Er wirkt fast ein wenig kahl und lieblos, dieser Eckraum ganz am Ende eines langen, schmalen Ganges in der Musik-Akademie Basel. Ein Flügel, ein Plakat an der Wand, ein Schrank und ein paar Stühle. Das wars.

Ein müder Teppich und fleckige Vorhänge dominieren das Bild. Hier wollte es sich niemand gemütlich einrichten. Hier geht es ganz um den flüchtigen Moment, der in der Musik steckt. Nichts lenkt ab, nichts dient als Zuflucht, nichts wirkt bequem. Ausser das kleine grüne Paradies jenseits der grosszügigen Fenster.

28 Jahre lang hat Ivan Monighetti hier unterrichtet. Von hochbegabten Kindern bis zu Meisterschülern absolute Konzentration verlangt und musikalische Höhenflüge angestrebt. Unterricht bedeutet für ihn Beweglichkeit der Ideen, ganz im Moment und der Situation zu leben.

Hier haben Stunden mit Sol Gabetta stattgefunden, seiner erfolgreichsten und bekanntesten Schülerin, die mittlerweile seine Assistentin geworden ist. Und auch mit Kian Soltani, der kürzlich den Credit Suisse Young Artist Award erhalten hat und mit seinen 25 Jahren derzeit zu den jungen Hoffnungsträgern der Szene gehört. Beide sind seit Kindesbeinen in seiner Obhut gewesen. Beide werden beim Gala-Konzert am 14. Juni mit ihm auf der Bühne stehen.

Rückkehr in die Heimat

Mit 42 Jahren kam Monighetti nach Basel. «Das war Liebe auf den ersten Blick» schwärmt er über die Stadt und spricht von einer Rückkehr in die Schweizer Heimat. Sein Urgrossvater Ippolito Monighetti, der als Architekt am Hofe des Zaren in Moskau gewirkt hat, stammte aus dem Tessin.

Neben der Aura, die Ivan Monighetti als einen der letzten Schüler des legendären Cellisten Mstislaw Rostropowitsch umgibt, brachte er vor allem ein strenges Arbeitsethos mit, wie er betont: «Am wichtigsten ist das Talent zur Arbeit.»

Dabei ist er selbst wohl durch eine der härtesten Schule gegangen. Rostropowitsch zählte in den 1950er und 60er Jahren zu den berühmtesten Musikern der Sowjetunion, bis er sich schliesslich mit der Staatsführung überwarf. 1970 hatte er dem Literaturnobelpreisträger und Dissidenten Alexander Solschenizyn Asyl auf seiner Datscha geboten. 1974 wurde er zum Exil genötigt, verlor gar seine Staatsbürgerschaft.

Bis zu dieser Ausreise war Monighetti sein Student am Moskauer Konservatorium. Rückblickend hat er es in seinem Buch «Mstislav Rostropovich: Cellist, Teacher, Legend» so beschrieben: «Sein Unterricht glich der Arbeit eines brillanten Dirigenten mit einem erstklassigen Orchester. Von der ersten Stunde an wurde die absolute Bereitschaft vorausgesetzt, neue unendlich vielfältige musikalische Ideen in sich aufzunehmen und den Schaffensprozess gemeinsam zu gestalten.»

«Über den Studenten ergoss sich eine Kaskade bildhafter Vergleiche und Assoziationen – musikalisch, künstlerisch, plastisch, geschmacklich, sinnlich. Das alles musste augenblicklich begriffen, verarbeitet und – auf dem Cello wiedergegeben werden!» Wer nicht folgen konnte, wurde verspottet. Und das nicht im stillen Kämmerchen, sondern vor Publikum und mit laufenden Aufnahmegeräten.

Der Mann im Hintergrund

Neben Monighetti zählen so grosse Namen wie Jacqueline du Pré und Mischa Maisky zu den Studenten von Rostropowitsch. Im Vergleich ist Monighetti, trotz weltweiter Karriere innerhalb der Szene, eher ein Mann im Hintergrund. Was auch damit zu tun hat, dass er nie bei einer grossen Agentur oder Plattenfirma unter Vertrag war.

Umso akribischer hat er sich dem Unterrichten gewidmet, wie er erklärt: «Die Wandlung eines hochtalentierten Kindes zu einem Künstler, ist untrennbar mit der Entwicklung seiner Persönlichkeit verbunden. Es ist eine Form von ’La creazione dell’uomo’ wie sie Michelangelo in seiner Freske in der Sixtinischen Kapelle festgehalten hat.»

Es gehe um mehr als nur Cellounterricht. «Das Wichtigste ist, eine Freundschaft aufzubauen und die gemeinsame Liebe zur Musik zu entwickeln, um sich auf die unendliche, musikalische Reise zu begeben.»

Sol Gabetta trat diese Reise bereits mit zehn Jahren an, lernte eigens dafür russisch. Sie hat den Prozess im Magazin «The Strad» so beschrieben: «Monighetti war mein musikalischer Vater, der mich zehn Jahre lang geformt hat. Er war darum besorgt, wie viel ich täglich arbeitete, wie oft ich ins Museum ging, warum ich dieses französische Repertoire spielte, warum ich nicht in jene Monet Ausstellung ging, was ich ass, was ich las. Es war umfassende Bildung.»

Kleine Mozarts wecken

Doch was passiert mit Kindern, die nicht so begabt sind? Monighetti legt Wert darauf, dass es vor allem auf die Affinität zur Musik ankommt, die könne Wunder bewirken: «Mein erster Lehrer, der wunderbare Alexander Fedorchenko, sagte immer, in jedem Kind sei ein kleiner Mozart versteckt. Man müsse diesen Mozart nur finden, aufwecken und fördern.»

Wie gut ihm diese Erweckung gelungen ist, davon kann man sich am 14. Juni beim Galakonzert im Musical-Theater Basel überzeugen. Unter dem Titel «Monighetti & Friends» werden neben dem Sinfonieorchester Basel bis zu 20 Cellisten gleichzeitig auf der Bühne sein. Das Programm hat er entsprechend dem Raum ausgewählt. Es soll das Cello in seinen vielfältigen Facetten zeigen. Von Rossini, über Saint-Saëns bis Offenbach, sowie dem Chef-d’œuvre des Brasilianers Villa Lobos: «Modinha» für Orchester und Cello.

Monighetti freut sich: «Am Ende wird es eine Überraschung geben, das Cellokonzert des umstrittenen Österreichers Friedrich Gulda in einer etwas theatralisierten Fassung mit mehreren Solisten und einem Stilmix aus Jazz, Pop, Romantik und stilisiertem Barock.»

Ganz geschlossen wird die Basler Cello-Star-Schmiede übrigens noch nicht. Im Rahmen der School of Excellence an der Musik-Akademie wird Monighetti weiterhin unterrichten. Ausserdem hat er Professuren an den Hochschulen in Madrid und Lichtenstein.
Sein Lebensmittelpunkt bleibt in Bottmingen und sein zu Hause die Musik, ohne Bequemlichkeit, in all ihrer Dynamik und Flüchtigkeit.

«Monighetti & friends» 14. Juni, 19.30 Uhr, Musical Theater Basel