Musik
Ian Constable: «Und ja, das Opernhaus soll brennen»

Der Zürcher Musiker Ian Constable veröffentlicht nach «Lüütlis Ahsuuge!» sein zweites Album «D Schwiiz isch schön». Im Interview spricht er über die SVP, warum das Opernhaus brennen soll und weshalb er kein Baschi sein will.

Sven Zaugg
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Er trägt sein Herz auf der Zunge, redet ohne Punkt und Komma. Ian Constable, der eigentlich Oliver Müller heisst, landete 2008 mit seinem ironischen Abgesang auf die Zürcher Hippster-Szene einen Hit. Drei Jahre später sitzt er im Restaurant Nordbrücke, einer Quartierbeiz in Wipkingen, spricht über Schweizer Politik, warum Kunst Unterhaltung ist – und über sein neues Album.

Oliver Müller, Sie landeten vor drei Jahren mit Ihrer Persiflage auf die Zürcher Hippster-Szene «Hippiekacke» einen Achtungserfolg. Was hat sich seit damals verändert?

Oliver Müller: Es ist verrückt. «Hippiekacke» war sozusagen ein Wendepunkt. Dass das Stück einschlug wie eine Bombe, hatte ich nicht erwartet. Motiviert vom Erfolg entwarf ich das Konzept für mein erstes Mundart-Album «Lüütlis Ahsuuge!», schrieb moderne Lieder, Lieder über Zürich, über das Leben – frech sollte es sein. Und auf einmal setzte der Erfolg ein, auf einmal hatte ich ein Publikum, das mir zuhörte.

Gab es auch Momente, in denen Sie «Hippiekacke» verfluchten?

Oh ja. Es gab Momente, da hats mich richtig angekotzt, dieses Lied zu spielen. Alle wollten nur noch «Hippiekacke». Aber – und das ist der entscheidende Punkt – ich habe diesem Lied unheimlich viel zu verdanken. Und nach wie vor stehe ich hinter dem Stück, eigentlich ist es richtig gut. Interessanterweise hab ich bereits lange bevor ich «Hippiekacke» schrieb, eine Handvoll Songs auf Englisch aufgenommen. Aber das haute nicht hin, ich wurde nicht wahrgenommen. Ich musste, nein, ich wollte mich also verändern.

Sie mussten sich neu orientieren, sagen Sie. Mundart statt Englisch. Das tönt nach Gefälligkeitsmusik ...

Sobald man auf einer Bühne steht, ein Album veröffentlicht, ist die Haltung «ich mache nur, was ich will» einfach lächerlich. Wenn man Musik nur für sich macht, sollte man seine Ergüsse am besten für sich behalten und niemanden damit belästigen. Ein Künstler soll unterhalten. Damit ich unterhalten kann, muss ich gezwungenermassen Musik produzieren, die beim Publikum ankommt. Und trotzdem: Alle Lieder sind meine Schöpfungen. Der wirtschaftliche Effekt ist Nebensache.

Sie sind ja ohnehin weit davon entfernt, von Ihrer Musik leben zu können ...

Damit gehe ich sehr nüchtern um. Ich will von meiner Musik nicht leben wollen – ich will kein Baschi sein. Täte ich das Gleiche, würde ich mich verkaufen. Grossmütter und Kinder gehören ohnehin nicht zu meinem Zielpublikum.

Auch die SVP scheint nicht zu Ihrem Zielpublikum zu gehören. Gewisse Exponenten bekommen auf dem aktuellen Album gehörig ihr Fett ab. Was stört Sie so dermassen an dieser Partei?

Die SVP gaukelt dem Mittelstand allerlei vor: Dass sie sich für die Anliegen des kleinen Mannes einsetzen würden, dass sie ehrlich, transparent und geradlinig seien. Das stimmt einfach nicht. Sie haben derart viele Grossunternehmer in ihren eigenen Reihen, die unheimlich viel Macht besitzen und genau für diese Bonzen setzt sich die SVP ein. Gesetze, die dafür sorgen würden, dass sozial Benachteiligte und einfache Arbeiter finanziell entlastet werden wie beispielsweise bei den Krankenkassen, bekämpft die SVP vehement. Mit völlig perfiden Diffamierungen und Falschaussagen verarschen sie die Gesellschaft. Das ist verlogen.

