Ist es vorbei, noch bevor es angefangen hat? Das Antrittskonzert als Intendant des Davos Festivals liegt noch vor ihm, und nun vermeldet Oliver Schnyder bereits, die Festivalleitung nach nur einer Ausgabe niederzulegen.

Ein überstürzter Abgang? Gar unüberlegte Planung? Ganz im Gegenteil, wie Schnyder gegenüber dieser Zeitung erklärt. Hinter dem frühen Rücktritt stecke eine frühzeitige Planung: «Am Davos Festival gilt das Antrittsjahr als Probejahr. Ich hätte bis zum letzten Festivaltag im August 2019 Zeit gehabt, einen Rücktritt anzumelden, was das Festival allerdings in Schwierigkeiten gebracht hätte. Darum entschied ich mich, den Schritt so früh zu kommunizieren.»

Bereits in den kommenden Wochen wird sich eine Findungskommission treffen, um den nächsten Intendanten spätestens im März 2019 bekannt geben zu können. Parallel hat das Davos Festival in gegenseitigem Einvernehmen die Begründung von Schnyder kommuniziert: «Ich habe in den letzten Monaten gespürt, dass mir die Aufgabe ein Commitment in einer Intensität abverlangt, dem ich mit meinen professionellen Ansprüchen nur auf Kosten meiner angestammten künstlerischen Tätigkeit nachkommen kann. Ich sah mich daher gezwungen, mich an meine Prioritäten zu erinnern», ist in der gestrigen Medienmitteilung zu lesen.

Aufhorchen lässt die Begründung dennoch. Zumal diese beim erst letztjährigen Rücktritt von Schnyders Vorgänger Reto Bieri ganz ähnlich geklungen hat. Der Klarinettist hat das Davos Festival von 2013 bis 2018 geleitet und ebenfalls geltend gemacht, für seine Karriere als Interpret und Lehrer neben der Festivalleitung nicht genügend Zeit zu haben.

Das wirft die Frage nach Sinn und Unsinn eines Künstlerintendanten auf, wie es das Davos Festival für sich beansprucht. Ist dieser zu sehr Künstler, ist er zu wenig Intendant. Und ist er zu sehr Intendant – hat er keine Zeit für die Kunst. Zu dieser Frage allerdings mag sich Schnyder nicht äussern: «Es ist nicht an mir, sie zu beantworten. Aber das Davos Festival stellt sie sich immer wieder – und beantwortet sie bisher positiv: Man will hier wirklich einen Künstler, der aktiv ist. Denn ein solcher ist immer auch ein Festivalmagnet für Musiker und Publikum.»

Lenzburgiade bleibt

Also alles ganz logisch. Oder doch nicht? Dass der Pianist gemeinsam mit seiner Frau, der Geigerin Fränzi Frick, vor rund einem Monat die Leitung des Aargauer Festivals Lenzburgiade übernommen hat, erscheint im Kontext seines aktuellen Rücktritts als Widerspruch. Wie sehr hängen die beiden Intendanzen zusammen? «Zu null Prozent», erklärt Schnyder voller Überzeugung.

Schliesslich unterschieden sich die Festivals in Struktur und Planung deutlich: «Das Davos Festival präsentiert ein programmatisches Konzept mit 60 Kon-

zerten, die alle aufeinander Bezug nehmen, während bei der Lenzburgiade an acht Tagen je zwei Konzerte stattfinden, die eigenständige Einheiten sind. Die beiden Festivals sind nicht miteinander vergleichbar, was die Intensität der Konzeptarbeit angeht.» Gerade deshalb gefährde sein Rücktritt als Intendant des Davos Festivals in keiner Form seine Ko-Intendanz bei der Lenzburgiade – «zumal dort meine Frau Fränzi Frick die Knochenarbeit macht», erklärt der Pianist mit hörbarem Schalk in der Stimme.

Überhaupt: Von Ressentiments ist bei Schnyder nichts zu spüren. Er habe sich mit den höchsten Erwartungen an sich selbst in dieses Abenteuer gestürzt, das ihm entsprechend viel abverlangt habe: «Ich habe den Anspruch, eines der besten Festivals zu machen», erklärt er. Und es schwingt ehrliche Begeisterung mit, wenn er meint: «Das Davos Festival 2019 hat das Potenzial, eine ganz grosse Edition zu werden.» Junge Solisten wie Yulianna Avdeeva (Piano) oder Nils Mönkemeyer (Viola) werden zum ersten Mal als Mentoren jüngerer Kollegen präsent sein. Auch András Schiff ist mit von der Partie sowie der Autor Alain Claude Sulzer als Chefredaktor des Festival-Magazins.

Darauf freut sich Oliver Schnyder, der durch seine Konzertreihe Piano District bereits einige Erfahrung als Veranstalter vorweisen kann: «Für mich soll es ein einmaliges Erlebnis bleiben», meint er. Und es ist schön, dass man diese Aussage auf zwei Arten verstehen kann.