Dieter Ammann; «Wittener Tagen für Neue Kammermusik»
Geburt in Witten, erste Atemzüge bald in Luzern

Der Schweizer Komponist Dieter Ammann stand bei den Wittener Tagen für Neue Kammermusik im Fokus - am Sonntag wurde sein Violin-Kammerkonzert «unbalanced instability» von der Stargeigerin Carolin Widmann uraufgeführt.

Torsten Möller
Drucken
Teilen

Claus Langer

Einen dubiosen Ruf hat sie, die zeitgenössische Musik. Ihre Dissonanzen verschrecken noch immer, weitere Probleme bereiten ihre Brüche und ihre labyrinthischen Klang- oder Geräuschspuren. Man kann nicht sagen, dass Dieter Ammann eingeschüchtert ist von vielen Vorbehalten gegenüber zeitgenössisch Klingendem. Ganz im Gegenteil: Munter pflegt er zu schöpfen aus dem grossen Fundus avantgardistischer Mittel. Hörbar Spass hat er an den vielen Ausdruckgesten zeitgenössischer Musik. Sein neustes Werk «unbalanced instability» würzt er mit reichhaltigem Schlagwerk, mit Mikrotönen, mit vielen aparten Instrumenten-Kombinationen und manchmal auch mit schwer entwirrbaren Klangknäueln.

Aber manchmal hält Ammann auch inne und blickt zurück, dieser hochsympathische Komponist, dieser 1962 in Aarau Geborene, der nun zu Gast ist bei den renommierten Wittener Tagen für Neue Kammermusik als Improvisator und Schöpfer kleiner wie grösser besetzter Werke. Und dort wurde am Sonntag «unbalanced instability» uraufgeführt. Plötzlich kommen in diesem Violin-Kammerkonzert tonale Stellen zum Vorschein, die komischerweise gar nicht falsch klingen inmitten dieser schräg-dissonanten Klangwelt. Manchmal riecht es da etwas nach Gustav Mahler, obwohl Ammann freimütig bekennt, dass er dessen Musik kaum kenne und sich vor allem für die Musik nach 1950 interessiert. Dessen ungeachtet tauchen kurze Gesten auf, die an die freie Atonalität eines Alban Berg erinnern. Mit der klassisch-virtuosen Solokadenz kurz vor dem Ende geht die Reise dann noch viel weiter zurück. Blicke in den Rückspiegel also auch: hier zum Violinkonzert des 18. und 19. Jahrhunderts.

Bewundernswert, wie Ammann all diese gesuchten oder einfach unbewusst wirkenden Einflüsse vermengt, wie er sie dann noch amalgamiert, wie er also die ungeheuren Fliehkräfte seiner Materialien quasi bändigt. Vielleicht liegt es daran, dass er es als versierter Jazzer gelernt hat, mit abrupten Brüchen umzugehen, das geradezu Chaotische einzubinden in letztlich doch Schlüssiges. Vielleicht liegt es aber auch an der ganz und gar nicht jazzigen Arbeit am Schreibtisch. Es kann schon mal vorkommen, so berichtet Ammann, dass er einen ganzen Tag über drei Takte grübelt. Das ist eben der Preis, den man dafür bezahlt, nichts von vornherein festzulegen, sich also leiten zu lassen von der blossen Intuition oder von der – wie Thomas Meyer im Programmheft schreibt – «Energie des Moments».

Dreizehn Monate hat Ammann gesessen an dieser «unbalanced instability». Solch lange Schaffenszeit steht nicht nur in ungünstigem Verhältnis zur Aufführungsdauer von 20 Minuten, sondern auch zur Probenzeit eines grösseren Orchesters. Mehr Probentage hätten dem WDR-Sinfonieorchester Köln ganz offenbar gutgetan. Viel zu selten vermag es den Pfaden Ammanns zu folgen. Probleme haben die lustlos agierenden Streicher mit dieser eigentümlichen Direktheit und Lebhaftigkeit Ammann’scher Prägung. Bedauerlich ist das nicht nur wegen Ammanns unermüdlicher Arbeit, sondern auch, weil Carolin Widmann als Geigensolistin eine wunderbar quicklebendige Partie spielt. Jederzeit zeigt sich die Spezialistin für zeitgenössische Klänge als Meisterin ihres Fachs. Auf den Punkt kommen rhythmisch heikle Pizzikati, mühelos gehen der jungen Geigerin die rasanten Läufe der Solokadenz von der Hand. Das Wichtigste aber: Carolin Widmann trifft im Gegensatz zu ihren Kollegen hinter ihr den Ton dieser ebenso rätselhaften wie mitreissenden «unbalanced instabilitiy» – eines Violinkonzerts, das ein Nachleben auch über die kommende Aufführung in Luzern am 7. September 2013 verdient hat.

Aktuelle Nachrichten