Darum wollen Sie dem Zürcher SVP-Politiker und Gemeinderat Mauro Tuena «eis ad Schnurre haue»?

Das ist natürlich augenzwinkernd gemeint. Natürlich könnte man auch mit dem Tuena ein Bier trinken gehen.

Er soll sehr umgänglich sein ...

Absolut. Das glaube ich auch. Wenn ich singe, «und am Mauro Tuena eis ad Schnurre haue», meine ich damit seine Politik. Er «haut doch au jedem eis ad Schnurre» mit dem, was er sagt. Diesen Typen habe ich jährlich gefühlte fünfzig Mal in meinem Briefkasten. Dort lese ich dann, dass er dieses und jenes scheisse findet. Er schiesst seine Giftpfeile gegen alles, was nicht seinem Weltbild entspricht. Darum geht es.

Sehen Sie sich selbst als politischen Liedermacher?

Ich habe mir vorgenommen, politischer zu werden, weil mich der Rechtsrutsch in der Schweiz irritiert.

Auch das Opernhaus soll brennen, singen Sie. Eine Referenz an die Opernhauskrawalle?

Interessanterweise habe ich keine Vorbilder aus dieser Zeit – in musikalischer Hinsicht zumindest. Klar, das Opernhaus soll brennen ist ein Zitat aus «Züri brännt». Dass das Opernhaus auch heute noch so viel Geld kassiert, stösst mir sauer auf.

Wissen Sie, wie hoch die jährlichen Subventionen sind?

75 Millionen Franken. Das Opernhaus kriegt heute mehr Geld als damals in den Achtzigern. In der Roten Fabrik streicht man gleichzeitig permanent die Subventionen zusammen.

Was haben Sie gegen die Oper?

Ich habe nichts gegen die Oper. Aber abgesehen davon fühle ich mich vom Programm nicht wirklich angesprochen. Zum 7000. Mal «Zauberflöte», hallo!? In diesem Haus fault das geilste Equipment vor sich hin. Die müssen einfach ihr Budget erreichen, damit sie nächstes Jahr wieder gleichviel kriegen oder mehr – das ist doch völlig absurd. Es ist richtig, dass das Opernhaus Subventionen erhält. Aber: Es geht um eine gerechte Verteilung.

Und wer genau müsste das Geld dann bekommen?

Gute Frage. Ich sitze in keinem Fördergremium und habe nicht darüber zu bestimmen. Und ja, das Opernhaus soll brennen, denn es verbrennt jedes Jahr 75 Millionen Franken. Es gibt zahlreiche Theater- und Musikprojekte, die mehr Geld bekommen sollten.

Bleiben wir beim Geld – nämlich beim Schwarzgeld. Die Schweiz sei immer zuvorderst auf der Welt, vor allem beim Selbstmord und beim Schwarzgeld, lautet eine Liedzeile auf Ihrem aktuellen Album – ziemlich zynisch.

Es geht noch weiter: «Eusä Stolz isch nur en Bschiss, mir nänneds schlicht Bankgheimnis». Die Schweiz hat einen unglaublichen Standortvorteil durch das Bankgeheimnis. Das ist doch ein «Wettbewerbsbschiss». Und was machen wir? Wir sind stolz auf unser Bankgeheimnis. Wir sind stolz auf etwas, das faul ist.

Sie singen von einer verlogenen Gesellschaft ...

Jein. Es gibt genug Leute, die das Bankgeheimnis kritisieren. Wir sind zu gutgläubig: In der Schweiz ist alles wunderschön, alles so toll – aber eben: Wir sind eigentlich gar nicht so geil, wie wir denken.

Ian Constable «D Schwiiz isch schön». Sounds & Media GmbH.