«Pronto», meldet sich eine freundliche Stimme in der knisternden Leitung. Sie gehört dem Stardirigenten Riccardo Chailly, Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra sowie der Mailänder Scala. Dass Signor Chailly Musiker mit Leib und Seele ist, merkt man auch im Gespräch, weil er Fragen am liebsten mit Musik beantwortet.

Riccardo Chailly, Sie und die Filarmonica della Scala spielen am Lucerne Festival Ostern Tschaikowsky, Schostakowitsch und Strawinsky. Warum ein italienisches Orchester, ein italienischer Dirigent, aber russische Musik?

Riccardo Chailly: Wir setzen uns schon die dritte Saison mit dem russischen Repertoire auseinander, vor allem mit Tschaikowsky, Rachmaninow und Schostakowitsch. Es ist eine anstrengende Zeit, aber künstlerisch sehr befriedigend. Etwas davon wollen wir nach Luzern mitbringen.

Besteht eine Verbindung zwischen der russischen und der italienischen Kultur?

Man kann die Wichtigkeit der russischen Musik in Europa kaum hoch genug bewerten. Sie ist eine Musik, die unglaublich kraftvoll und machtvoll ist.

Das klingt nicht nur positiv.

Schauen Sie Tschaikowskys zweite Sinfonie an, die wir in Luzern spielen. Sie ist ein verkanntes Meisterwerk: Mit dem Temperament des jungen Tschaikowsky, aber einer Reife und Meisterschaft im Bereich der Orchestration. Das ist pure Schönheit, der man sich kaum entziehen kann.

Daneben spielen Sie auch Ballettmusik von Strawinsky und Opernmusik von Schostakowitsch, also extrovertierte, theatrale Werke. Wie passt das zu einem sakral-vokalen Festival?

Man könnte beide mit einem gemeinsamen Untertitel versehen: Volksmusik. Beide sind voll davon. Schon der erste Takt von Tschaikowsky beginnt im Horn mit einer Volksmelodie aus Russland ...

... aus der Ukraine, das man damals Kleinrussland nannte.

Damals gehörte es zu Russland. Auch Petruschka ist eigentlich eine Abfolge von russischen Melodien. Man hat es hier mit einer ursprüngliche Form von Reinheit zu tun, und da ist vokal-sakral nicht so weit davon entfernt. Und vergessen Sie nicht, die Filarmonica della Scala ist ein Theaterorchester. Dieses Orchester hat einen besonderen Sinn dafür, musikalisch zu erzählen.

Herbert von Karajan hat gesagt, ein Orchester sei nur komplett, wenn es beides mache: Oper und philharmonische Konzerte. Was lernt man im Orchestergraben?

Zuallererst: Einander zuhören. Wenn man nicht ständig auf die Sänger hört, wird man nie zusammen sein. Vor allem aber bleiben der Stil und Inhalt der Musik ohne Sinn. Diese Hypersensibilität, diese Fähigkeit, der Melodie, der Singstimme zuzuhören, ermöglicht dem Orchester mit der Zeit, im Kollektiv unglaubliche Flexibilität zu erreichen.

Wie ein Vogelschwarm oder ein Fischschwarm?

Ganz genau. Der Puls der Musik fliesst zwischen 90 Musikern, weil sie zusammen atmen. Wenn man mit einem solchen Orchester aus dem Orchestergraben in einen Konzertsaal geht, bringt man eine neue Dimension mit.

Sie sind mit der Scala aufgewachsen, stehen Sie lieber auf einem Konzertpodium oder im Orchestergraben?

Ich mache am liebsten beides. Ich bin Musikdirektor der Scala sowie der Filarmonica della Scala. Das ist ein Doppeltitel mit doppelten Möglichkeiten. Wenn wir in Luzern auftreten, stecken wir mitten in den Proben zu Don Pasquale, das wir im April in Mailand aufführen.

Sie proben in Luzern schon Don Pasquale?

Nein, nein. Wir fahren zuerst noch zurück nach Mailand.

Sie haben einmal gesagt, Sie seien selten einverstanden mit Opernregisseuren. Ist das Lucerne Festival eine Hintertür, um theatrale Musik zu spielen, aber ohne störenden Regisseur?

