Es waren Jahre des «künstlerischen Durcheinanders», wie Sänger und Gitarrist Franz Treichler sagt. Acht lange Jahre. Der Sample-Grossmeister Al Comet, der den Sound der Young Gods zusammen mit Treichler prägte, verliess die Band und wollte sich neu orientieren. Ermüdungserscheinungen machten sich bemerkbar. Wie sollte es weitergehen?

In dieser Phase des Umbruchs erinnerte sich Treichler an Gründungsmitglied Cesare Pizzi, den Sample-Pionier aus frühen Tagen. Nach seinem Ausscheiden 1988 arbeitete er als Computer-Wissenschafter. «Computer, Meta-Daten und Algorithmen, das ist meine Welt», sagt der 61-jährige Freiburger, der über die Jahre nah am Puls der elektronischen Musik geblieben ist und die rasante Entwicklung der Sampling-Technik, der synthetisch produzierten Sounds und der Computer-Musik verfolgte.

Musikgeschichte geschrieben

The Young Gods gehören zu jenen wenigen Schweizer Musikern, die mit ihrem Post-Industrial, einer avantgardistischen Spielart des Rock, in den späten 80er- Jahren einen wichtigen Beitrag zur internationalen Musikgeschichte geleistet haben. Namhafte Bands und Musiker wie Mike Patton (Faith No More) und Trent Raznor (Nine Inch Nails) beziehen sich auf die Musik der Götter.

«Viele Leute wünschen sich, dass wir wieder so klingen wie in diesen Anfangszeiten», sagt Schlagzeuger Bernard Trontin (57), der seit 1997 dabei ist. Für Avantgardisten vom Schlage der Young Gods konnte das aber keine Option sein. «Das wäre ein Rückschritt gewesen. Wir wollten etwas Neues kreieren», so Trontin.

Die Gelegenheit zum Neustart bot sich am Jazzfestival in Cully vor drei Jahren, wo die auf Trio-Format geschrumpfte Band in einem Weinkeller ein offenes Labor einrichtete. «Wir wussten nicht, wohin es gehen würde», sagt Treichler. Mit Sampler, Laptop, Schlagzeug, Bass und Gitarre legten die drei einfach los und vertrauten auf den Moment der Inspiration, der spontanen Eingebung und des befruchtenden Zusammenspiels: auf Improvisation und Interaktion. «Das Publikum kam und ging. Wir fühlten uns nicht verpflichtet, ein fertiges Produkt zu präsentieren. Es war äusserst stimulierend», sagt Treichler weiter. Es war die Geburt des Albums «Data Mirage Tangram», die Geburt der neuen Young Gods.

Neu war also nicht nur die Besetzung, neu war vor allem der Ansatz. «Bisher sind wir mit vorgefertigten Ideen, Beats und Sounds der einzelnen Bandmit- glieder ins Studio gegangen und haben dann versucht, daraus etwas zu kreieren», erklärt Trontin den Vorgang. «Diesmal haben wir, zum ersten Mal überhaupt, in Kollektivarbeit etwas entstehen lassen.» Und Cesare Pizzi ergänzt: «Wir hatten keine Strukturen, keine Lyrics, keine Melodielinien – nichts. Wir sind keine Jazzmusiker, aber der kreative Prozess fand in der Improvisation statt, so wie es Jazzmusiker machen.»

Mit den Mitteln der Improvisation

Die Improvisation als Prinzip der Kreation beschäftigte The Young Gods schon länger, schon beim Vorgängeralbum «Everybody Knows» (2010). «Wir wollten improvisieren, wussten aber nicht, wie wir das umsetzen sollten», erinnert sich Treichler. «Ich kann mit Samplern nicht improvisieren», sagte damals Al Comet. Heute ist die Technologie gemäss Pizzi flexibler, schneller. Improvisation ist möglich.

Keine Angst, die neuen Götter spielen keinen Jazz. Aber: «Die Improvisation hat uns die Fenster für neue Möglichkeiten geöffnet», sagt Treichler. Das Fenster in die Gegenwart der Young Gods. Franz Treichler, der einst am Konservatorium klassische Gitarre studierte, hat sich bei den neuen Young Gods die elektrische Gitarre umgeschnallt und singt heute deutlich weniger. Eine Folge der Improvisation: «Im improvisatorischen Entstehungsprozess war es einfacher Gitarre zu spielen. Deshalb ist der Gesang, die Stimme etwas in den Hintergrund geraten», sagt er. Dazu ist sein rauer Flüstergesang etwas sanfter geworden. Die Stimme wird als Teil des Gesamtsounds eingesetzt.

Interessant ist, wie sich die Rolle der Gitarre bei den Young Gods verändert hat. Die massiven, mehrfach übereinandergeschichteten Gitarrenriffs aus dem Sampler waren das Markenzeichen der Young Gods. «Guitars from nowhere», Gitarren aus dem Nichts. Sie erzeugten einen grossen Überraschungseffekt, weil die Klampfen ja nicht sichtbar waren, aber mit einer solchen Präzision und Wucht reproduziert wurden, wie sie nur mit dem Sampler möglich war. «Das Element der Überraschung war mit der Zeit aber keine Überraschung mehr», sagt Treichler. Deshalb hat die Gitarre heute vor allem melodische Funktion, Treichler spielt und sampelt sie selber.

Die Musik fliesst

Im Vergleich zu «Everybody Knows» hat «Data Mirage Tangram» keine klassischen Songstrukturen und orientiert sich stärker an der elektronischen Musik als am Rock. «Beim längsten Stück des Albums, ‹All My Skin Standing›, haben wir versucht, Strophe und Refrain reinzubringen. Es hat aber nicht geklappt», erklärt Treichler. Stattdessen hat sich das Trio für das Repetitive entschieden. Es lässt die Musik fliessen und treibt die Band voran. Zu neuen musikalischen Ufern, in eine noch unbekannte Zukunft.

The Young Gods «Data Mirage Tangram» (Two Gentlemen/Irascible). Live: 21. 3., Les Docks Lausanne; 19. 4., Salzhaus Winterthur; 20. 4., Czar Fest Basel; 26. 4., Dachstock Bern.