«Wir haben die Macht, die Gesellschaft zu verändern», sagte Janelle Monáe vor einem Jahr an den Grammy-Verleihungen und läutete ein Popjahr ein, das rund um den Globus geprägt war von der Debatte um #MeToo, für die Gleichberechtigung von Frauen und gegen Sexismus, Ausbeutung und sowieso – gegen Präsident Donald Trump. Es gab auch reaktionäre Ausfälle wie jene der deutschen Rapper Kollegah und Farid Bang, doch in seiner grossen Mehrheit nahm Pop eine emanzipatorische Rolle ein. «2018 war ein Jahr des Protests. Ein Jahr, in dem sich Pop und Politik trafen wie lange nicht mehr», schreibt das Magazin «Rolling Stone» in seinem Jahresrückblick.

Diese politische Sensibilität manifestiert sich auch im Mutterland des Pop, in Grossbritannien. Dort lehnen sich wütende Stars wie Bob Geldof, Ed Sheeran, Rita Ora, Roger Taylor und Damon Albarn gegen den Brexit auf. «Es ist eine verdammte Katastrophe», sagte kürzlich auch Sängerin Skin von Skunk Anansie. Sie ist überzeugt, dass die Musik «zusammen mit anderen Künsten zu einer Stimme für die Jugend» werde, die den Brexit abwenden könne.

In Frankreich haben die Gilet jaunes sogar ihre eigenen Chansons, «Die Franzosen sind unglücklich. Emmanuel – du lügst uns an. Das französische Volk findet dich zum Kotzen. Wir lassen uns nicht länger verarschen», heisst es in Chansons, die in den sozialen Medien millionenfach angeklickt werden und die unzufriedenen Franzosen auf die Strasse treiben.

Hausfrauen-Pop statt #MeToo

In Deutschland sind Udo Lindenberg, Campino und Herbert Grönemeyer zu den Wortführern des Protests geworden. Andere Musiker wie Casper, Materia und Kraftklub ergriffen sogar die Initiative und organisierten im September in Chemnitz das Festival #Wirsindmehr. Über 65 000 Menschen solidarisierten sich mit den Opfern von Fremdenfeindlichkeit und protestierten gegen Rassismus, Nazis und die AfD.

«Wir sind eine Art Gesinnungsfamilie, die zusammen einsteht für dieses freie, geile Land. Ich weiss, dass die meisten Menschen in Deutschland auf unserer Seite sind. Wir brauchen Visionen. Keine Grenzen, keine Mauern, sondern Menschenketten. Wir müssen die Ozeane retten, wir müssen den Klimawandel hinbekommen», sagte Lindenberg im Interview mit dieser Zeitung und ist überzeugt von der Kraft der Musik. Dabei verweist er auf Woodstock und die Hippiebewegung, die dazu beigetragen haben, den Vietnamkrieg zu beenden. Sogar die sonst politabstinente Schlager-Queen Helene Fischer stimmte in den Chor ein: «Wir können und dürfen nicht ausblenden, was zurzeit in unserem Land passiert.»

50 Jahre nach Woodstock ist der Themenkatalog des Protests ungleich grösser geworden. «Die Zeiten, in denen sich jeder gemütlich auf seine Kernkompetenzen zurückziehen konnte und lieber nichts darüber Hinausgehendes sagen wollte, um ja nicht anzuecken, sind vorbei», schreibt der «Rolling Stone».

Und in der Schweiz? Im Schweizer Pop, vor allem im Mundart-Pop, ist bei den erfolgreichsten Musikern von einer Protesthaltung kaum etwas zu spüren. Statt #MeToo-Protest erobert die Hausfrauen- und Mama-Band «Härz» unsere Herzen. Statt gegen Fremdenhass zu protestieren, sind wir von «Heimweh» geplagt. Gölä mags «urchig» und Trauffer, der mit Abstand erfolgreichste Schweizer Musiker der letzten Jahre, beschwört «Schnupf, Schnaps und Edelwyss». Überhaupt: 17 von 29 Schweizer Alben in der Jahreshitparade haben einen volkstümlichen oder Schlager-Hintergrund, die völlig polit- und protestfrei sind und traditionelle, konservative Werte transportieren.

«Leider widerspiegelt die Popmusik etwaige Proteste in einer Gesellschaft nur am Rand. Der erfolgreichste Popsong in Deutschland 1968, dem Schicksalsjahr des Protests überhaupt, war ‹Mama› von Heintje», sagte dazu Georg Schlunegger von Hitmill und geistiger Vater von «Härz» und «Heimweh». Das erklärt aber noch lange nicht die aktuelle Politabstinenz des Schweizer Pop im Vergleich zum Pop in den anderen Ländern.