Das würde ich so nicht sagen. Luzern ist aber einer der besten Konzertsäle in Europa und eines der besten Festivals weltweit. Es ist grossartig, hier mit der sinfonischen Musik an deren Grenzen zu gehen.

Und zu Hause an der Scala?

Wenn ich eine Oper aufführe, versuche ich immer mit Regisseuren zusammenzuarbeiten, die einen wirklichen Dialog zwischen Szene und Musik zulassen. Das scheint auf den ersten Blick nur logisch. Aber heutzutage streben Regisseure und Dirigenten manchmal in völlig verschiedene Richtungen.

Weil sie versuchen, die Musik ins Heute zu übersetzen? Klassische Musik kommt ja aus einer anderen Zeit mit anderem gesellschaftlichen Hintergrund.

Man muss den geschichtlichen Hintergrund eines Stücks oder einer Oper studieren und sich damit auseinandersetzen, um fähig zu sein, den Sinn in die heutige Zeit zu transportieren. Wir müssen uns bewusst sein: Wir haben es mit Musik, mit Oper zu tun!

Dort ist die Erfahrung der Zeit völlig anders als im realen Leben.

Ganz genau. Und darüber hinaus: Oper braucht auch Zeit zum Entstehen. Man muss sie als eine Verbindung verschiedener Künste denken. Natürlich muss man die Oper unbedingt erneuern, ich will alles andere, als dass sie altmodisch ist. Aber immer mit Respekt gegenüber der Musik. Manche Regisseure vergessen das und gehen einfach ihren Weg. In der Meinung, das sei ein Objekt, das komplett ihrer Interpretation unterliegt. Das ist falsch!

Sie kommen diesmal mit der Filarmonica della Scala nach Luzern, Sie sind aber auch Chefdirigent des Lucerne Festival Orchestra. Was ist der Unterschied zwischen diesen Orchestern?

Das Lucerne Festival Orchestra ist im strengen Sinn kein Orchester. Es ist ein Projektorchester, geformt aus den besten Musikern weltweit. Wir treffen uns zweimal jährlich. Das ist eine einzigartige Situation: Die Erwartung von Musikern und Dirigent ist, auf allerhöchstem Level zu musizieren. Da ist aber auch die individuelle Bravura der einzelnen Instrumentalisten. Für mich ist das eine Herausforderung – weil es einen riesigen Unterschied in der Persönlichkeit gibt.

Sind die beiden Orchester wie zwei verschiedene Kinder von Ihnen?

Nie würde ich es wagen, sie als Kinder zu bezeichnen. (lacht) Es sind exzellente Erwachsene, die sich ganz und gar in die Sache hineingeben, ohne das leiseste Anzeichen von Routine, aber mit 200 Prozent Leidenschaft.

Das Lucerne Festival an Ostern hängt mit dem christlichen Osterfest zusammen. Sie sind in einem katholischen Land aufgewachsen ...

Ich bin in einem katholischen Land aufgewachsen. Aber vergessen Sie nicht, dass ich als junger Dirigent vor 19 Jahren in Mailand eine lutheranische Tradition etabliert habe: Wir haben jedes Jahr an Ostern Bachs Matthäus- oder Johannes-Passion aufgeführt. Leider sind wir in letzter Zeit etwas davon abgekommen. Umso wichtiger finde ich es, dass diese Werke in Luzern aufgeführt werden.

Heutzutage gehen Menschen an Ostern selten in die Kirche. Dafür in ein Konzert mit Passionsmusik. Ist Musik ein Ersatz für Religion?

Ich sehe sie nicht als Ersatz. Tatsächlich ist Musik aber eine spirituelle Inspiration. Sie nimmt einen mit auf eine sehr tiefe Reise in den ursprünglichsten Sinn der Religion. Wenn man die Passionen von Bach hört: Der Text ist so kraftvoll und so wichtig, er enthält buchstäblich die Geburt der ganzen Menschheit. Und diese göttliche Musik, die ein geradezu himmlisches Genie geschrieben hat – das ist absolut Musik für die Unendlichkeit.

Die jeder und jeder empfindet?

Mit welchem religiösen Hintergrund man sich auch eine Bach-Passion anhört – man geht immer erfrischt und inspiriert in den Alltag zurück.