Klassik

Glanzstunde am Lucerne Festival: Merken Sie sich den Namen Gražinytė-Tyla!

Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla  am Lucerne Festival. Peter Fischli

Dirigentin Mirga Gražinytė-Tyla am Lucerne Festival. Peter Fischli

Die junge Dirigentin bescherte dem Lucerne Festival eine Glanzstunde mit dem City of Birmingham Symphony Orchestra.

Sie hatten schon recht. Marilyn Monroe, Maria Callas und Le Corbusier, als sie sich Künstlernamen zulegten. Tatsächlich riecht unser Grosshirn förmlich den Braten beim klingenden Monroe, während es bei Baker (so Marilyns amtlicher Name) auf Durchzug schaltet. Auch Callas lässt die Synapsen im Gegensatz zu Kalogeropoulou auf Hochtouren laufen – von Herrn Jeanneret-Gris’ neuer Identität als Le Corbusier gar nicht zu sprechen.

Den synaptischen Turbo hochfahren sollte man neuerdings auch beim Künstlernamen Mirga Gražinytė-Tyla – zugegebenermassen nicht ganz so eingängig wie Callas, dafür umso treffender. Denn das «Tyla», das Mirga Gražinytė 2012 an ihren genuin zungenbrecherischen Nachnamen hängte, meint in ihrer Muttersprache Litauisch «Stille» oder «Ruhe». Exakt das ist es, was die zierliche Person umgibt, nicht zu verwechseln mit einem Schweigen – das wäre Mirga Gražinytė-Tylas Dasein als Dirigentin auch radikal abträglich.

Doch als die junge Frau am Montagabend mit Elgars berühmtem Cellokonzert, Rachmaninows berüchtigter dritten Sinfonie und Peteris Vasks berührendem «Cantabile» die Bühne des KKL betritt, strahlt sie etwas Besonderes aus: eine Ruhe, die gleichzeitig Funken sprüht und von einem tiefen Eins-Werden erzählt: mit sich, mit der Musik, ja der ganzen Welt. Die sichtbare Verbindung zwischen Welt und Dirigentin schaffen deren blosse Arme. Sie zeichnen ein veritables Ballett in die Luft, mal in Form ausladender Wellen, mal als Heben von Luft- und damit von Klangmassen, mal als spektakulär losgelöstes Spiel von Rechts und Links, bei dem Gražinytė-Tyla hier eine Phrase zu Ende dirigiert, während sie dort bereits die neue Gangart vorgibt.

Kein Wunder, folgt ihr das City of Birmingham Symphony Orchestra mit geradezu verschwörerischem Vertrauen. Denn, apropos Wunder, Gražinytė-Tyla ist nichts weniger als eine wunderbare Musikerin.

Ihr Orchester war es, das einst Simon Rattle und Andris Nelsons zum Chef wählte – und beide in den Dirigenten- olymp katapultierte. Auch bei der amtierenden Chefdirigentin stehen die Zeichen auf Abflug. Hatte die 31-Jährige letztes Jahr inmitten namhafter Dirigenten aufhorchen lassen, ist sie heuer noch an einem anderen Punkt ihrer künstlerischen Entwicklung: Unter ihren Händen wird nicht nur «Cantabile» ihres Landsmanns Peteris Vasks (*1946) zu einer Glanzstunde des Festivals, sondern allem voran Edward Elgars Cellokonzert.

Raus aus der Schmonzettenkiste

Als profaner Festlandeuropäer steckt man das Werk ja gern ein wenig zu tief in die Schmonzettenkiste. Dabei weiss jeder Brite, dass es schlicht das beste Cellostück der Welt ist. Gražinytė-Tyla muss nicht einmal Britin sein, um das Publikum quasi mit eigenen Ohren davon zu überzeugen. Atemberaubend schön ist unter ihrer Leitung der Klang, zart die Melodien, und unerhört kammermusikalisch der Dialog zwischen Orchester und Solist Gautier Capuçon. Der trägt übrigens auch seinen Anteil dazu bei, dass man in Luzern das Werk ganz neu hören kann, wenn er die irrwitzigen Spiccatopassagen mit französischer Coolness meistert, während er das repetierte Thema herzzerreisend singen darf. Und dass in der zweiten Konzerthälfte selbst Mirga Gražinytė-Tyla bei aller Schönheit im Detail kein Wundermittel gegen die massige Wucht von Rachmaninows dritter Sinfonie zur Hand hat, ist kaum eine Enttäuschung wert. Schliesslich will man ab sofort jeden einzelnen Entwicklungsschritt dieser zauberhaften Musikerin einzeln geniessen. Da kommt einem eine Portion offenes Potenzial gerade gelegen.

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