Eine Frage der Mentalität

«Unsere Protestkultur scheint mir im Moment schon ziemlich mager zu sein. Es gibt nur noch wenige freche Stimmen à la Polo Hofer oder Endo Anaconda», sagt Rootsmusiker Richard Koechli und ortet die politische Zurückhaltung in der helvetischen Mentalität. «Lautes Aufschreien liegt uns offenbar nicht. Vielleicht ist das tatsächlich unser Stil», sagt er und nimmt sich selbst in die Kritik. «Ich wollte kürzlich einen offenen Brief an die Schweizer Musikelite schreiben: Wo zum Teufel bleibt euer Engagement in der Klimafrage?», sagt er und liess es dann doch bleiben. Ähnlich sieht es Sina: «Ich geb’s zu: Manchmal hätte ich gern ein Stück Joan Baez in mir.»

Natürlich gibt’s auch heute erfolgreiche Schweizer Musiker, die Stellung beziehen: Stephan Eicher, Zeal & Ardor oder Sophie Hunger zum Beispiel, doch die sind bezeichnenderweise auf einen internationalen Markt ausgerichtet und weniger abhängig vom kleinen Deutschschweizer Markt.

«Die politische Abstinenz ist ein Ausdruck von Angst», sagt Endo Anaconda. Tatsächlich ist ein Mundartsänger auf den kleinen Deutschschweizer Markt angewiesen. Das ist eine andere Situation als im grossen Deutschland. Wer es aus politischen Gründen mit einem Teil der Bevölkerung verscherzt, hat es umso schwerer. «Es gibt viel zu verlieren», sagt dazu Koechli, «jeder ist deshalb mit seiner eigenen Karriere beschäftigt.» «Bloss nicht hinschauen», ergänzt Anaconda, «sie wollen in ihrer Idylle nicht gestört werden. Stattdessen schaut man nur auf den eigenen Bauchnabel. Es ist eine Frage der Mentalität, die sich fatal auswirken wird.»

«Es fehlt aber auch der Leidensdruck», sagt Koechli weiter. Und Chris von Rohr meint: «Wir sind hier nicht in Russland oder Frankreich. Ich finde populistische Mahnfinger-Popkultur wirkungslos.» «Da lob ich mir einen John Lennon, der sehr clevere, klare Botschaften brachte wie: ‹Give Peace A Chance›, ‹Imagine› oder ‹Working Class Hero›. Seine Songs bewirken langfristig mehr als durchlauferhitzendes, plattes Trommelfeuer.»

Bei Lo & Leduc ist Politik «ein Dauerthema». Das Duo äussert sich aber auch «eher zurückhaltend». «Es ist tatsächlich erstaunlich, wie selten wir alle auf die Strasse gehen. Ich nehme mich selbst davon nicht aus», sagt Lo und führt das auf den Wohlstand in der Schweiz zurück. «Wir haben vielleicht im Verhältnis – noch – eine kleinere Schicht von Menschen, die durch den Neoliberalismus, durch den Abbau des Sozialstaats in die Armut getrieben wird. Das Steuerparadies Schweiz sorgt zudem dafür, dass sehr viel Geld vorhanden ist.»

Für und nicht gegen etwas

Im Vergleich geht es uns in der Schweiz gut, doch die Schweiz ist keine Insel der Seligen. Darin sind sich eigentlich alle einig. Chris von Rohr betont den verbindenden Charakter von Musik: «Ich habe letzthin lange mit Udo Lindenberg zu diesem Thema gesprochen. Wir glauben beide daran, dass Künstler zwar Impulse geben können, aber nur mit einer friedlichen ‹Come-together-message›. FÜR und nicht GEGEN etwas. Musik verbindet Meschen, egal wie unterschiedlich sie ticken. Das ist ihre Stärke. Und jede Revolution beginnt bei sich selbst.»

Endo Anaconda hofft dagegen auf die Protestbereitschaft der Jugend: «Die Jugend hat den Ernst der Lage erkannt. Das haben die Klima-Demonstrationen gezeigt. Doch von der Politik wird sie nur belächelt, infantilisiert kaltgestellt. Sollen sie sich doch im Jugendparlament austoben. Deshalb biete ich mich als Interimspräsident an, bis sie volljährig sind. Und wenn sie erwachsen sind, wird es einen Machtwechsel geben.» Anaconda ist überzeugt, dass sich diese Protesthaltung auch kulturell auswirken wird: «Diese protestierende Jugend will keine Musik vom Bluemetrögli, keinen Heimatgroove. Das ist die Musik der Alten. Gölä und Trauffer spielen auf dem Oberdeck der Titanic. Dem Untergang geweiht.»