Klassik

Julia Kaiser: «Junge Hörer sind unvoreingenommen»

Wer ist ein guter Teamplayer? Beim Davos Festival treten junge Musiker auf – und junge Reporter berichten darüber. ZVG

Wer ist ein guter Teamplayer? Beim Davos Festival treten junge Musiker auf – und junge Reporter berichten darüber. ZVG

Ist Musikjournalismus wirklich so anders als Sportreporter zu sein? Beim Projekt «Davos Festival Junge Reporter» können Jugendliche genau das ausprobieren. Wie, das haben wir Julia Kaiser gefragt. Sie leitet den Workshop in Davos.

Frau Kaiser, wieso braucht gerade die Klassik-Szene junge Reporter?

Julia Kaiser: Weil sich junge Hörer unvoreingenommener mit Musik auseinandersetzen. Sie bringen ihre Jetztzeit-Erfahrung direkter in das Hören und in das Interpretieren des Gehörten ein. Dabei ist es egal, ob diese jungen Leute schon selbst ein Instrument spielen oder ob sie zum ersten Mal Klassik hören — alle sind wichtig.

Und wieso brauchen junge Reporter klassische Musik?

Weil klassische Musik ein guter Einstieg in emotionale Gespräche ist. Es geht ja nicht nur um die technische Umsetzung der Musik, oder um den Gebrauch eines Instruments, oder um den Bau einer Komposition. Über Musik zu sprechen, führt oft ins Philosophische und manchmal sogar ins Politische hinein.

Was fällt den jungen Reportern denn so zu klassischer Musik ein?

In Interviews mit Musikern gehen sie oft erst einmal von ihren ersten Eindrücken aus und stellen dann ganz grundsätzliche Fragen: Warum wird dieses laut und jenes leise gespielt? Woher weiss der Musiker, was der Komponist will? Warum schliesst ein Musiker beim Spielen die Augen? Dabei merke ich immer wieder, wie spannend es auch für die Musiker selbst ist, von einem unerfahrenen Zuhörer auf die Basics zurückgeworfen zu werden.

Aber da beim Davos Festival viele junge Künstler aus aller Herren Ländern teilnehmen, geht es auch um die Fragen des Aufwachsens in den jeweiligen Ländern, um Schul- und Musikausbildung — eben um all das Abtasten und Vergleichen ganz verschiedener Lebenswelten. Auch für die Musiker ist es manchmal das erste Interview, auch sie schulen ihre Kommunikationsweise. Ein sehr befruchtender Dialog – für beide Seiten.

Kommen nur Jugendliche nach Davos, die ohnehin schon mit dem Klassik-Virus infiziert sind?

Nein, das ist ganz verschieden. Manche spielen bereits ein Instrument und wollen lernen, das, was sie bei der Musik empfinden, auch mit Worten auszudrücken. Bei anderen ist es genau umgekehrt: Sie schreiben gerne, können aber mit klassischer Musik erst einmal wenig anfangen. Aber diese Mischung macht es gerade spannend.

Wie sieht denn ein Tag bei den Jungen Reportern aus?

Wir haben am Vormittag eine Redaktionssitzung. Dort besprechen wir, was am Tag läuft, wer wo spielt und probt, wo man welchen Künstler treffen könnte. Dann teilen wir uns rasch auf, Journalisten sind ja Einzelkämpfer. Aber wichtig ist: Die jungen Reporter sind nicht separiert, sondern Teil des Festivals, wie die jungen Musiker auch. Die Musiker proben und geben Konzerte, die Jungen Reporter berichten darüber. Manchmal gibt es gemeinsame Wanderungen, man trifft sich auf ein Glas Cola — es gibt viele Berührungspunkte, und so entstehen auch die besten Geschichten.

Wo erscheinen dann die Berichte?

In der lokalen «Davoser Zeitung», und auf der Website des Festivals. Und für unsere Kulturkorrespondenten aus Basel gilt: Die besten Texte erscheinen in der bz.

Wer darf sich bei Ihnen als Kulturkorrespondent oder -korrespondentin bewerben?

Wir suchen junge Leute, etwa zwischen 15 und 20 Jahren, die neugierig sind, ihren Leserinnen und Lesern zu Hause von ihren Erlebnissen beim «Davos Festival Young Artists in Concert» zu berichten. Die Jugendlichen werden auf Einladung des Festivals untergebracht, es entstehen also keine Kosten. Aber ich betrachte die Jugendlichen als Kolleginnen und Kollegen, mit denen ich zusammenarbeite — es hat nichts mit Ferienbetreuung zu tun.

Was ist denn Ihre Motivation, diesen Workshop zu geben?

Ich arbeite bereits seit vielen Jahren als Musikjournalistin und bin nach wie vor sehr begeistert von meinem Beruf. Und ich möchte Jugendlichen zeigen, dass man auch schon als junger Mensch etwas zu Musik zu sagen hat. Vielleicht hat man mit 15 noch nicht so viel Hörerfahrung, dafür kann man oft die überraschenderen Fragen stellen.

Was war Ihr schönstes Erlebnis in der Arbeit mit den Jungen Reportern?

In meinem ersten Jahr in Davos war eine 13-jährige Reporterin dabei. Sie raunte mir in einem Konzert nach dem Blick ins Programmheft zu: «Boah, das Stück soll jetzt 35 Minuten dauern, das halte ich nicht aus!» Hinterher aber sagte sie: «Das ist so schnell vergangen, ich war wie in einer wunderschön schillernden Seifenblase, wie in einer Traumwelt. Schade, dass es vorbei ist.» Es war das erste Klavierquartett von Johannes Brahms, das sie so verzaubert hatte.

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