Künzlis Playlist

Hohepriester des Voodoo-Rock: die Magie des Dr. John

Dr. John ist im Alter von 77 Jahren gestorben.

Auf dem Klavier ein Totenschädel, daneben der «Gris-Gris»-Stock, die Zauberkrücke. Er schmückte sich mit Federn, Katzenknochen und Schlangenhäuten. Hokuspokus gehörte bei Dr. John, dem Hohepriester des Voodoo-Rock, dazu. Seine Grossmutter habe Gegenstände schweben lassen, und auf dem Friedhof sei ihm der Geist der Voodoo-Hexe Marie Lavaux erschienen. Wie viel davon Flunkerei war, ist unerheblich. Unbestritten ist, dass am 6. Juni mit Dr. John der glaubwürdigste weisse Botschafter der Traditionen der Musikhauptstadt New Orleans 77-jährig gestorben ist.

Sein Debüt «Gris-Gris» von 1968 war zwar kein kommerzieller Erfolg. Der geisterhafte Sound mit psychedelischen Elementen und Second-Line-Rhythmen der Mardi-Gras-Paraden war aber einzigartig und schaffte es im «Rolling Stone» immerhin auf Platz 143 der «500 grössten Alben aller Zeiten». Der Erfolg stellte sich erst mit «Dr. John’s Gumbo» (1972) und vor allem mit «In the Right Place» (1973) ein. Dabei verzichtete er auf die psychedelischen Rockelemente und verschrieb sich stattdessen dem musikalischen Erbe seiner Heimatstadt. Mit «Iko Iko» interpretierte er einen berühmten Karneval-Song, und «Such A Night» und «Right Place, Wrong Time» wurden zu seinen grössten Chart-Erfolgen.

Seine Stimme klinge wie die eines «riesigen Ochsenfroschs mit Mandelentzündung» schrieb der «New Musical Express» über Dr. John und meinte das durchaus anerkennend. Grösser war aber seine Bedeutung als Pianist, die der Tradition von New Orleans, mit Pianisten wie Professor Longhair, Fats Domino und Huey «Piano» Smith verpflichtet war. Deutlich wurde das in einer Sammlung von Stücken wie «Memories Of Professor Longhair» Anfang 80er-Jahre, bei denen er sich allein auf dem Klavier begleitete.

Dr. John gewann im Lauf seiner langen Karriere sechs Grammys. Zum Beispiel 1989 für eine Version des Standards «Makin’ Whoopee» mit Ricky Lee Jones. Dazu 1992 für «Goin’ Back To New Orleans» und 2012 für «Locked Down». Einem breiten Publikum wurde er bekannt durch die Zusammenarbeit mit Disney bei den Filmen «Hundertundein Dalmatiner» 1996 (Cruella DeVille) und The Princess And The Frog 2009 («Down In New Orleans). Rest in Peace, Dr. John! Wir werden deine Magie und deinen Hokuspokus vermissen.

I Walk On Guilted Splinters (1968)

Iko Iko (1972)

Junco Partner ( 1972)

Big Chief (1972)

Such A Night (1973)

Right Place, Wrong Time (1973)

Memories Of Professor Longhair (1981)

Tipitina from Zu Zu Man (1989)

Makin’ Whoopee (1989)

Goin’ Back To New Orleans (1992)

There Must Be A Better World Somewhere (1995)

Cruella DeVille (1996)

Down In New Orleans (2009)

Sweet Home New Orleans (1998)

Creole Moon (2001)

St. James Infirmary (2004)

Ice Age (2012)

Autor

Stefan Künzli

Stefan Künzli

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