder?

Claude Nobs.

Ja, genau. Claude hatte David 20 Jahre lang bearbeitet. Er wollte ihn unbedingt am Festival haben und setzte alles daran, dass es klappte. Es war ein bemerkenswerter Tag, Claude war ein fantastischer Gastgeber in seinem Chalet. Der Zufall wollte es, dass David Sanborn an diesem Tag ebenfalls in Montrex weilte. Wir waren 30 Jahre zuvor gemeinsam auf Tour. David Sanborn war damals, zu Zeiten von «Young Americans», auch in David Bowies Band. Seither hatten wir uns nicht mehr gesehen. So sassen wir alle unverhofft zusammen an einem Tisch, es war wie ein Familienfest, mit einem Gourmet-Dinner.

Inwiefern?

Claude Nobs war ja ein passionierter Koch. Er bereitete ein Pilzgericht vor und fragte David Bowie, wer seiner Ansicht nach der beste Koch in der Schweiz sei. Da David lange Zeit am Genfersee gelebt hatte, kannte er sich aus und nannte einen Namen. Spontan entschied Nobs, den Spitzenkoch nach Montreux zu bestellen. Dieser mochte allerdings die vorhandenen Pilze überhaupt nicht. Er spie sie aus, zog von dannen und kehrte zwei, drei Stunden später zurück, mit exquisiten Pilzen. Es war ein sehr lustiger Abend.

David Bowie setzte 40 Jahre lang auf Sie als Pianist. Wie erklären Sie sich diese Verbundenheit?

Ich glaube, wir spürten uns sehr stark im kreativen Prozess. Beide mochten wir uns nicht lange in der Komfortzone aufhalten, wir variierten gerne, wollten vorwärtsgehen mit der Musik, mit uns selber. Das hatten wir immer gemeinsam.

Stimmt es, dass Sie gar nicht wussten, wer Sie da 1972 anrief und Ihnen einen Job anbot?

Ja, das ist wahr. Ich hatte keine Ahnung, wer dieser David Bowie ist. Sehen Sie, ich bewegte mich in der New Yorker Jazzszene, übte täglich acht Stunden, bis mir die Hände abfielen. Zudem bewegte ich mich in der klassischen Welt, von Beethoven über Rachmaninow bis Strawinsky. Aber David Bowie war mir nicht bekannt.

Wie kamen Sie zu diesem Engagement?

Durch Zufall. Ich hatte auf dem Soloalbum der Musikerin Annette Peacock gespielt, David liebte dieses Album. Als er nach Amerika kam, fragte er sie, ob sie als Pianistin verfügbar sei. Sie sagte Nein, aber empfahl mich. So erhielt ich den Anruf: Er fragte mich, ob ich acht Wochen auf Tour kommen könne.

Was damals eine Abwechslung war?

Für mich? Absolut. Und dabei blieb es ja nicht. In dieser Phase, zwischen 1972 und 1974, trat David mit fünf Bands auf. Er feuerte alle Musiker – bis auf mich.

Warum blieben Sie verschont?

Weil ich mich stilistisch anpassen konnte. Im Kern hielt uns nicht die Freundschaft zusammen, sondern die gemeinsame musikalische Neugierde, die Lust, uns weiterzuentwickeln.
Tony Visconti, der viele Bowie-Platten produziert hat, erzählte mal, dass er nie wusste, ob und wann David Bowie ihn wieder anrufen würde. Er habe sich selten in die Karten blicken lassen.
Ja, das stimmt. Auch ich wusste nie, ob mich David wieder für ein Projekt anfragen würde. Mindestens zehn Mal dachte ich: Das wars. Am Ende aber warens dann über 1000 Konzerte. Er war mir gegenüber sehr loyal.

Bis zuletzt?

Ja. Noch drei Monate vor seinem Tod sprach Bowie mit dem Produzenten Brian Eno darüber, endlich die Fortsetzung von «Outside» zu machen, diesem experimentellen Album, das wir in Montreux aufgenommen hatten.

«Outside» war ursprünglich als Auftakt einer Trilogie vorgesehen.

Genau. Und David wollte es vollenden. Ich wäre auch wieder dabei gewesen. Doch dann kam die Nachricht, dass er gestorben sei.

Sie haben nicht nur einen Arbeitgeber und Freund verloren, sondern vor wenigen Wochen auch Ihr Haus in Kalifornien. Es brannte Ende 2018 in der Feuersbrunst nieder. Haben Sie etwas retten können, abgesehen von Ihrem Leben?

Nein. Mein Studio, meine Keyboards, zahlreiche Ton- und Filmdokumente wurden innert weniger Sekunden vom Feuer vernichtet.

Sahen Sie das Feuer kommen?

Wir wurden einen Tag vorher evakuiert und mussten auf einem lokalen TV-Sender mit ansehen, wie unser Haus niederbrannte. Es war ein riesiges Desaster. Ich habe alles verloren, was ich besass, unter anderem auch seltene Beethoven-Noten, die ich sammelte. Und natürlich unzählige unveröffentlichte Bowie-Aufnahmen. Leider hatte ich längst nicht alle digitalisiert und in die Cloud raufgeladen. Aber wir müssen dankbar sein: Denn unsere ganze Familie lebt noch.

Wie geht man mit dem Verlust all seiner Erinnerungsstücke um?

Ich habe mich entschieden, wie bei einem Computer einen Reboot zu machen. Es ist nicht einfach, aber man muss ein solches Unglück hinter sich lassen. Noch schwerer hat es aber meine Frau getroffen. Wir sind seit 50 Jahren verheiratet, sie hütete das Haus, während ich auf Tour war, zog unsere Töchter gross und hat nun alles, seien es Briefe, Fotos oder Erinnerungsstücke, verloren.

Das muss furchtbar sein.

Ja, schon. Nach dem Brand hatte ich zwei Optionen: Unsere kommende Europa-Tour mit «A Bowie Celebration» abzusagen oder mich zusammenzuraufen und die Konzerte zu geben. Im ganzen Schock fiel es mir nicht leicht ... aber ich kam zum Schluss, dass ich vorwärtsschauen musste. Jetzt, auf Tour, merke ich, dass dies die richtige Entscheidung war.

Die Konzerte lenken sicher auch ab. Wer wird eigentlich David Bowies Stimme ersetzen?

Gleich drei Männer, unter anderem Corey Glover, der Sänger von Living Colour, und Bernard Fowler, der jahrelang bei den Rolling Stones die Backing Vocals sang … Es braucht ein halbes Dorf, um Bowies Lieder auf die Bühne zu bringen.

Wen die Bowie-Fans im Line-up vermissen werden, ist Gail Ann Dorsey, die Bassistin, die mit David Bowie und Ihnen lange auf Tour war.

Ja. Ich hatte sie angefragt, aber sie ist seit einigen Jahren in Lenny Kravitz’ Band und konnte deshalb nicht mit uns auf Tour kommen. Wir sind aber immer noch befreundet, und es kam auch schon vor, dass sie unverhofft auftauchte und einige Songs mitsang. An ihrer Stelle spielt Carmine Rojas Bass. Er hat auf «Let’s Dance» mitgewirkt, war in den 1980ern Teil der Bowie-Band und hat seither unter anderem für Rod Stewart und Joe Bonamassa gearbeitet. Er wird Gail würdig ersetzen.

A Bowie Celebration: Volkshaus, Zürich. Freitag, 1. Februar, 20 Uhr.