30 Minuten: So viel kürzer ist James Blakes neues Album «Assume Form» im Vergleich zu seinem 2016er-Werk «The Colour in Anything». Versuchte der britische Popsänger mit dem einprägsamen Timbre vor drei Jahren noch, seine Zuhörer mit Quantität auf seine Seite zu ziehen, setzt er nun wieder auf Reduktion – und das besonders im Klang.

Ohne grosse Vorankündigung erst vor wenigen Tagen offiziell bestätigt, erblickt das vierte Album des zwischen Pop und Electro changierenden Wunderkinds heute Freitag das Licht der Welt. Derartige Überraschungen gehören im Musikbusiness mittlerweile zum guten Ton. Doch kommt jemand wie der 30-jährige Blake mit solchen Songs um die Ecke, steht alles für einen Moment still und wird ein Ohr riskiert.

Weniger Maximum

Bei «Assume Form» stellt sich schnell heraus, dass diese Erwartungshaltung in allen Belangen erfüllt wird. Einerseits hat Blake nach seinem üppigen Ausflug in experimentelle Gefilde nun wieder den Song im Fokus und knüpft etwa mit dem auf dezenten Pianoklängen aufbauenden Titeltrack wieder an seine Anfänge an. Er scheint insgesamt weniger dem selbst gesteckten Maximum entgegenzustreben. Nicht mehr besser, grösser, eingängiger ist die Devise, sondern die Fokussierung auf das Wesentliche.

Andererseits beweist er ein ausgezeichnetes Händchen für die richtigen Kollaborateure: So werden seine zarten Worte in «Mile High» von Rapper Travis Scott begleitet. Wie auch das folgende «Tell Them» wurde dieser Track von Metro Boomin produziert, und der US-Amerikaner bettet Blake in einen Klangkosmos, der sich aus dem Hip-Hop speist, aber ebenso gut auf einer Massive-Attack-Platte ein Zuhause finden würde. Ein kleiner Hall hier, ein paar Handclaps dort: Es sind meist simple Dinge, die grosse Effekte erzielen.

Ganz zu schweigen von den weiteren Stimmen: Neo-Soul-Sänger Moses Sumney harmoniert mit seinem Falsett wunderbar mit Blakes mal dunkel schwebendem, dann wieder sich ins ätherische Nichts verflüchtigenden Ausdruck. Das Duett «Barefoot In The Park» mit der Katalonierin Rosalía lässt ein kaltes Feuer lodern, und «Where’s The Catch?» mit Tausendsassa Andre 3000 zerfällt fast in seine Einzelteile, bevor der minimalistische Beat doch noch Fahrt aufnimmt und man sich als Hörer in Wortkaskaden und Melodien verliert.

Kein falsches Entgegenkommen

Konventionell ist Blake immer noch nicht. Allerdings hat der in London geborene Musiker, der bereits vor acht Jahren mit seinem selbstbetitelten Debüt für Schlagzeilen sorgte, diesmal einen Zugang gefunden, der gleichermassen nachvollziehbar wie fordernd ist. Wenn er in «I’ll Come Too» kurz nach kitschiger Unterhaltungsmusik klingt, ist das nun ebenso passend wie der lupenreine Pop von «Into The Red», der sich gängigen Mechanismen dennoch erfolgreich in den Weg stellt. Musik für Streamingportale, Lieder für die Charts, ein kleines Entgegenkommen für die Plattenfirma? Hat er einfach nicht nötig.

Lieber kocht Blake weiterhin sein eigenes Süppchen, veröffentlicht die Platte im Unterschied zu vielen Kollegen (vorerst) nicht auf Vinyl, sondern nur als CD sowie über die gängigen digitalen Plattformen. Als Anheizer haben ein paar Fährten in der Online-Welt ohnehin ausreichen müssen, bloss nicht zu viel des Guten. Auf «Assume Form» liegt er mit dieser Herangehensweise zu 100 Prozent richtig.(SDA)

James Blake «Assume Form», Polydor.